Im Treppenhaus der postmodernen Zitatkünste führen alle Wege mit gleicher Zwangsläufigkeit zum Ziel: im Bild die Lithografie "Relativität" (1953) des großen M. C. Escher.

Foto: 91050/United Archives/picturedesk.com

Als Begriff fristet die Postmoderne in zeitgenössischen Verlautbarungen nur noch ein relativiertes Dasein. Sie gilt dann wahlweise: als Phantom einer mehrjährigen Verirrung; als Schreckgespenst des schlechten Geschmacks, verewigt unter anderem in ausgesucht kitschigen Bauwerken; als bloße Phase in der Geschichte der allerneuesten Moderne – als dieser vor sich selbst und den eigenen Konsequenzen angst und bange geworden war.

So oder so gleicht die Postmoderne heute einem verblichenen Etikett: Sie hatte sich einst an die Stelle der Moderne gesetzt. Sie wurde für deren Fortsetzung mit anderen, hedonistischeren Mitteln erklärt. Ihre machtvoll einsetzende Wirkung als Menetekel der Dichtkunst verdankte sie ausgerechnet einem Playboy-Artikel 1969: Leslie Fiedler forderte in Cross the Border – Close the Gap, dass in der schönen Literatur endlich Schluss sein müsse mit der alleingültigen Überhöhung der klassischen Moderne. Keine Macht für Joyce, Valéry oder T. S. Eliot. Endlich Schluss mit der Heldenverehrung von deren wahnwitzigen Autonomieleistungen – auf dem Felde einer sich selbst genügenden Wortkunst.

Stattdessen sollten die Autorinnen und Autoren endlich die Publikumsmassen in die Arme schließen. Nicht um diese zu belehren; sondern um die Wirklichkeit, deren plane Wiedergabe um Wunder der Phantastik zu bereichern. Der postmoderne Schriftsteller sei, so Fiedler, eine Art Doppelagent: "gleichermaßen zu Hause in der Realität der Technologie und der Sphäre des Wunders".

Und so kam es, dass zwei Jahre später, 1971, ein Buch des polnischen Science-Fiction-Autors und Philosophen Stanisław Lem (1921–2006) alle postmodernen Blütenträume mit einem Schlag erfüllte. Lems Prosasammlung Die vollkommene Leere gleicht einem Kompendium sämtlicher Möglichkeiten literarischer Gelehrsamkeit. Ihr Autor zwingt alle Techniken und Aussagearten, die sich Vertreter der Moderne jemals ausgedacht haben könnten, wie unter ein Brennglas zusammen. Das entscheidende Moment liegt in der Vollkommenheit der – lediglich behaupteten – Fiktionalität. Vor genau einem halben Jahrhundert veröffentlichte Lem dieses Konvolut von Buchrezensionen. Deren gemeinsamer Nenner: Keines der besprochenen Bücher hat jemals existiert. Titel wie Wilhelm Kloppers Die Kultur als Fehler oder Alfred Zellermanns Gruppenführer Louis XVI. entspringen einzig und allein Lems spekulativem Kopf.

Gang zum Richtplatz

Ein anderes Mal soll James Joyces Ulysses noch übertroffen werden: in eines gewissen Patrick Hannahans Romankonzentrat Gigamesh. Dieses behandelt die letzten 36 Minuten eines wegen Frauenmords zum Tode verurteilten G. I.s. Sein Gang zum Richtplatz wird dazu benutzt, um das gesamte Weltwissen in einem Netz von intertextuellen Bezügen aufzuspannen. Joyces "Doomsday" lässt irisch grüßen.

Gigamesh ist tatsächlich "a GIGAntic MESS". Deren Held Maesh ist Gilgamesh, der halbgöttliche Held des gleichnamigen babylonischen Epos. Sein alter Kamerad N. Kiddy wiederum ist Gilgameshs engster Freund Enkidu. Und so immer weiter. Allein aus Lems verwickelter Inhaltsangabe entsteht ein polymorphes, postmodernes Kompendium. Alle Sprachen, Modelle und Verfahrensweisen stehen dem (von Lem selbstredend erfundenen) Autor in ein und demselben Augenblick zur Verfügung.

Die Bedeutungen? Existieren, wohlgemerkt, nicht nebeneinander her. Sie sind in ein und demselben Werk simultan aufgehoben: "interferentiell", wie die Wissenschaft sagt. Der besonders aparte Clou dieser von Jorge Luis Borges inspirierten Versuchsanordnung: Man kann sich das besprochene Werk lebhaft vorstellen. Existieren muss es deshalb noch lange nicht.

Wer die Moderne zu übertreffen versucht, scheint dazu verurteilt, ihre hochtrabenden Ansprüche erneut zu stellen. Aus dieser Zwickmühle wies die Postmoderne ein lustvolles Entkommen. Wer die alten Verfahrensweisen zitiert, sie damit überhöht und ein Stück weit ihrer Autorität entkleidet, ist nicht allein intellektuell und elitär; sondern er erreicht auch leichter die Herzen und Wünsche einer großen Bevölkerungsmehrheit.

Längst schraubt die Kulturindustrie ihre Hervorbringungen zusammen, indem sie den Bastelanleitungen der Avantgarde deren stimmigste Techniken für ihre Zwecke entnimmt. In den Schlüsselwerken der aktuellen Sozialliteratur fristet die Postmoderne nicht einmal mehr ein Mauerblümchendasein. Wissenschafter wie Andreas Reckwitz sprechen, von Industriestaats wegen, von der "Spätmoderne", wenn sie die Verwerfungen und Tücken der neoliberal-kapitalistischen Wirklichkeit auf den kleinsten Nenner bringen wollen.

Lems geniale Intuition ist heuer ein halbes Jahrhundert alt. Seitdem hatte die Postmoderne das Ende der "großen Erzählungen" ausposaunt. Keine (allein) legitimierende Leitidee sollte es mehr geben, nur noch in fröhlicher Parallelität vor sich hinwuchernde Sprachspiele. Die dazu passende seelische Verfassung: am besten polymorph-divers.

Projekt beendet?

Ob das "Projekt der Moderne" über den Umweg der Postmoderne damit endgültig beendet – oder nicht doch eher achselzuckend fortgesetzt – worden ist: Über solche Fragen wird heute kein Aufhebens mehr gemacht. Wie der listenreiche Stanisław Lem in einer seiner ingeniösen Buchrezensionen schreibt: "Entweder ist etwas authentisch oder nicht-authentisch, falsch oder richtig, vorgetäuschtes Spiel oder spontanes Leben – hier aber haben wir verlogene Wahrheit und nicht authentische Authentizität, also Wahrheit und Lüge zugleich." (Ronald Pohl, 10.8.2021)