Wie viele Impfdosen in Österreich bereits entsorgt werden mussten, wird nirgendwo zentral erfasst. Sämtliche involvierten Stellen beteuern aber, dass das nur in Ausnahmefällen vorkommt und, wenn, nur einzelne Dosen betrifft.

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Die Debatte rund um verfügbare Impfdosen hat sich gedreht: Erst waren nicht genügend im Land, nun wollen sich nicht mehr genügend Menschen impfen lassen, wie Dosen zu haben wären. Eine Entwicklung, mit der zu rechnen war und die nun die Frage aufwirft: Was passiert jetzt mit all diesen überschüssigen Dosen? DER STANDARD schlüsselt auf, wo sie herumschwirren.

Das allererste Problem hierbei ist allerdings, dass niemand weiß, wie viele Impfdosen tatsächlich gerade im Land sind. Weil es von der verwendeten Nadel und mitunter auch von der Geschicklichkeit des impfenden Arztes oder der impfenden Ärztin abhängt, wie viele Dosen tatsächlich aus einer Phiole herausgezogen werden, gibt es dazu keine konkreten Zahlen.

Nur so viel: Rein theoretisch wurden bisher etwa 11,8 Millionen Dosen an Österreich geliefert. Davon wiederum wurden etwa 9,7 Millionen Dosen an die Impfstellen weitergeliefert. Dort jedoch – und hier steckt die Unklarheit – wurden bereits über zehn Millionen Dosen verimpft. Die Differenz ist das, was durch Geschicklichkeit und Sparnadel mehr wird – minus dem, was weggeworfen wurde oder noch auf Vorrat ist.

Wie viel wird weggeworfen?

Allein im dritten Quartal sollen noch 2,2 Millionen Dosen von den Herstellern geliefert werden. Davon, dass deswegen Impfdosen im großen Stil weggeworfen werden, will aber niemand reden. Zwar wurden schon Fälle bekannt, bei denen Überlinge im Müll landeten, dabei handelte es sich aber um Einzelfälle.

Braucht etwa ein Betrieb doch nicht so viele Dosen wie für sein Personal bestellt, gibt er sie weiter – wenn eine Dosis noch nicht verdünnt wurde, ist sie mehrere Tage haltbar, ist sie schon verdünnt, nur wenige Stunden.

So heißt es von Lidl, die wenigen Dosen, die während der betrieblichen Impfungen übriggeblieben wären, habe man an öffentliche Stellen gegeben, "somit musste kein einziger Impfstoff entsorgt werden". Auch Hofer schreibt in einem Statement, man habe einerseits Wartelisten, falls jemand nicht auftauche, nachdem diese erschöpft waren, seien noch 50 Dosen geblieben. Die habe man dann lokal niedergelassenen Ärzte gegeben.

Was machen die Bundesländer?

Und die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte? Verwurf sei "kaum bekannt", sagt ein Sprecher der Ärztekammer. Ärztinnen und Ärzte würden Dosen, wenn sie transportfähig sind, untereinander vermitteln oder in Impfstraßen bringen.

Auch die Bundesländer beteuern, dass es selten zu Verwurf komme. Wenngleich kaum ein Bundesland weiß, wie oft das bisher eigentlich passiert ist. Einzig aus Vorarlberg heißt es, man habe in Summe weniger als 50 Spritzen wegschmeißen müssen.

Der Sprecher der Impfkoordinationsstelle Niederösterreichs sagt, da gehe es "maximal um einzelne Spritzen", die man im letzten Moment nicht losbekommen würde, der Verwurf sei "minimalst". In Oberösterreich erklärt man: "Nichtverwendete Impfdosen werden am Ende eines Tages, sofern das Ablaufdatum heransteht, sofort zu anderen Impfstationen gebracht." Dennoch bittet man darum, einen Impftermin abzusagen, wenn man ihn nicht wahrnehmen möchte – auch damit jemand anderes ihn haben kann.

Auch in Salzburg werde kein Impfstoff im großen Stil weggeschmissen, versichert die Sprecherin des Roten Kreuzes, Roberta Thanner. Bei den Impfstraßen würden die Ärzte bereits zu Mittag abschätzen können, wie viele Personen ausgefallen seien oder den Termin nicht wahrgenommen haben. Nur vereinzelt würden vorbereitete Spritzen weggeworfen werden, betont sie.

Damit nicht einmal mehr einzelne schon aufgetaute Dosen entsorgt werden müssen, denken laut einem Bericht der Welt am Sonntag manche Impfstoffhersteller bereits darüber nach, auf kleinere Verpackungsgrößen umzusteigen. Die Umstellung wird aber dauern: Man werde dazu in sechs Monaten ein Update geben können, wird eine Sprecherin von Biontech in dem Bericht zitiert.

Wie viel wird gespendet?

Ist der Impfstoff noch gar nicht aufgetaut, dann kann er nach Wien an den Bund zurückgeschickt werden. Das geht aber nur, wenn er zuvor in einem Auslieferungslager des Pharmagroßhandels lag, heißt es vom Gesundheitsministerium. Eine derartige "Rückführung", wie man das im Gesundheitsministerium nennt, habe bisher nur bei Dosen von Astra Zeneca stattgefunden.

Österreich hat bekanntlich schon vor Monaten entschieden, Astra Zeneca nicht mehr für Erststiche zu verwenden, darum werden die Dosen kurzerhand an andere Staaten gespendet. Bisher gingen laut Angaben des Gesundheitsministeriums 500.000 Dosen Astra Zeneca an Bosnien und Herzegowina, 50.000 gingen an Tunesien. Aktuell in Umsetzung sei außerdem eine 100.000 Dosen große Spende an den Libanon. Österreich habe dazu die Koordination des Weiterverkaufs eines EU-Kontingents von 650.000 Dosen Biontech an sechs Westbalkanländer übernommen.

Alle anderen Dosen, die momentan nicht verimpft werden können, werden für die dritte Impfrunde aufgehoben, die Mitte Oktober startet. Mehr als 1,5 Millionen Dosen liegen daher momentan unbestellt in verschiedenen Lagern im ganzen Land verteilt – Kapazitätsprobleme seien da aber keine in Sicht. (Gabriele Scherndl, Jan Michael Marchart, Stefanie Ruep, 16.8.2021)