Erst am Wochenende haben die Taliban Kundus erobert, mit Aibak folgte die sechste Provinzhauptstadt.

Foto: AP Photo/Abdullah Sahil

Kabul – Immer größer wird in Afghanistan die Zahl jener Gebiete, die zumindest an ihren jeweils wichtigsten Stellen von Taliban-Kämpfern kontrolliert werden. Drei Wochen vor dem angekündigten Ende der US-Militärpräsenz überrollt die Islamistenmiliz, die das Land am Hindukusch bis zu ihrem Sturz durch die US-geführte Koalition 2001 beherrscht hatte, Afghanistan.

Am Montag fiel die insgesamt sechste Provinzhauptstadt an die Aufständischen: Aibak, Hauptstadt der nördlichen Provinz Samangan, sei nun unter Kontrolle der Taliban, wie der stellvertretende Gouverneur der Provinz am Montag bestätigte.

Am Wochenende war – nach vier anderen Provinzhauptstädten – auch Kundus im Norden an die Radikalislamisten gefallen. Dort flüchteten Regierungsbeamte in eine Militärbasis außerhalb der Stadt und ließen die Bevölkerung ohne Wasser und Strom zurück.

Kabul begann Gegenschlag

Am Montag berichteten Augenzeugen von einer massiven Gegenoffensive der Regierungstruppen auf Kundus. Wer kann, macht sich auf den Weg in die 300 Kilometer südlich gelegene Hauptstadt Kabul, die nach wie vor von Regierungstruppen gehalten wird. Die Versorgungslage in Kundus ist schlecht, viele brechen Berichten zufolge zu Fuß auf. So wie auch in der benachbarten Provinzhauptstadt Sar-e-Pul verschanzen sich die Taliban in Regierungsgebäuden im Zentrum von Kundus. Auch aus Herat wurden heftige Kämpfe gemeldet. Allein dort sind in den vergangenen Tagen Behördenangaben zufolge dutzende Menschen bei den Kämpfen getötet worden. Und auch das von den Taliban eroberte Laschkar Gah, Hauptstadt der südlichen Provinz Helmand, wurde nach Angaben von Sicherheitsbeamten von einer lauten Explosion erschüttert.

Ende vergangener Woche hatten die Taliban mit Sarandsch an der iranischen Grenze erstmals seit Jahren eine Provinzhauptstadt unter ihre Kontrolle gebracht, auch Scheberghan, Sitz der Provinzregierung von Dschuzdschan, soll bereits gefallen sein. Ein Taliban-Sprecher warnte die USA davor, die Regierung mittels Luftangriffen zu unterstützen.

Anschläge auf Journalisten

Die Islamistenmiliz untermauert ihren Machtanspruch aber zunehmend auch durch Anschläge auf Regierungsbeamte und Medienvertreter. Am Sonntag wurde der Radiojournalist Tufan Omar nach Behördenangaben in Kabul gezielt von Taliban-Kämpfern ermordet. In Helmand sei ein Lokaljournalist entführt worden. Vergangene Woche war der Sprecher des afghanischen Präsidenten einem Anschlag zum Opfer gefallen.

Die afghanische Botschafterin in Österreich, Manizha Bakhtari, rief indes am Sonntagabend im ORF die internationale Gemeinschaft dazu auf, die Taliban wieder zu Verhandlungen zu bewegen. (flon, 9.8.2021)