Auf dass es die Jungen einmal schlechter haben: Lasst uns die Erderhitzung verleugnen, Greta Thunberg schimpfen und das Land zubetonieren.

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Wenn es um die Kinder oder gar um die Enkel geht (das magische, stets in der Verkleinerungsform erscheinende "Enkerl"!), verfallen die Österreicher zuverlässig in Hysterie. Es herrscht in diesem Land eine Kinder- und Enkelseligkeit, die ihresgleichen sucht. Ganze Industriezweige leben von der Bewirtschaftung dieses emotionalen Überschwangs, und was sich am Muttertag an schleimigen Exzessen in der Boulevardpresse abspielt, spottet alle Jahre wieder jeder Beschreibung.

Dabei ist in Wahrheit schleierhaft, worin die Begeisterung für den Nachwuchs eigentlich gründet. Kinder werden notorisch überschätzt. Sie schmutzen, lärmen, nerven und sind sauteuer in der Erhaltung. Allein mit dem Geld für die Windeln, das ein solches Rabenbratl in den ersten Lebensjahren braucht, ginge sich ein Luxusurlaub in einem Viersternehotel auf Ibiza aus. Für zwei.

Die Pubertät ist ein Horror. Der Knabe entdeckt seine toxische Männlichkeit, das Mädchen seine perfide Weiblichkeit. Und beide finden das auch noch geil. In der Schule wird nichts gelernt. Der Taxameter für die Nachhilfe läuft ohn’ Unterlass und frisst das Geld auf, das man für die Altersvorsorge zurückgelegen wollte. Der zynische Geheimrat Goethe machte sich keine Illusionen und dichtete unverblümt: "Das Schönste an Kindern ist doch die Nacht, da wir sie der lieben Frau gemacht."

Frechheit und Undank

Das Benehmen gegenüber den Eltern oszilliert zwischen Pampigkeit und Patzigkeit, Frechheit und Undank. Und was ist deren Reaktion? Die hirnrissigen Eltern revanchieren sich dafür, dass man sie behandelt wie den letzten Dreck, auch noch mit dem würdelos-unverständlichen Mantra "Unsere Kinder sollen es einmal besser haben als wir." Wie bitte, im Ernst? Nein, schlechter sollen sie es vielmehr haben, und es gibt zum Glück ja auch ermutigende Signale, dass Teile der älteren Generation nach Kräften daran arbeiten, damit dies auch eintritt.

Also: Lasst uns die Jungen alle feste Trotteln heißen, die Erderhitzung verleugnen, Greta Thunberg schimpfen, das Land zubetonieren, was das Zeug hält, und darauf bestehen, dass alle mit dem SUV durch die Gegend brettern können, dass es nur so kracht. Ein paar zusätzliche Weltzerstörungsdetails zulasten der Jungen gibt es sicher noch. Aber ihnen muss ich das nicht erklären. Sie wissen ohnehin selber, worum es geht. (Christoph Winder, 15.8.2021)