Die Schäden von vor 20 Jahren sind unübersehbar: im Bild die Fragmente diverser zerschlagener Buddhafiguren, im Kabuler Nationalmuseum 2019 zur Restauration freigegeben.

Foto: AP/Rafiq Maqbool

Das friedfertige Lächeln einer Buddhastatue versetzt hartgesottene islamische Gotteskrieger offenbar in akute Verlegenheit. Als die Taliban von 1996 bis 2001 ihr erstes Emirat in Afghanistan errichtet hatten, zerstörten sie nicht nur öffentlichkeitswirksam die beiden monumentalen Buddhafiguren in Bamiyan: Bestandteile des Weltkulturerbes. Gegen Buddha führten die Taliban, ein Spaltprodukt jener Mujahedin, vor denen sich einst sogar die geballte Militärmacht der Sowjetunion bis auf die Knochen blamiert hatte, einen regelrechten Feldzug.

So schlugen die Guerillakämpfer allen Buddhafiguren, derer sie habhaft wurden, das Gesicht ab. Dergleichen Vandalenakte sind auch aus Pakistan dokumentiert, wo man die afghanischen Gotteskrieger seit jeher fördert. Damit nicht genug: Die Taliban, überwiegend Sunniten, richteten damals wie heute ihren Vernichtungseifer nicht nur gegen Artefakte. Ihr Hass richtet sich generell gegen Einrichtungen und Errungenschaften, die sich allseitiger Zivilisierung verdanken: Er kulminiert logischerweise im Furor gegen Bildungseinrichtungen, zumal wenn diese Frauen zugutekommen. Für deren gleichberechtigtes Agieren in der Öffentlichkeit muss man absehbar Schlimmstes befürchten.

Zum jetzigen Zeitpunkt herrscht bange Erwartung: Im Nationalmuseum in Kabul, das 80.000 Artefakte beherbergt, befinden sich Menschen und Kulturgüter vorderhand (noch) in Sicherheit. Derweil sind die Signale, die von den neuen Machthabern ausgesandt werden, widersprüchlich. Zusicherungen, die örtlichen Kulturverwalter unbehelligt zu lassen, wechseln sich ab mit Gerüchten über Plünderungen.

Die islamische Bilderstürmerei hat allein in den vergangenen zwei Jahrzehnten kolossale Schäden bewirkt. Gelten die Taliban vorwiegend als lokal interessiert, so leistete an ihrer statt der sogenannte Islamische Staat (IS) international wirksame Zerstörungsarbeit. 2015 wurden im Museum von Mossul assyrische und parthische Skulpturen durch IS-Handlanger vernichtet. Auf dasselbe Jahr datieren auch die Zerstörung der archäologischen Stätten von Nimrud sowie die Sprengung bedeutender, unwiederbringlicher antiker Ruinen in Palmyra.

Entleerung der Archive

Ganz gleich, ob das islamische Bilderverbot auf ein direktes Gebot des Propheten Mohammed im Koran zurückgeht oder nicht: Subtrahiert man die rein barbarischen Anteile des "Ikonoklasmus" (Zerstörung fremder Heiligenbilder), so bleibt das Kalkül übrig: pflichteifrig einen Gottesstaat in Afghanistan oder sonst wo einzurichten.

Das "Islamische Emirat" (Selbstdefinition) gibt sich, nach seiner ersten Periode bis 2001, als Wiedergänger seiner selbst zu erkennen. Aufs Neue wird ein absoluter Nullpunkt markiert. Religiöse Regime wie das der Taliban treten an die Stelle der geschichtlichen Überlieferung. Sie beerben nicht etwa die von ihnen vorgefundene Kultur. Sie heben sie auf, ersetzen sie, wobei sie Archive und Lagerstätten systematisch entleeren. Es sei denn, es lassen sich mit den für sie wertlosen Gütern einträgliche Geschäfte machen – meist anonym.

Keinerlei Gebrauchswert

Für die Taliban, die sich heutzutage gerne mit iPhones zeigen und mit modernen Boden-Luft-Raketen posieren, besitzt Kultur keinerlei Gebrauchswert. Sie ziehen aus Kulturkonsum keinen Genuss, generieren aus dem Wachhalten einer für sie fremden Überlieferung auch keinerlei Kraft. Gotteskrieger sind aus der Gegenwart bereits emigriert. Sie praktizieren eine Art Ewigkeitstraining: indem sie nach den Geboten der Scharia leben und die Gegenwart "einfrieren".

Betrachtet man – nach einer Unterscheidung des Philosophen Boris Groys – Nationalstaaten als kulturelle Agenturen, die seit jeher Import-Export-Geschäfte abwickeln, so wird vollends klar: Die Taliban okkupieren keine "fremden" Werte, indem sie diese übernehmen, entstellen oder, manchmal entfremdet, der eigenen Überlieferung hinzufügen. Ihr Dogmatismus stellt den Versuch dar, der eigenen, "westlichen" Zeit zu entrinnen. Dass Afghanistan schon lange vor dem achten Jahrhundert ein Begegnungsparcours war – für Juden, Christen, Hinduisten, Zoroaster- und Islam-Jünger –, wird von den neuen/alten Machthabern durch ihr Zerstörungswerk in Abrede gestellt.

Sollten sich die Taliban wider Erwarten doch noch international einen Ruf als emsige Kulturkonservatoren erarbeiten wollen: Es gälte wohl einer Form der Anerkennung, die geldwert wäre. Und vielleicht, mit Blick auf den Wiederaufbau des Landes, Muße und Ruhe schafft. Um barbarische Praktiken wie das Steinigen, mit Rücksicht auf potenzielle Kreditgeber, grundsätzlich zu überdenken. (Ronald Pohl, 19.8.2021)