Verzweifeltes Warten am Flughafen in Kabul am Montag.

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Taliban-Kämpfer begannen am Montag in Kabul damit, Waffen von Zivilisten einzusammeln. Man benötige diese nicht mehr.

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Chaotische Szenen spielten sich auch am Montag am Flughafen von Kabul ab. Hunderte afghanische Zivilisten versuchten aus Angst vor der Taliban-Herrschaft, in letzter Minute das Land zu verlassen.

Kommerzielle Flüge wurden vollkommen eingestellt, nur Evakuierungsflugzeuge westlicher Staaten hoben am Montag noch ab. In Kabul kursierten Gerüchte, wonach westliche Regierungen Afghaninnen und Afghanen auch ohne Visum ausfliegen. Und wer es auf das Flughafengelände schaffe, könne Plätze für die internationalen Evakuierungsflüge ergattern. Ein Irrtum, wie sich schnell herausstellte.

Es soll zu tumultartigen Szenen gekommen sein, US-Soldaten feuerten Warnschüsse ab. Menschen kletterten über Drehleitern, um in ein Flugzeug zu kommen. Augenzeugen berichteten von mindestens fünf Todesopfern im Chaos auf dem Flughafengelände. Unter anderem sollen sich Menschen an Fahrgestelle abhebender Maschinen geklammert haben und in den Tod gestürzt sein.

Schwierige Evakuierungen

Wegen der chaotischen Lage mussten dann am Nachmittag alle Evakuierungsflüge für einige Stunden gestoppt werden. Die koordinierenden US-Streitkräfte wollen bis heute, Dienstag, 5000 Soldaten stationieren, um wieder Sicherheit zu gewährleisten, versicherte US-Präsident Joe Bidens stellvertretender nationaler Sicherheitsberater Jon Finer dem Sender MSNBC.

Aus Österreich haben sich laut Außenministerium rund fünfzehn Personen mit Ausreisewunsch aus Kabul bei der für Afghanistan zuständigen Botschaft in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad gemeldet. Man stehe mit europäischen Partnerstaaten in Kontakt, um diese Personen auf deren Flügen unterzubringen. Österreich betreibt in Kabul keine eigene Botschaft.

Größere Gefahr als dem westlichen diplomatischen Personal droht allerdings den sogenannten Ortskräften: Afghanen, die beispielsweise als Dolmetscher für die westlichen Truppen fungierten. Die Evakuierungen dieser Personen laufen schleppend; ob sie unter den gefährlichen Umständen überhaupt noch gelingt, ist zurzeit noch unklar. Großbritanniens Verteidigungsminister Ben Wallace musste in einem BBC-Interview bereits zugeben, dass wohl nicht alle Ausreiseberechtigten auch tatsächlich evakuiert werden könnten . Ortskräfte haben massive Racheakte der militant-islamistischen Taliban zu befürchten.

"Der Krieg im Land ist vorbei"

Die Taliban selbst haben nach der überraschend schnellen Eroberung Kabuls und der "friedlichen Machtübergabe" am Sonntag noch in der Nacht auf Montag ausrichten lassen: "Der Krieg im Land ist vorbei." Bald werde klar sein, wie das Land künftig regiert werde, sagte Taliban-Sprecher Mohammed Naim am Sonntagabend dem Sender Al Jazeera. Zum weiteren Vorgehen äußerte sich Naim diplomatisch: Man wolle mit allen Beteiligten Frieden, schütze afghanische Persönlichkeiten und diplomatische Vertretungen und suche den Dialog mit der Staatengemeinschaft.

Der Politbüro-Chef der Taliban, Mullah Abdul Ghani Baradar, erklärte in einer Videobotschaft, nun folge die wirkliche Bewährungsprobe, bei der die Erwartungen der Menschen erfüllt und ihre Probleme gelöst werden müssten. Taliban-Kämpfer besetzten laut Medienberichten am Montag bereits überall in Kabul Polizeistationen und andere Behördengebäude. Sie begannen damit, Kontrollposten zu errichten und Waffen einzusammeln.

Der geflüchtete Präsident Ashraf Ghani meldete sich auf Facebook zu Wort, er habe das Land verlassen, um Blutvergießen zu vermeiden. Nach Angaben der russischen Botschaft in Kabul floh Ghani am Sonntag mit einem Hubschrauber voller Geld nach Usbekistan.

Die internationale Gemeinschaft wurde von der Rasanz der Geschehnisse in Afghanistan weitgehend überrascht. Noch vor wenigen Tagen hatte es in einer Einschätzung der US-Geheimdienste geheißen, Kabul könne noch mindestens drei Monate gehalten werden. Die USA und rund 60 weitere Länder – darunter Österreich – forderten am Montag, Flughäfen und Grenzübergänge in Afghanistan müssten geöffnet bleiben. Jeder Ausreisewillige müsse das Land auch verlassen dürfen.

Während die meisten westlichen Nationen ihre Botschaften in Kabul schließen, halten eine Reihe von Ländern wie zum Beispiel China die Verbindung. Auch die russische Botschaft bleibt geöffnet. Der neue iranische Präsident Ebrahim Raisi hält das "militärische Versagen" der USA in Afghanistan für eine Chance, einen dauerhaften Frieden im Land zu schaffen.

Thema im Sicherheitsrat

Montagnachmittag war die Lage in Afghanistan auch Thema einer außerordentlichen Sitzung im UN-Sicherheitsrat. Generalsekretär António Guterres verfolge "mit großer Sorge die sich rasch entwickelnde Lage in Afghanistan", hieß es in einer Mitteilung vor der Sitzung. Guterres rief die Taliban und alle anderen Parteien zu größtmöglicher Zurückhaltung auf, um Leben zu schützen. (Manuela Honsig-Erlenburg, 16.8.2021)