"Parallel zum Klimaschutz ist die Anpassung wichtig, denn sie ermöglicht uns, unsere Verwundbarkeit zu verringern." Marc Olefs, ZAMG


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Deutlich früher als im langjährigen Schnitt war er heuer da: der erste Hitzetag des Jahres. Schon am 10. Mai kletterten die Temperaturen in Salzburg auf mehr als 30 Grad. Einen Monat später folgte in Linz die mit sechs Tagen längste Serie an aufeinanderfolgenden Tagen mit mehr als 30 Grad in einem Juni, die in der oberösterreichischen Hauptstadt registriert wurde. Etwas westlicher, in Innsbruck, gab es mit acht Hitzetagen in Folge ebenfalls einen neuen Rekord. Die Höchsttemperatur von 37,2 Grad wurde im Jahr 2020 am 28. Juli in der Inneren Stadt gemessen.

Wenn es im Sommer warm ist, ist es in den Städten noch heißer. Und das vergangene Jahr war eines der fünf heißesten in Österreich, das seit Beginn der instrumentellen Temperaturmessung 1767 registriert wurde. Aber nicht nur die gleißende Hitze wird immer mehr zum Celsius. Der Klimawandel hat viele Gesichter. Zuletzt zeigte er sich unter anderem in den verheerenden Sommerunwettern mit Hagel, Starkregen und den daraus resultierenden Überschwemmungen.

Selbst in den optimistischen Klimamodellen steuert Mitteleuropa und insbesondere auch Österreich in den kommenden Jahrzehnten auf bislang unbekannte Extreme zu: Wie der Weltklimarat in einem Bericht diese Woche feststellte, sind durch den menschgemachten Klimawandel bereits irreversible Effekte eingetreten, wodurch größere Veränderungen weder abwendbar noch umkehrbar sind. Offen bleibt nur noch, wie stark diese Veränderungen sein werden.

Zwei Szenarien

Wird der Ausstoß von Treibhausgasen nicht drastisch reduziert, droht Österreich nach den Berechnungen der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) mit Sitz in Wien eine globale Erwärmung von mindestens fünf Grad Celsius bis zum Jahr 2100, erklärt Marc Olefs, Leiter der Abteilung Klimaforschung im STANDARD-Gespräch.

In Wien würde das durchschnittlich 40 Hitzetage mit Temperaturen von mehr als 30 Grad pro Jahr bedeuten, in manchen Jahren gar bis zu 80 Hitzetage. Zum Vergleich: Im Jahr 2020 registrierte die Messstation Wien Innere Stadt an 26 Tagen Temperaturen von mehr als 30 Grad Celsius.

Was bei dieser Rechnung der ZAMG allerdings nicht berücksichtigt wird, sind unkontrollierbare Kettenreaktionen, die bei einer ungebremsten Erderwärmung immer wahrscheinlicher werden – mit unvorhersehbaren Folgen. So könnte es beispielsweise sein, dass der Golfstrom durch menschliche Aktivitäten deutlich abgebremst wird oder gar versiegt.

Olefs bezeichnet den Golfstrom als "die Wärmepumpe Europas" – wird er gebremst oder gestoppt, würde das hierzulande weitere Extremsituationen bedeuten: Kältere, stürmischere Winter und noch heißere Sommer wären die Folge. "Auch aus diesem Grund ist es notwendig, drastische globale Klimaschutzmaßnahmen zu setzen", sagt Olefs.

Gelingt es hingegen, das Pariser Klimaabkommen einzuhalten und die globale Erwärmung auf plus zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen, könnten die schlimmsten Klimafolgen noch abgewendet werden. Konkret bedeutet das, die Treibhausgasemissionen weltweit netto bis 2050 auf null herunterzufahren, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen; für das Zwei-Grad-Ziel bis circa 2070. Das hieße für Österreich, dass die aktuellen Extreme der neue Normalzustand sind.

Klimaschutz mit Hürden

Österreich plant, bis spätestens 2040 Klimaneutralität zu erreichen, Treibhausgase stark zu reduzieren und auf erneuerbare Energieträger setzen. Allerdings sind vielen die Ziele der Regierung zu lasch, der Weg dorthin zu schleppend. Auch ein Klimacheck ist im Regierungsprogramm von Türkis-Grün als "wichtiges Entscheidungskriterium" vorgesehen.

Bei seinem ersten großen Einsatz sorgte er für Aufregung: Vor wenigen Wochen stoppte Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Grüne) die geplanten Straßenbauprojekte der Asfinag, um diese auf ihre Klimaverträglichkeit abzuklopfen. Die Empörung der Länder war groß – beispielsweise in Wien, wo es um den Bau des umstrittenen Lobautunnels geht, war man gar nicht begeistert, dass sich die Planungen verzögern.


Verbaute Flüsse erhöhen das Risiko für Überflutungen.
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Kritik an der Umsetzung der Klimaschutzmaßnahmen gibt es zuhauf. So wird der türkis-grünen Regierung von Umweltschutzorganisationen, aber auch der Opposition mangelnder Nachdruck beim Einsatz gegen den Klimawandel vorgeworfen. "Ein längst überfälliges Klimaschutzgesetz, das gesetzliche Klimaziele definiert", fehle nach wie vor, kritisierte etwa die SPÖ, Greenpeace schlägt in dieselbe Kerbe und will zudem "eine sozial abgefederte ökosoziale Steuerreform" umgesetzt sehen.

Größere Risiken vermeiden

In jedem Szenario müssen wir uns aber auf wärmere Temperaturen und stärkere Wetterextreme einstellen, als sie in den vergangenen Jahrzehnten in Österreich aufgetreten sind. "Im besten Fall können wir die Klimafolgen auf jene Risiken begrenzen, die wir bereits kennen", sagt Olefs.

Wenn es gelingt, die Emissionen global gemäß dem Pariser Abkommen zurückzufahren, hieße das für Österreich, dass die jetzigen Extreme mit großen Dürreereignissen alle sechs bis acht Jahre das neue Normal sein werden. "Da CO2 in der Atmosphäre sehr langlebig ist, geht es beim Klimaschutz nicht mehr darum, weniger Risiken als heute zu erzielen, sondern im besten Fall können wir nur erreichen, dass wir noch größere Risiken vermeiden."

In jedem Fall werden wir uns also an ein Leben mit Hitze und Wetterextremen anpassen müssen. "Parallel zum Klimaschutz ist die Anpassung gleich wichtig", sagt Olefs, "denn sie ermöglicht uns, unsere Verwundbarkeit gegenüber den bereits existierenden Klimafolgen zu verringern."

Das bedeutet: Neben den großen, oft langfristigen Maßnahmen, die gegen den Klimawandel gesetzt werden, müssen sich das Land und die Gemeinden bereits jetzt den irreversiblen Folgen stellen. Unter dem Begriff der "Klimaanpassung" werden Projekte umgesetzt, die der Bevölkerung das Leben mit ein paar Grad mehr auf dem Thermometer erträglicher machen sollen.

Renaturierungen wie jene des Lechs fördern den Hochwasserschutz.
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Angepasste Stadtplanung

Einen besonderen Stellenwert nehmen dabei Vorkehrungen gegen die Hitze in den Städten ein. Weil gerade Stadtbewohnerinnen und -bewohner die höheren Temperaturen besonders treffen, ist in den Metropolen klimafreundlichen Stadtplanung ein großes Thema.

Die Verbauung von Grünflächen nimmt dabei einen besonderen Raum ein – auch auf dem Land. Das zeigte sich zuletzt in der von Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger angestoßenen Debatte über die Raumordnung und Verbauung von Grünraum. 13 Hektar, das sind in etwa gleich viele Fußballfelder, werden jeden Tag in Österreich verbraucht.

Das ist nicht nur ein Problem des Umweltschutzes an sich, sondern auch für das Stadtklima: Asphalt und Beton versperren dem Regenwasser seinen Weg in die Erde. Besser ist der Straßenbau daher mit Pflastersteinen, da durch die Zwischenräume der Boden Wasser aufnehmen kann.

Dunkle asphaltierte Flächen speichern zudem die Hitze besonders gut. Daher setzt man seit einigen Jahren immer mehr auf hellere Oberflächen, die Sonneneinstrahlung besser reflektieren, was dazu führt, damit sich der Boden nicht so schnell aufheizt. Ein Beispiel für helle Oberflächengestaltung ist die Wiener Mariahilfer Straße.

Schwammstadt

Aber auch unter der Oberfläche passt man sich den neuen Gegebenheiten an: Das Prinzip der Schwammstadt kommt in Wien etwa im Stadterweiterungsgebiet Seestadt Nord zum Einsatz. Dadurch sollen Pflanzen bei großer Hitze und längerer Dürre ausreichend Wasser erhalten.

Die Idee ist schnell erklärt: Unterhalb befestigter Oberflächen wie einer Fahrbahn oder dem Gehweg werden Schotterkörper geschaffen. Stadtbäume können sich darin vergraben und haben so mehr Platz, Wasser und Luft für die Wurzeln. Das Regenwasser wird gefiltert, in den Schotterkörper geleitet, dort verteilt, gespeichert und steht den Bäumen länger zu Verfügung.

Obwohl die Stadtverwaltungen in Österreich schon einige Projekte gegen die Hitze forciert haben (Leben mit Extremwetterlagen), ist sie schon heute jene Naturgefahr, die in heißen Jahren die meisten Todesopfer fordert. Freilich lassen sich Einzelfälle nicht zweifelsfrei auf die Hitze zurückführen, mit Modellen lässt sich aber feststellen, ob Ereignisse von Übersterblichkeit mit hohen Umgebungstemperaturen korrelieren.

Auf diese Weise erstellt die Gesundheitsagentur Ages ein Hitze-Mortalitätsmonitoring, wonach etwa im heißen Sommer 2018 insgesamt 550 Todesfälle in Österreich der Hitze zugeschrieben wurden.

Gesamtstrategie gefragt

Klimaforscher Olefs begrüßt, dass es in Österreich gerade in den urbanen Regionen bereits viele Einzelmaßnahmen gibt, um sich an den Klimawandel anzupassen. Er vermisst allerdings eine Gesamtstrategie, "die städteübergreifend und über die Städte hinaus wirksam ist".

Es brauche dabei noch stärkere interdisziplinäre Ansätze, um zu erreichen, dass die verschiedenen Einzelmaßnahmen aufeinander abgestimmt sind und nicht eine Initiative, die für sich genommen vernünftig ist, kontraproduktiv in einem anderen Bereich ist. "Es macht etwa keinen Sinn, die ganze Stadt mit Bäumen vollzupflanzen", sagt Olefs, "Bäume spenden zwar tagsüber Schatten, andererseits strahlen sie in der Nacht Wärme ab. Es ist daher wichtig, einen guten Abstand zwischen den Bäumen einzuhalten."

Ein weiterer Interessenkonflikt, der sich bei den Anpassungen an Klimafolgen auftut, ist, einerseits an den Ursachen zu arbeiten, andererseits die Symptome zu bekämpfen. Ein beliebtes Streitthema ist dabei das Hochwasser, von dem Österreich selbst in den optimistischeren Klimaszenarien in der Zukunft stärker betroffen sein wird als bisher.

Um die Bevölkerung akut vor Überflutungen zu schützen, sind technische Vorrichtungen natürlich richtig und wichtig. Um Hochwassern langfristig vorzubeugen, bedarf es allerdings der aufwendigen Schaffung natürlicher Wasserrückhalte. Im Idealfall sollte beides intelligent aufeinander abgestimmt sein. Solche fundierten gesamtheitlichen Ansätze werden für das Leben in einer immer wärmeren Welt jedenfalls wichtiger denn je werden.(Oona Kroisleitner, Tanja Traxler, 14.8.2021)