Apple-Chef Tim Cook dürfte derzeit "not amused" sein.

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Lange war es im Silicon Valley Brauch, dass die Mitarbeiter großer IT-Konzerne praktisch geschlossen hinter den Aktivitäten ihrer jeweiligen Firmen stehen. Doch in den vergangenen Jahren hat sich dieses Bild deutlich gedreht. Die Angestellten von Google zeigten sich dabei besonders aktivistisch, aber auch bei Facebook und anderen Firmen wurden die Bruchlinien zwischen der Meinung der Mitarbeiter und jener der Geschäftsleitung immer sichtbarer. Eine Ausnahme bildete dabei bisher Apple: Der iPhone-Hersteller ist dafür bekannt, intern ein deutlich strengeres Regiment als andere Firmen zu führen. Doch nun scheint es auch bei dem im kalifornischen Cupertino beheimateten Unternehmen gehörig zu brodeln.

Widerspruch

Die Ankündigung eines Maßnahmenpakets gegen Kinderpornografie führt nun zu internen Protesten bei Apple, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Mitarbeiter des Unternehmens sollen interne Slack-Kanäle mit mehreren hundert Nachrichten gegen die kommunizierten Maßnahmen geflutet haben. Die dabei geäußerten Bedenken ähneln dem, was in der vergangenen Woche schon von vielen Privatsphäre-Experten zu hören werden: Die Infrastruktur, die Apple für den Kampf gegen die Verbreitung entsprechender Materialien aufbaue, könne künftig auch für andere Zwecke genutzt werden. So würden unweigerlich früher oder später Staaten bei Apple anklopfen, um das Unternehmen dazu zu zwingen, die iPhones der Nutzer auch nach anderen Materialien zu durchsuchen.

Damit bezieht man sich vor allem auf eine der angekündigten Maßnahmen: Künftig will Apple direkt am iPhone nach Fotos mit entsprechenden Inhalten suchen, und diese im Fall des Falles – nach einer vorherigen Prüfung – an die Behörden melden. Dazu kommt eine Datenbank mit bekannten kinderpornografischen Inhalten zum Einsatz, die eindeutige Hash-Werte für jedes dieser Bilder erstellt, und dann direkt am Smartphone einen Abgleich mit den gespeicherten Bildern vornimmt. Geliefert wird diese Hash-Liste vom US-amerikanischen National Center for Missing and Exploited Children (NCMEC), die auf den Kampf gegen solche Inhalte spezialisiert ist.

Obwohl Apple die Ankündigung an einem Freitag mitten im Hochsommer platziert hatte, folgten die negativen Reaktionen prompt und in unerwarteter Stärke. Denn während die Wichtigkeit des Kampfes gegen Kinderpornografie unbestritten ist, der dafür gewählte Weg ist es nicht.

Bewusste Schwachstellen?

Dieser Widerspruch von Privatsphärenverfechtern scheint auch vorerst nicht zu verhallen: So hat etwa die US-Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) vor kurzem eine neue Stellungnahme gegen die Apple-Pläne veröffentlicht. In dieser findet man scharfe Worte für den iPhone-Hersteller: Mit guten Absichten bereite Apple damit den Weg für gezielt eingebaute Schwachstellen in Betriebssysteme. Damit widerspreche man allem, wofür das Unternehmen bisher öffentlich gestanden sei.

Umstrittenes Memo

Ein vor wenigen Tagen durchgesickertes Memo zeigte, dass Apple offensichtlich nicht mit der Vehemenz des öffentlichen Widerspruchs gerechnet hatte. Wörtlich hieß es darin, dass zwar mit "kreischenden Stimmen einer Minderheit" zu rechnen sei, diese aber bald untergehen würden. Alleine der Umstand, dass dieses Memo öffentlich wurde, zeigt schon, wie sehr sich Apple selbst bei der Reaktion der eigenen Mitarbeiter verschätzt hat.

Das Ergebnis: Seit Tagen befindet sich Apple in einer Art Schadensbegrenzungsmodus. In einer Fülle von Hintergrundgesprächen bemühte man sich etwa, Medienvertretern die eigene Position zu erklären. An der öffentlichen Kritik hat dies aber wenig geändert, läuft die Antwort auf die Kernfrage – eben was man tut, wenn Staaten Apple zur Nutzung dieser Infrastruktur für andere Zwecke zwingen wollen – doch darauf hinaus, dass man dem Unternehmen vertrauen solle. Man habe in der Vergangenheit – etwa in einer öffentlich geführten Auseinandersetzung rund um das iPhone des San-Bernardino-Attentäters – mehrfach bewiesen, dass man sich solchen Anordnungen nicht beugen werde. Das wiederum halten Kritiker für ein ziemlich schwaches Versprechen, solange Apple sich nicht auch dazu bekenne, sich mit seinem Geschäft aus Staaten zurückzuziehen, die solch einen Schritt erzwingen wollen.

Vorgeschichte

Der aktuelle Fall führte aber auch dazu, dass einige alte Diskussionen hochkochten, die im sonst recht positiven Außenbild Apples in Fragen von Privacy untergehen. Allen voran, dass Anfang 2020 berichtete wurde, Apple habe auf expliziten Wunsch des FBI Pläne zur Verschlüsselung von iCloud-Daten wieder auf Eis gelegt. Oder auch Apples Aktivitäten in China, wo man sich sehr wohl der staatlichen Zensur unterwirft und auf deren Wunsch mittlerweile auch die iCloud-Daten der User im Land speichert, womit staatliche Stellen potenziell Zugriff darauf haben.

Einschränkungen

Bei alldem gilt es zu beachten, dass es sich derzeit nur um Pläne handelt: Das System solle mit einem Update für iOS 15 aktiviert werden, ließ Apple vor wenigen Tagen verlauten. Dies würde also einen Start irgendwann in den kommenden Monaten nahelegen. Zudem soll es vorerst auf die USA beschränkt sein, um dort Erfahrungen zu sammeln, ob und wann es auch in anderen Ländern genutzt werden soll, lässt man vorerst offen. Dazu kommt noch eine weitere Eigenheit, die ebenfalls für einige Verwunderung sorgte: Der Abgleich finden nämlich nur dann statt, wenn die iCloud-Backup-Funktion aktiviert ist – was es natürlich leicht macht, diese Überprüfung zu umgehen. (Andreas Proschofsky, 13.8.2021)