Die Masken sind im Handel nicht gefallen. Tragepflicht besteht in Lebensmittelgeschäften, Apotheken und Banken. Wer in Wien einkauft, kommt um sie auch in sämtlichen anderen Geschäften nicht herum.

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Wien – Die Therapie hat gut funktioniert. Aber es kommt der Tag, an dem die Patienten raus aus dem Spital müssen. Nicht alle werden bis dahin wieder auf ihren eigenen Beinen stehen können", warnt Stephan Mayer-Heinisch. Der Präsident des Handelsverbands betrachtet die jüngsten statistischen Daten, die eine stete Erholung des Einzelhandels skizzieren, mit Vorsicht.

Zahlreiche Betriebe hinkten dem wirtschaftlichen Aufschwung heuer hinterher. Selbst innerhalb gleicher Branchen gingen tiefe Gräben auf. Während etwa Modehändler rund um die Kärntner Seen frische Kräfte tanken, stecken Geschäfte in der Wiener Innenstadt, die von internationalen Touristen leben, seit Monaten tief in der Corona-Krise fest.

Deutlicher Zuwachs

Die Statistik Austria weist Österreichs Handel von Jänner bis Juni in einer vorläufigen Auswertung einen realen Umsatzzuwachs von 5,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum aus. Damit nähert sich der Absatz des Handels abseits der stark nachgefragten Lebensmittel jenem Niveau an, das er vor der Pandemie hatte. Die Signale seien gut, die Richtung stimme, meint Rainer Trefelik, Handelsobmann in der Wirtschaftskammer. Aber auch für ihn zeigen die Zahlen nur die halbe Wahrheit.

Zu wenig vergleichbar seien die zwei Halbjahre aufgrund der unterschiedlich rigiden und langen Lockdowns. Zu weit klafften die Umsätze einzelner Unternehmen und Regionen auseinander. Vor allem aber hänge der Herbst wie ein Damoklesschwert über dem Land. Reduzieren höhere Infektionszahlen die wiedergewonnene Freiheit, droht auch der Konsum erneut zu versiegen.

Dresscode: Aus Beständen

Die staatlichen Hilfen hätten dafür gesorgt, dass Händler nicht reihenweise zugleich den Schlüssel abgaben, resümiert Mayer-Heinisch. "Sie haben die Symptome bekämpft." Nach 18 Monaten massiver Unsicherheit sei das Einkaufsverhalten aber ein anderes geworden. Und das bekomme angesichts der ohnehin vollen Kleiderschränke vor allem der Modehandel zu spüren, der auch an steuerlich begünstigte Onlineriesen seit Jahren an Boden verliert.

Als neuer Dresscode bei so mancher Einladung zu Feiern gilt nunmehr: aus Beständen. Die Folge: Textilbetriebe setzen heuer bis zu ein Drittel weniger um als vor Corona.

Schuhhandel strauchelt

Vor allem große Schuhkonzerne straucheln. Die polnische Kette CCC zieht sich wie berichtet aus Österreich zurück. Die steirische Humanic-Mutter Leder & Schuh häufte im Vorjahr Verluste in Höhe von knapp 35 Millionen Euro an, berichtete die APA mit Blick auf den jüngsten Geschäftsbericht. 10,6 Millionen Euro an staatlichen Hilfen, die den Konzern finanziell über Wasser hielten, wurden ertragswirksam erfasst.

Geschäfte rund um Lebensmittel, Sport und Elektronik hingegen florieren. Auch Buchhändlern hielten viele Konsumenten die Treue.

In Kurzarbeit sei im Einzelhandel derzeit nur noch ein kleiner Anteil der Betriebe, sagt Trefelik. Als Rettungsanker und Sicherheitsnetz hält er diese angesichts möglicher neuer Restriktionen des sozialen Lebens im Herbst nach wie vor für unerlässlich. Doch während einzelne Unternehmen Arbeitszeit reduzieren, gehen anderen die Mitarbeiter aus.

Angestellte wechselten in Branchen mit familienfreundlichen Arbeitszeiten abseits von Wochenend- und Abenddiensten. Händlern fehlten vor allem im Großraum Wien geeignete Leute, sagt Mayer-Heinisch.

Weniger Konsum, mehr Zeit

Die Bereitschaft zur beruflichen Mobilität sei trotz guter Pendlerzuschüsse quer durch Österreich gering. Corona habe den Kampf des Handels um Mitarbeiter verschärft.

"Viele Menschen haben in Kurzarbeit und Homeoffice gelernt, dass sie auch mit weniger Einkommen, weniger Konsum und Reisen, dafür mit mehr Zeit für die Familie ein gutes Leben führen können", sagt Mayer-Heinisch. Ohne Ärmelaufkrempeln, allein mit Work-Life-Balance ließen sich Krisen jedoch nicht bewältigen, gibt Trefelik zu bedenken.

Stoßen viele Händler Arbeitnehmer aber nicht vor allem durch niedrige Gehälter vor den Kopf? Mayer-Heinisch spricht von einem "extremen Missverhältnis zwischen Brutto- und Nettoverdienst", von einem "gefräßigen Staat mit all seinen Untermietern, von der Sozialversicherung bis zu den Arbeiterkammern, die an jeder Lohnerhöhung still und leise partizipieren. Das ist es vor allem, was viele Leute grantig macht."

Kein Vermögen

Bei der geplanten Steuerreform gehörten beschäftigungsintensive Wirtschaftszweige entlastet, fordert der Handelsverband-Präsident. Er schlägt unter anderem vor, dass die Kammern die nächsten drei Jahre auf ihren Anteil an den Lohnerhöhungen verzichten – diesen den Beschäftigten quasi schenken. "Letztlich muss auf dem Gehaltszettel netto mehr übrigbleiben."

Der Aufbau von Vermögen in Österreich sei für Junge mittlerweile nicht mehr leistbar. "Eine eigene Wohnung, ein Haus am Land ist für viele fast nicht mehr zu finanzieren. Ich sehe das als eine der größten volkswirtschaftlichen Gefahren." (Verena Kainrath, 11.8.2021)