Sie sind die ersten historisch realen Frauenfiguren im New Yorker Central Park: die Frauenrechtlerinnen Sojourner Truth, Elizabeth Cady Stanton und Susan B. Anthony.

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Das Wiener Denkmal für vom Nationalsozialismus verfolgte Homosexuelle kommt in dieser Fassung doch nicht. Das Projekt muss nach Absage des Künstlers Marc Quinn neu ausgeschrieben werden.

APA/Marc Quinn

Das Projekt einer Namenswand für die 65.000 von den Nazis ermordeten österreichischen Jüdinnen und Juden wird aktuell auf der Grünfläche vor der Nationalbank realisiert. Es ist umstritten.

Webhofer Architekten

Seit im Jahr 2020 die Black-Lives-Matter-Bewegung von den USA nach Europa überschwappte, ist das Thema Denkmalsturm und auch -sturz in aller Munde. Zumindest infrage gestellt wollen sie werden, all die steinernen und bronzenen Heroen diesseits und jenseits des Atlantik, allesamt weiß, meistens männlich und aus heutiger Sicht ethisch oft nicht mehr tragbar: Rassismus und Antisemitismus wiegen für die Kritiker schwerer als die (vermeintlichen) Errungenschaften, wegen derer man den Verehrten das Denkmal einst setzte.

Viele der heute befragten Monumente stammen aus dem 19. Jahrhundert – einer Zeit der nationalen Selbstvergewisserung. Und wie die US-Zeitschrift The Atlantic am Beispiel der gestürzten Statue des Sklavenhändlers Edward Colston in Bristol erinnerte, war ihre Errichtung oft schon damals keineswegs so unumstritten, wie es heute erscheint. Meistens war die Initiative zur Heldeneinschreibung zudem von elitären, reichen Bürgern ausgegangen, also von einer Minderheit, wie auch jene, die die Denkmäler heute weghaben wollen, meist einer Minderheit angehören.

Demokratisch? Kaum.

So wirklich demokratisch, das sollte man sich vor Augen halten, ist wohl noch kein Denkmal legitimiert worden. Was damals reiche Bürger mit guten Kontakten durchboxten, passiert heute auf Empfehlung politisch bestellter Fachjurys. Dabei wären Grätzel- und Volksbefragungen nicht nur zu Parkpickerln, sondern auch zu Erinnerungskunst im öffentlichen Raum ja gar kein Ding der Unmöglichkeit.

Abseits des Sturzes etablierter Denkmäler stellt sich nun aber die Frage: Welche Erinnerungsorte werden eigentlich heute geschaffen? Welche sollten wir schaffen? Woran lohnt es sich, 2021 zu erinnern?

Wer sich ein wenig umblickt, erkennt bald: Es geht heute vielfach darum, den bislang Marginalisierten Sichtbarkeit zu verschaffen. So existieren Initiativen weltweit, die zum Ziel haben, mehr historische Frauenpersönlichkeiten auf den Sockel zu heben – kommen Frauen doch bislang meist bloß als anonyme Allegorien oder dekorativ vor. Im August 2020 wurden nun die ersten historischen Frauenfiguren im New Yorker Central Park aufgestellt. Das Women’s Rights Pioneers Monument zeigt die Frauenrechtlerinnen Sojourner Truth, Elizabeth Cady Stanton und Susan B. Anthony – ästhetisch naturalistisch, so wie man sie wohl auch 1920 geschaffen hätte, in dem Jahr, in dem sie das Frauenwahlrecht durchsetzten. In Wien plagt man sich aktuell nicht nur mit dem von Aktivisten und Wissenschaftern bestürmten Karl-Lueger-Denkmal. Auch eine Eigeninitiative der Stadt lief zuletzt nicht glatt: Das geplante Denkmal für verfolgte Homosexuelle im Nationalsozialismus, das im Resselpark entstehen soll, muss neu ausgeschrieben werden.

Die bereits als Siegerprojekt vorgestellten, einander berührenden Hände auf einer verspiegelten Tischplatte, die der britische Künstler Marc Quinn erdacht hatte, zog dieser jetzt zurück. Die veränderten Bedingungen durch die Pandemie würden eine Umsetzung derart erschweren, hieß es als Begründung, dass Quinn ganz davon Abstand nahm. Die Stadt Wien bedauerte, Quinns Erklärung blieb bislang rätselhaft.

Zweites Shoah-Denkmal

Der als eigenwillig geltende und nicht unumstrittene Künstler griff übrigens auch in die Auseinandersetzung um die gestürzte Colston-Statue in Bristol ein. Er stellte an die Stelle des nunmehr ins Museum verfrachteten Sklavenhändlers ungefragt die Statue einer Black-Lives-Matter-Aktivistin. Dem Künstler wurde dafür aber nicht nur applaudiert, auch der Opportunismusvorwurf war schnell zur Hand. Dass die Wiener Hände nun nicht realisiert werden, bedauern indes viele.

Realisiert wird in Wien hingegen nach jahrelangem Hin und Her ein anderes Mahnmal zu den NS-Verbrechen: eine Namensmauer, die an 65.000 österreichische Jüdinnen und Juden erinnern soll, die im Holocaust ermordet wurden. Gebaut wird sie im Park vor der Nationalbank, Unterstützung erhielt das auf eine Privatinitiative zurückgehende Projekt ausschließlich von Politikern aus der türkisen Ecke. Vom ORF jüngst anonym befragte Historiker stießen sich an dem Projekt, vor allem, da es nicht auch andere Opfergruppen – u. a. Homosexuelle, Roma und Sinti, Behinderte – in die Erinnerung miteinbezieht. Zudem existiert in Wien seit dem Jahr 2000 bereits ein ähnliches Mahnmal für die österreichischen jüdischen Opfer der Schoah auf dem Judenplatz im ersten Bezirk.

Ist es also ein Wesensmerkmal der Zeit, dass Opfergruppen bloß nicht "mitgemeint", also zusammen erinnert, werden wollen, sondern auf "Exklusivität" beharren? "Es ist wichtig, dass unterschiedliche Gruppen auf die unterschiedlichen Verbrechen und auf ein angemessenes Erinnern hinweisen", sagt die deutsche Historikerin Hedwig Richter dem STANDARD.

Das heroische nationale Selbstbild aus dem 19. Jahrhundert "funktioniert nicht mehr reibungslos, das ist schief, weil die Welt als viel komplexer empfunden wird, weil diese lange Zeit vertretene Gedenkkultur viele Kapitel aus der Geschichte ausblendet und das Leiden zahlreicher Menschen ignoriert und damit ausradiert."

Ebenso wichtig erscheinen Richter aber auch die Diskussionen darüber. "Sie sind ein zentraler Bestandteil der Erinnerungskultur." Und eine ebensolche Diskussion, bekritteln die Wiener Historiker, habe es beim umstrittenen neuen Shoah-Denkmal nicht gegeben.

Bestehendes anders denken

Prinzipiell sei einer Demokratie angemessen, "dass sich jede Generation neu ihre Gedanken macht, an wen sie erinnern will", sagt Richter. Nicht immer brauche es dafür aber zwingend neue Denkmäler. Durch Interventionen an bestehenden lasse sich oft noch viel besser der Lauf der Geschichte darstellen.

Und wie verhält es sich mit Ereignissen? Ergibt es Sinn, wie zuletzt in Graz passiert, jetzt schon Denkmäler an die Corona-Pandemie aufzustellen oder, wie jüngst Autoren in der FAZ forderten, angesichts der deutschen Flutkatastrophe mehr "meteorologische Denkmalkultur" als Warnung auszuloben? Die Historikerin hält das für eine gute Idee.

Aber auch hier ließe sich fragen, ob nicht das Bestehende bereits viel zu sagen hätte: Sind die allerorts zu findenden Pestsäulen nicht auch sehr heutig zu denken? Und warnen die zahlreichen Hochwassermarkierungen an Hausfassaden entlang von Flüssen nicht seit jeher? Nicht immer muss es wohl die in Stein gehauene Denkhilfe sein. Von der Bodenversiegelung ganz zu schweigen. (Stefan Weiss, 11.8.2021)