Die von der Satireplattform Die Tagespresse vor dem Handelsgericht Wien eingebrachte Klage gegen den ÖVP-Abgeordneten Andreas Hanger wegen unlauteren Wettbewerbs sorgt mancherorts für Missverständnisse. "Kaum Aussicht auf Erfolg" attestiert ihr zum Beispiel der STANDARD und konzentriert sich dabei ausschließlich auf die juristischen Konsequenzen.

Gegen Letztere spricht tatsächlich ein wesentlicher Grundsatz jeder satirischen Tätigkeit: Es gibt einen Unterschied zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Komik.

Der ÖVP-Abgeordnete Andreas Hanger.
Foto: APA/HERBERT NEUBAUER

Gleichzeitig kann man bei Beachtung dieses Grundsatzes aber auch den zutiefst versöhnlichen, bislang kaum gewürdigten Aspekt der Klage erkennen: Sie ist eine einzigartige Chance für Andreas Hanger. Mit einem formlosen Geständnis – die dadurch seiner Partei entstehenden Gerichtskosten sollten (spätestens nach einem Anruf bei Novomatic, KTM oder Alexander Schütz) kein ernsthaftes Problem darstellen – kann er seine angeschlagene Reputation wiederherstellen.

Indem Hanger seine in der Klage aufgelisteten, oftmals grotesk wirkenden Wortmeldungen der letzten Monate als Satire deklariert, entzieht er auch jenem Gerücht die Nahrung, wonach er nur als willenloser Befehlsempfänger gehandelt hätte, der von einer Art verinnerlichten Stimme des Bundeskanzlers gelenkt würde – ein als "Talk im Hanger" beschreibbares Phänomen.

Heiterkeitsmanifestationen

Darüber hinaus dürfte diese Wahrnehmung von "Satire als Chance" schon Nachahmer gefunden haben. Anders ist beispielsweise nicht zu erklären, dass die latent humide Krone-Boulevardruine Michael Jeannée unlängst gegen Alkoholismus zu Felde zog und die "Verniedlichung von Saufen als Kavaliersdelikt" geißelte, was wie Kapitalismuskritik aus dem Mund von Dagobert Duck klingt. Der diesen Worten offenbar zugrunde liegende Wunsch nach einer Klage à la Hanger dürfte aber kaum in Erfüllung gehen, zumal das bloße Zitieren aus Jeannée-Kolumnen auf heimischen Kabarettbühnen als Garant für ausgelassene Heiterkeitsmanifestationen im Publikum gilt. Dabei sorgt das Hintergrundwissen "der meint das ernst!!!" für den finalen Kick aus Komik und Grusel, auf den sowohl Akteur als auch Zuschauer nur ungern verzichten würden.

In anderen Bereichen sind der nachträglichen Umetikettierung zur Satire keine Grenzen gesetzt. Ganz besonders bietet sich dafür aktuell die sogenannte "Wahl des ORF-Generaldirektors" an. Begleitet von launigen Küniglbergbauernregeln wie "Wird der Fleischmann zum Fleiß-Mann, freut das den Weißmann" wurde die Ernennung des neuen ORF-Chefs durch Sebastian Kurz in zynisch-sarkastischer Zuspitzung als "Wahl" bezeichnet. Der so "Gewählte" meint dazu: "Es wird bei mir keine Intervention geben" – eine klassisch gesetzte Punchline, mit der er den Umstand, dass für seine politische Willfährigkeit nicht einmal mehr Interventionen nötig sein werden, pointiert entlarvt.

So wird die Grenze zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Komik verwischt, und der ORF kann – das sollte vielleicht auch mich und meine Kollegen von der Tagespresse trösten – immerhin das Nichtvorhandensein politischer Satire in seinen Programmen mit politischer Realsatire ein wenig kompensieren. (Florian Scheuba, 12.8.2021)