Die Bewegung #FreeBritney formiert sich im Netz und auch direkt vor dem zuständigen Gericht in L.A., wo der Vormundschaftsfall von Britney Spears verhandelt wird.

Foto: Reuters / MARIO ANZUONI

In unserer neuen Serie "Geradegerückt" betrachten wir Geschichten über weibliche Berühmtheiten genauer und fragen, welche Erzählungen sich über diese Frauen durchgesetzt haben – und was daran womöglich falsch ist. Den ersten Teil widmen wir Britney Spears.

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Über Britney Spears wird heute gesprochen, als sei sie eine politische Gefangene. Seit 2019 versucht der Megastar gegen die Vormundschaft durch den eigenen Vater anzukämpfen. Fans begleiten diesen Prozess unter dem Hashtag #FreeBritney und halten vor dem zuständigen Gericht in Los Angeles oder in sozialen Medien Befreiungsslogans hoch: Let Britney Speak Freely! Justice for Britney! Britney Spears is A Human Being!

Was ist da passiert? Britney Spears als feministische Ikone, die im Kerker des Patriarchats sitzt und aufgrund deren tragisch-schillernder Geschichte das gemeine Volk nun meint, für einen millionenschweren Superstar kämpfen zu müssen? Einige Leser*innen des STANDARD zeigten sich skeptisch. Man möge den Vormundschaftsstreit doch bitte dem Boulevard überlassen, lauten sinngemäß einige Reaktionen auf unsere Berichterstattung. Nun ja, nein. Denn genau der Boulevard ist Teil des Problems. Etwa, wie er mit Frauen umspringt, womit wir auch schon die Erklärung haben, warum sich aktuell gerade viele feministische Autor*innen Britney Spears widmen.

Dabei war sie lange der Inbegriff einer völlig apolitischen jungen Frau mit viel Fun und noch mehr Love in ihren Texten. Ihren fulminanten Karrierestart ("Baby One More Time")

MSTAR

legte sie mit einem leicht verruchten Lolita-Image hin und spielte gleichzeitig nur wenig später erzkonservativen Christ*innen in die Hände, als sie sagte, sie wolle keinen vorehelichen Geschlechtsverkehr haben. Die heute 39-Jährige war auch – zumindest Anfang der Nullerjahre – eingetragenes Mitglied der Republikaner und unterstützte George W. Bush samt seinem Irakkrieg. Doch das alles ändert nichts daran, dass die Geschichte von Britney Spears eben auch eine Geschichte über die universellen Fallstricke eines Frauenlebens ist. Und es lohnt sich hinzuschauen, wie der einstige Kinder- und dann Teeniestar heute damit umgeht.

Na, hast du einen Freund?

Durch die vielen Berichte, die intensiven Recherchen und Rückblicke auf ihre bisherige Karriere – ausgelöst durch den Vormundschaftsstreit mit ihrem Vater – wird tatsächlich ein Paradebeispiel öffentlicher, ständiger und dennoch kaum wahrgenommener Herabwürdigung einer jungen Frau sichtbar.

Und es fing früh an: Die Doku "Framing Britney Spears" (2021) zeigt Spears als kleines Mädchen bei einem ihrer ersten Fernsehauftritte. Sie ist vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, als sie der etwa fünfzigjährige Moderator fragt, ob sie denn einen Freund habe. Klar, was ist wichtiger im Leben eines kleines Kind – oder besser: ein kleines Mädchen?

Der Boyfriend war es dann allerdings, der ihr erstmals so richtig schlechte Presse bescherte. Als 2002 Britney Spears' Beziehung mit dem damaligen Boyband-Star Justin Timberlake in die Brüche ging, wurde aus der angeblich enthaltsamen Heiligen schnell die Hure. Was sie ihm denn nur angetan habe, wurde sie in Interviews gefragt. Die Frage war schon ein einziger Vorwurf. Timberlake stellte indessen seine Männlichkeit unter Beweis: Natürlich hätte er mit Britney geschlafen, ließ er die Welt wissen. Gleichzeitig haute er den schnulzigen Song "Cry Me A River" raus, in dem sich Timberlake als Opfer eines Betrugs inszeniert – mit einer Protagonistin im Musikvideo, die aussieht wie Britney Spears. Es wurde ein Hit.

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Inzwischen hat er sich dafür entschuldigt, dass er seine Ex öffentlich sexistisch angegriffen habe.

Mitte der Nullerjahre, als Spears gerade frisch gebackene Mutter zweier knapp nacheinander geborenen Kinder ist, verdienen Paparazzi horrende Summen. Brutale Klatschspalten harrten insbesondere der angeblichen Abstürze weiblicher Stars, die schon an ein wenig Cellulite oder fettigen Haare festgemacht wurden. Ein verschmierter Eyeliner galt schon als Beweis für den völligen Kontrollverlust. Es wurde munter unter Röcke fotografiert und freudig die verantwortungslose partymachende Mutter hergezeigt. Über Britney Spears Sorgerechtsstreit mit dem Kindsvater Kevin Federline hat der Boulevard freilich längst ein Urteil gefällt.

Haare ab

Als Britney Spears schließlich ihre langen Haare abrasierte, wurde das als der totale Zusammenbruch inszeniert. Sie wurde zwar schon davor zwangseingewiesen, als sie einmal die Kinder nicht an Federline zurückgeben wollte. Doch nun gab es Bilder des Popstars mit Glatze, der sichtlich wütend mit einem Regenschirm auf ein riesiges panzerartiges Auto eindrischt – und die Sache war klar: Die Frau ist völlig durchgeknallt.

Wie es zu diesen Szenen kam? Spears ist gerade an einer Tankstelle, als sie ein Fotograf ständig anspricht, nicht nachgibt, immer weitfragt, wie es ihr gehe, wie sie sich fühle. Was Spears dann macht, ist im Grunde relativ normal: Sie verliert halt die Nerven, wird wütend, schreit rum und bedient sich schließlich eines nicht sonderlich gefährlichen Regenschirms und haut damit ein paar kleine Schrammen in ein Auto.

2008 wurde Britney Spears aufgrund nicht näher bekannter psychischer Probleme entmündigt. Sie akzeptierte die Vormundschaft, sagte aber klipp und klar, dass nicht ihr Vater ihr Vormund werden solle. Später, als Jamie Spears zwischenzeitlich aus gesundheitlichen Gründen nicht ihr Vormund sein konnte, sagte sie wiederum klar, was sie wolle: Ein unabhängiger Trust solle ihr Vermögen zusammen mit ihrer Managerin Jodie Montgomery verwalten. Auch dieser Wunsch wurde übergangen.

Nach einer langen öffentlichen Sezierung ihres psychischen Zustands wachsen irgendwann die Haare nach, und Britney tritt wieder auf. Sie ist erfolgreich, verdient eine Menge Geld. Geld, über das sie allerdings nach wie vor nicht verfügen darf. Und nicht nur das, auch soziale und medizinische Belange werden weiter für sie entschieden – so soll ihr auch gegen ihren Willen eine Spirale eingesetzt worden sein. Obwohl sie arbeitet, professionell ist und riesige Bühnenshows am Laufband absolviert, kann sie angeblich keine Entscheidungen treffen, die sie selbst und ihr Privatleben betreffen.

Die Marke Spears funktioniert jedenfalls ab 2007, 2008 wieder. Sie hat bis weit in die Zukunft Engagements in Las Vegas , und die Shows sind auch ein voller Erfolg. Sie tanzt, singt, turnt an Seilen an der Decke, keine Skandale – und Papa Spears schaut, dass die Tochter mit ihrem selbst verdienten Geld keinen Unsinn macht.

Arbeit niedergelegt

Alles gut also? Nicht ganz: Ab 2017 meinen Fans geheime Botschaft in Britney Spears' Social-Media-Postings zu erkennen – dass Britney über verschlüsselte Nachrichten "Hilfe" rufen würde, dass man sie doch aus ihrer Vormundschaft befreie müsse. Letzteres versucht Britney Spears seit zwei Jahren selbst, und sie hat damit in den USA eine Debatte über fragwürdige Aspekte des geltenden Vormundschaftsgesetzes angestoßen.

Und um für sich selbst weiterzukommen, hat sie zu einem sehr unamerikanischen Mittel gegriffen: Britney Spears streikt seit 2019. 1,5 Prozent der Einnahmen aus den Alben, den lukrativen Verträgen, den Tourneen erhielt Jamie Spears – zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem seine Tochter die Arbeit niedergelegt hat. Inzwischen hat Jamie Spears angekündigt, die Vormundschaft zurücklegen zu wollen. Ob das nun bedeutet, dass Britney "free" ist, bleibt aber noch offen. Ebenso, ob sie einen anderen Vormund bekommt, womöglich wieder einen, den Britney Spears ablehnt.

Bis Näheres feststeht, heißt es vermutlich weiter: Alle Räder stehen still, wenn ihr starker Arm das will.

Das ist eine beindruckende Geste der Verweigerung. Nach dieser langen Geschichte des offenen Sexismus, sei es in der Berichterstattung oder in den direkten Fragen der Interviewer*innen. Nach der totalen Entmündigung, die sich auch in dem ignorierten ausdrücklichen Wunsch zeigt, dezidiert nicht ihren Vater als Vormund zu bestellen. Nach den Heilige/Hure-Klischees, in die sie wie viele Frauen gezwängt wurde. Nach dem Eingriff in ihre reproduktiven Rechte.

Nach all dem, was noch immer typisch ist für den Umgang mit Frauen ist, tut es gut, zu sehen, dass Britney Spears nicht mehr auf der Bühne steht und gute Miene zum bösen Spiel macht. Dass sie stattdessen ihre Freizeit auf Instagram zelebriert, selbst wenn sie sich dort immer wieder in ein und derselben Pose zeigt: in nichts außer knappen Shorts – ihre Brüste bedeckt sie mit ihren Händen und schiebt sie in Richtung Kamera, so als würde sie sie zum Verkauf anbieten. Vielleicht überlegt sie dabei auch manchmal, welche versteckte Botschaft ihre Fans wohl darin vermuten könnten.

(Beate Hausbichler, 20.8.2021)