Taliban-Kämpfer in Herat, 13. August.

Foto: AFP

Taliban-Fahne am Grenzübergang Spin Boldak, Pakistan.

Foto: REUTERS/TALIBAN HANDOUT

Die Taliban haben Ghazni, 150 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Kabul, eingenommen.

Foto: AP/Gulabuddin Amiri

Diese afghanischen Soldaten haben sich in Ghazni ergeben.

Foto: AP/Gulabuddin Amir

Ghazni ist unter Kontrolle der Aufständischen.

Foto: AP/Gulabuddin Amir

In der Nacht auf Freitag verließ die afghanische Armee Kandahar.

Foto: AP/Sidiqullah Khan

In Kabuls Parks kampieren Flüchtline.

Foto: AFP/WAKIL KOHSAR

Herat/Kabul/Wien – Nach dem schnellen Vorstoß der radikalislamischen Taliban kontrolliert die afghanische Regierung nur noch drei Großstädte. Die Islamisten nahmen am Freitag mit Kandahar und zuvor Herat die zweit- und die drittgrößte Stadt des Landes ein. Mit Pul-e Alam in der Provinz Logar eroberten sie zuletzt zudem eine Provinzhauptstadt nur 70 Kilometer südlich der Hauptstadt Kabul. Die Regierung hält neben Kabul damit nur noch den ehemaligen Bundeswehrstandort Masar-i-Scharif im Norden und Jalalabad an der Grenze zu Pakistan.

Taliban: Bevölkerung heißt uns willkommen

Ein Sprecher der Islamisten sagte dem Sender Al-Jazeera, man werde die Tür zu einem politischen Weg nicht zuschlagen. Dass große Städte so schnell von den Taliban eingenommen würden, zeige aber, dass die Afghanen die Taliban willkommen hießen.

Präsident Ashraf Ghani schwieg lange zur Lage. Am Freitagnachmittag teilte sein Stellvertreter Amrullah Saleh mit, in einer Sicherheitssitzung im Präsidentenpalast sei entschieden worden, weiter der "Armee der Ignoranz und des Terrors", damit meinte er die Taliban, entgegenzustehen. Man werde den Sicherheitskräften alle dafür notwendigen Mittel zur Verfügung stellen. Es wird geschätzt, dass es rund 300.000 Sicherheitskräfte und 60.000 Taliban-Kämpfer gibt.

Besorgte Reaktionen im Westen

Die Nato hatte für Freitag eine Sondersitzung in Brüssel einberufen. Zentrales Thema dürften die Planungen für Evakuierungsmaßnahmen in Afghanistan gewesen sein. Mehrere Staaten bereiten sich bereits auf die Evakuierung ihrer Botschaftsmitarbeiter und anderer Staatsbürger vor. Die US-Streitkräfte verlegen deshalb rund 3.000 zusätzliche Soldaten an den Flughafen in Kabul. Zudem verlegen die USA bis zu 4.000 weitere Soldatinnen und Soldaten nach Kuwait und 1.000 nach Katar – für den Fall, dass Verstärkung gebraucht wird.

Der deutsche Außenminister Heiko Maas rief alle Deutschen dazu auf, Afghanistan jetzt zu verlassen. Diejenigen einheimischen Helfer der Bundeswehr und anderer Behörden, die noch keine Visa hätten, würden diese in Deutschland erhalten. "Das wird die Ausreise beschleunigen." Auch Frankreich, Norwegen, die Schweiz und Dänemark wollen ihre Diplomaten beziehungsweise afghanische Botschaftsmitarbeiter und deren Familien so schnell wie möglich in Sicherheit bringen.

Der britische Verteidigungsminister Ben Wallace sagte der BBC, Afghanistan stehe vor einem Bürgerkrieg und warnte vor einer Rückkehr des Terrornetzwerkes Al-Kaida. Der Abzug westlicher Truppen komme zum falschen Zeitpunkt, kommentierte er die Lage in einem Interview mit dem britischen Nachrichtensender Sky News. Wallace schloss zudem nicht aus, erneut britische Soldaten nach Afghanistan zu schicken. Das könne der Fall sein, wenn sich dort die Extremisten der Al-Kaida in einer Weise aufstellten, dass sie den Westen bedrohten, sagt der Verteidigungsminister dem Sender LBC. "Ich lasse mir da jede Option offen." Afghanistan dürfe "nicht erneut zur Brutstätte für Terror" werden, sagte auch Premierminister Boris Johnson nach einem Krisentreffen seines Kabinetts und warnte den Westen davor, sich von dem Land am Hindukusch abzuwenden.

Warnungen vor Gewaltübernahme

Indes warnen die Vereinten Nationen vor einer humanitären Katastrophe und rufen die Nachbarn Afghanistans auf, ihre Grenzen für Flüchtlinge offen zu halten. UN-Generalsekretär Antonio Guterres forderte von der Taliban die sofortige Einstellung ihres gewaltsamen Vormarsches: Die Macht durch militärische Gewalt an sich zu reißen ist ein zum Scheitern verurteiltes Vorgehen". Dieser könne nur zu einem verlängerten Bürgerkrieg oder der kompletten Isolation von Afghanistan führen. Auch der EU-Außenbeauftragter Josep Borrell hatte den Taliban mit Isolation gedroht, sollten sie die Macht mit Gewalt an sich reißen.

Nach Ansicht von Russlands Außenminister Sergej Lawrow schwindet jedoch die Hoffnung auf eine diplomatische Lösung des Konflikts. "Wir sprechen mit allen mehr oder weniger bedeutenden politischen Kräften in Afghanistan – sowohl mit der Regierung als auch mit den Taliban", sagte er am Freitag bei einem Besuch in dem südrussischen Dorf Sambek der Agentur Interfax zufolge. "Wir sehen aber, wie schwierig es ist, in der afghanischen Gesellschaft einen Konsens zu finden."

Republikaner: Biden muss Afghanistan unterstützen

Der Minderheitsführer der Republikaner im US-Senat, Mitch McConnell, rief die US-Regierung zu einer sofortigen Verstärkung der Unterstützung für die afghanischen Sicherheitskräfte auf. Falls Präsident Joe Biden seinen Kurs "nicht schnell ändert, sind die Taliban auf dem Weg dazu, sich einen bedeutenden militärischen Sieg zu sichern", warnte McConnell.

Im pakistanischen Quetta wird der Taliban-Vormarsch mit Süßigkeiten gefeiert.
Foto: AFP/BANARAS KHAN

Biden müsse den afghanischen Kräften sofort mehr Hilfe zusagen, darunter auch anhaltende Unterstützung aus der Luft nach dem Abzug der US-Truppen am 31. August, forderte er. "Wenn das nicht geschieht, könnten Al-Kaida und die Taliban den 20. Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September damit feiern, unsere Botschaft in Kabul niederzubrennen", warnte McConnell am Donnerstag. Die Ankündigung der weiteren Reduzierung des Personals der US-Botschaft und die "hastige" Verlegung zusätzlicher Truppen nach Afghanistan "erscheinen wie Vorbereitungen für den Fall Kabuls", so McConnell.

Trump vereinbarte Truppenabzug

Falls die Taliban in Afghanistan die Macht übernähmen und die Terrororganisation Al-Kaida dorthin zurückkehre, würde das islamistischen Extremisten in der ganzen Welt Auftrieb geben, warnte McConnell. "Die Strategie von Präsident Biden hat aus einer nicht perfekten, aber stabilen Lage innerhalb von Wochen eine große Peinlichkeit und einen globalen Krisenfall gemacht", zürnte der einflussreiche Republikaner. Die Kosten und Konsequenzen von Bidens Handeln würden die ganze Welt betreffen, warnte er.

Mitch McConnell ist Minderheitsführer der Republikaner im US-Senat und fordert US-Präsident Joe Biden dazu auf, die afghanische Regierung zu unterstützen.
Foto: AFP / Olivier Douliery

McConnell erwähnte allerdings nicht, dass bereits Bidens Vorgänger, der republikanische Präsident Donald Trump, mit den Taliban einen Abzug aller internationalen Truppen bis zum 1. Mai vereinbart hatte. Biden verzögerte den Abzug der im Frühjahr noch verbliebenen rund 2.500 US-Soldaten, hielt aber im Grundsatz an der Entscheidung fest. Das US-Militär soll Afghanistan bis Ende August verlassen.

Nach Informationen der "New York Times" haben US-Unterhändler Vertreter der Taliban gebeten, die US-Botschaft in Kabul nicht anzugreifen, falls sie die Regierungsgeschäfte übernehmen und jemals ausländische Hilfe bekommen wollen.

Mindestens zwei Österreicher im Land

Das Außenministerium in Wien weiß aktuell von insgesamt zwei österreichischen Staatsbürgern, die sich derzeit in Afghanistan aufhalten. Bei den beiden Österreichern handle es sich um reiseregistrierte Personen, und man versuche, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Auslandsösterreicher, also längerfristig dort lebende Österreicher, halten sich nach Wissen des Außenministeriums keine mehr in Afghanistan auf. (red, APA, Reuters, 13.8.2021)