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Dass die Familienarbeitszeit gerechter aufgeteilt werden muss, darin sind sich die Expertinnen und Experten einig. Darüber, wie man dieses Ziel erreicht, wird aber diskutiert

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Arbeiterkammer-Expertin Ingrid Moritz verteidigt in ihrem Gastkommentar das kürzlich vorgestellte Modell der Familienarbeitszeit und antwortet auf Kritik.

Kürzlich haben die Arbeiterkammer und der Österreichische Gewerkschaftsbund das Modell der Familienarbeitszeit präsentiert. Wenn beide Elternteile 28 bis 32 Stunden arbeiten, soll es einen Bonus von 250 Euro monatlich je Elternteil längstens bis zum vierten Geburtstag des Kindes geben. Alleinerziehende sollen ebenfalls einen Bonus erhalten. Damit wurde eine breite öffentliche Diskussion ausgelöst. Neben viel Zuspruch gab es auch kritische Stimmen. So argumentierte etwa Monika Köppl-Turyna, Direktorin des wirtschaftsnahen Instituts Eco Austria, dass mit der Familienarbeitszeit die falsche Priorität gesetzt würde und der Ausbau von Kinderbetreuung wesentlich dringlicher sei. Zudem würde das Familienarbeitszeitmodell Teilzeit noch verstärken, was sich nachteilig auf Frauenpensionen auswirke.

Langjährige Versäumnisse

Köppl-Turyna plädiert in ihrem Gastkommentar dafür, in Kinderbetreuung zu investieren. Sie findet allerdings, der Familienzeitbonus sei der falsche Weg, um Familienarbeit gleich aufzuteilen. Aus meiner Sicht braucht es beides – den Ausbau der Kinderbetreuung und Anreize zur fairen Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen Männern und Frauen. Sollen Frauen in Sachen Gleichstellung wirklich vertröstet werden, bis die Kinderbetreuung ausgebaut ist? Nein, denn aus langjährigen Versäumnissen sollten nicht weitere Versäumnisse produziert werden.

Unbestritten zählen der Ausbau und Verbesserungen in der Kinderbetreuung zu den Politikfeldern, in denen Österreich viel zu lang schon säumig ist. Die negativen Folgen dieser Untätigkeit zeigen sich auf vielfache Weise: Ohne Betreuungsangebot wird Kindern professionelle Frühförderung vorenthalten. Frauen wird der rasche Wiedereinstieg in den Beruf erschwert, und sie haben weniger Chancen am Arbeitsmarkt. Die Lücken in der Kinderbetreuung haben auch für die Wirtschaft negative Auswirkungen – etwa bei der Suche nach Fachkräften. Diese Probleme werden im schulischen System fortgeschrieben, wo das Halbtagsmodell noch immer die Norm ist.c

"Die Schere bei Bezahlung und Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit geht zwischen Männern und Frauen ganz besonders auf, wenn es zur Familiengründung kommt."

Sozialpartner und Industriellenvereinigung haben sich in einem gemeinsamen Positionspapier für einen schrittweisen Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung ausgesprochen: Ab 2023 soll es einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem zweiten Geburtstag geben, ab 2025 soll das Recht auf einen Betreuungsplatz ab dem ersten Geburtstag des Kindes garantiert sein. Auch die Betreuungsqualität soll gehoben werden: Das reicht von ganztägigen Öffnungszeiten bis zu einer frühzeitigen, spielerischen Auseinandersetzung mit Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT), um den Kindern mehr Chancen für das spätere Berufsleben zu eröffnen. Damit all das möglich ist, braucht es eine Ausbildungsoffensive für ElementarpädagogInnen und nachhaltige Finanzierung. Allein um zumindest den EU-Schnitt der Investitionen in Kinderbetreuung zu erreichen, muss Österreich jährlich rund eine Milliarde Euro an zusätzlichen Mitteln in die Kinderbildung investieren. Die Schere bei Bezahlung und Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit geht zwischen Männern und Frauen ganz besonders auf, wenn es zur Familiengründung kommt. Frauen haben lange Unterbrechungen und kehren mehrheitlich in geringer Teilzeit auf den Arbeitsmarkt zurück. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Neben Defiziten in der Kinderbetreuung sind familienfeindliche Arbeitszeiten wie auch traditionelle Rollenmuster maßgeblich.

Arbeitszeit aufstocken

Das Modell des Familienzeitbonus setzt genau hier an: Wenn beide Elternteile Teilzeit in einem hohen Stundenausmaß von rund 30 Stunden arbeiten, soll das finanziell gefördert werden. Wer weniger Stunden arbeitet, muss die Arbeitszeit aufstocken. Das betrifft in der Regel die Mütter, die nur wenige Wochenstunden arbeiten. Es kommt also nicht zu einer Verfestigung von Teilzeit. Vielmehr schafft der Familienzeitbonus einen Anreiz für Frauen, die Stunden zu erhöhen. Gleichzeitig müssen aber Väter ihre Stunden reduzieren, damit der Familienzeitbonus zum Tragen kommt. Alleinerziehende, die ja nicht partnerschaftlich teilen können, erhalten in dem Modell einen Bonus, wenn sie zwischen 28 und 32 Stunden arbeiten. Nachdem im Pensionskonto jeder eingezahlte Euro zählt, wirkt sich die Aufstockung der Arbeitszeit auch positiv auf die Frauenpensionen aus.

Damit das aber in der Praxis greift, sind auch die Unternehmen gefordert: Sie müssen familienfreundliche Arbeitszeiten ermöglichen und ihre Rollenvorstellungen überdenken. Denn junge Väter legen immer mehr Wert darauf, in einem Unternehmen zu arbeiten, das ihnen auch Zeit für ihr Kind ermöglicht. Unternehmen, die auf zufriedene, motivierte Beschäftigte setzen, sind gut beraten, sich auf die im Umbruch befindlichen Rollenmuster vorzubereiten. Dass es möglich ist, zeigen uns die skandinavischen Länder. Dort gehören familienfreundliche Arbeitszeiten längst zur Normalität. (Ingrid Moritz, 11.8.2021)