Verletzte in einem Spital in Kandahar nach Kämpfen gegen die Taliban.

Foto: AP/Sidiqullah Khan

Nach der Machtübernahme durch die Taliban in Afghanistan ist es auf den Straßen der Hauptstadt Kabul still geworden. Nach der anfänglichen Panik am Sonntagmorgen vor dem Einmarsch der Taliban sieht man nun wieder mehr geöffnete Geschäfte, mehr Fahrzeuge auf den Straßen. Das erzählt Prue Coakley, die Leiterin der Programme von Ärzte ohne Grenzen (MSF) im Land, am Telefon dem STANDARD.

Für die Hilfsorganisation ist es seit der Siegeserklärung der radikalislamistischen Kämpfer insofern einfacher geworden, als die Kampfhandlungen aufgehört haben. In der vergangenen Woche hatte sich die Lage in jenen Teilen des Landes beruhigt, in denen MSF mit Projekten vertreten ist. Zuvor waren etwa das Spital im südlichen Lashkar Gah oder die Traumaeinrichtung im nördlichen Kundus an der Frontlinie gestanden. Schwerverletzte Menschen waren täglich eingetroffen.

Kontakt zu den Taliban

Man habe dennoch nie überlegt, das Land zu verlassen, sagt Coakley: "Wir haben uns vor Monaten bereits darauf geeinigt, dass wir bleiben, und es gibt keinen Hinweis, dass wir das ändern sollten." Mit den Taliban stehe man schon länger in Kontakt. Man habe mit allen kämpfenden Parteien über Zugang zu medizinischer Versorgung verhandelt. Die radikalislamistischen Kämpfer würden die medizinischen Einrichtungen von MSF respektieren, sagt Coakley. Erst vor einem Jahr musste man zuletzt ein Projekt schließen: Der Anschlag auf die Geburtenklinik in Kabul, bei der 15 Mütter starben, war ein schwerer Schlag. Die Taliban verurteilten den Angriff, bekannt hat sich niemand.

Schlechter oder gar kein Zugang

Durch die Kämpfe im Land hatten einige Patientinnen und Patienten nur schlechten oder gar keinen Zugang zu medizinischen Einrichtungen. Doch man sei ein wenig darauf vorbereitet gewesen, sagt Coakley: Personen, die in Kandahar wegen Tuberkulose behandelt werden, bekamen mehr Tabletten mit nach Hause. Dass Schwangere aber zum Teil zu Hause entbinden mussten, weil es zu gefährlich war, vor die Haustür zu gehen, bereitet Coakley Sorge. Immerhin kämen viele Patientinnen aber wieder in die Geburtenklinik im südöstlichen Khost.

Um sichere Geburten zu ermöglichen, hat MSF nun auch die Anforderungen für eine Aufnahme von Gebärenden nach unten geschraubt. War es davor nur eine Einrichtung für komplizierte oder riskante Entbindungen, dürfen nun alle Frauen dort ihre Kinder zur Welt bringen. Allein von Sonntag bis Dienstag erblickten dort 77 Neugeborene das Licht der Welt.

Angst vor dem Virus

Mit den Fluchtbewegungen innerhalb des Landes und über die Grenzen hinaus wächst die Gefahr, dass sich das Coronavirus wieder ausbreiten könnte. "Mitte Juli war der Höhepunkt der dritten Welle", sagt Coakley. Ende Juli ist die Kurve eigentlich wieder abgesunken.

Durch den Machtwechsel wurde aber auch die Impfkampagne stark gebremst, berichtet die Weltgesundheitsorganisation. Die mobilen Teams seien nicht mehr im Einsatz. Zudem führe das Chaos am Flughafen in Kabul dazu, dass der Nachschub von medizinischer Ausrüstung und Medikamenten gefährdet sei. (Bianca Blei, 18.8.2021)