Wissenschafter bezeichnen Musik als effektives Mittel für Entspannung, positive Stimmung und Motivation.

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Wird Albert Jennings der Arbeitsstress zu viel, setzt er sich ans Klavier und spielt Werke von Georg Friedrich Händel. Fühlt sich Marie Theres Kurz schlecht, greift sie zu Kopfhörern und Classic Rock. Und braucht Andrea Schuecker einen Energieschub, muss ein Titel von DJ Avici her. Was den Chef einer Kölner Marketingagentur, die junge Wiener Webdesignerin und die Pharmaangestellte verbindet? Sie nutzen, was Wissenschafter als effektives Mittel für Entspannung, positive Stimmung und Motivation bezeichnen: Musik.

Schon vor Jahren postulierte die deutsche Medienwirkungsforscherin Vera Brandes, Musik sei "wirksamer als die bekannten Psychopharmaka und hat keine negativen Nebenwirkungen". Seitdem hat sich die Beweislage enorm verdichtet. Wobei: Bekannt ist die Kraft harmonischer Klänge schon seit Jahrhunderten, wie Kardiologe Hans-Joachim Trappe anmerkt: Bereits in der Antike setzten Olympioniken Musik zur Leistungssteigerung ein.

Von Mozart bis Heavy Metal

Trappes eigene Studien über den Einfluss von Musikstilen aufs Herz-Kreislauf-System wiesen nach, dass dies noch längst nicht alles ist. Der Direktor der Medizinischen Klinik II im Marienhospital Herne, Ruhr-Universität Bochum, bespielte Probanden mit Mozart, Strauss, Bach, Heavy Metal und Abba. Mit erstaunlichem Ergebnis.

Die Klassiker senkten Blutdruck und Herzfrequenz deutlich. Auch Heavy Metal zeigte positive Wirkung. Doch der Effekt der Songs der schwedischen Hitproduzenten Abba war kaum bemerkenswert. Den Grund vermutet der selbst als Organist aktive Experte im Text: Die verbale Ergänzung aktiviere andere Hirnregionen. Man dürfe nicht übersehen, dass auch diese im Hirn verarbeitet werden muss.

Bekannt ist die Kraft harmonischer Klänge schon seit Jahrhunderten.
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Welche Sounds Psyche und Physis wohltuend beeinflussen, hängt obendrein von individuellen Parametern ab, betont Kinder- und Jugendpsychiater Thomas Stegemann, der das Zentrum für Musiktherapie-Forschung an der Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst leitet: "Dies ist vielleicht eine der wichtigsten Erkenntnisse aus der Musikwirkungsforschung der vergangenen Jahrzehnte: Musikpräferenzen und die musikalische Sozialisation haben entscheidenden Einfluss auf die Wirkung."

Und er verweist auf eine Studie (Schäfer et al., 2013) zu den psychologischen Funktionen von Musikhören, die ergab, dass Musik vor allem zur Regulierung der Stimmung, zur Verbesserung der Selbstwahrnehmung und als Ausdruck sozialer Bezogenheit eingesetzt wird.

Weit mehr als Stimmungsstreichelei

Letzteres bestätigten jüngst Forscher des Max-Planck-Instituts Frankfurt am Main, die während des ersten pandemiebedingten Lockdowns 2020 über 5000 Personen zu ihrem Umgang mit Musik befragten: Diese hatte dem Gros geholfen, die Krise besser zu bewältigen, weil sie emotionale und soziale Stressfaktoren lindern konnte.

Dass der Effekt von Musik von Vorlieben abhängt, unterstreicht auch der Arzt Wolfgang Marktl. Der Vorstand der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin untersuchte jedoch auch vom Pianisten Joe Meixner speziell zur Tiefenentspannung komponierte piano medicine®-Stücke hinsichtlich ihrer Wirkung auf die Herzfrequenz. Und in der Tat sorgte das nach Kriterien der Musikmedizin produzierte Tastenspiel ebenso für positive vegetative Reaktionen.

Vorgefertigt vermarktete Musikprogramme zur Verbesserung der Lebensqualität gibt es sonder Zahl. Doch wer sie nützen will, sollte beachten, dass nicht alle auf seriöser Forschung basieren. Ein wichtiger Aspekt. Weil Musik tatsächlich weit mehr leisten kann als Stimmungsstreichelei. Schließlich wird sie auch in Spitälern, etwa bei verschiedenen Krankheitsbildern, operativen Eingriffen, in Schmerztherapie, Palliativmedizin und Rehabilitation nach Schlaganfall, erprobt und eingesetzt.

Auch dass Musik kognitive Fähigkeiten bei Alzheimer länger zu erhalten hilft und Verwirrung, Angst und aggressive Schübe lindert, ist bekannt: Auf einst geliebte Melodien reagieren Patienten auch, wenn alles andere fast vergessen ist. Oft sogar mit Erinnerungen an mit dem Lied verbundene Erlebnisse.

Medizin, Therapie, Intervention

Um Forschungsergebnisse akkurat zu deuten, gilt es, die Unterscheidung diverser Begriffe im Auge zu behalten, rät Stegemann:

  • Musikmedizin steht für das Hören aufgezeichneter Musik zur Gesundheitsförderung. Ausgeführt wird sie von Profis des Gesundheitswesens wie Ärzten oder Pflegekräften. Diese "medicofunktionale Musik" wird nach Ralph Spintge (2015) "weltweit zur Verbesserung der psychophysischen Situation eines Patienten in emotional-aversiven und schmerzgeprägten Situationen eingesetzt".
  • Bei Musiktherapie geht es um gezielten Einsatz im Rahmen der therapeutischen Beziehung. Laut der American Music Therapy Association darf diese nur von zugelassenen Therapeuten durchgeführt werden. Oder, wie es das österreichische Gesetz (MuthG, § 3) formuliert: "Die berufsmäßige Ausübung der Musiktherapie ist den Musiktherapeuten (Musiktherapeutinnen) vorbehalten."
  • Die Kategorie "andere musikbasierte Interventionen" umfasst eine heterogene Gruppe musikalischer Aktivitäten, die im Krankenhaussetting stattfinden und sich weder Musikmedizin noch Musiktherapie zuordnen lassen. Also etwa von Pflegekräften angebotene Singkreise oder von Musikern geleitete Projekte. Ein Beispiel für Letztere ist "Meaningful Music in Health Care" (Smilde et al., 2019), bei dem kleine Ensembles live am Krankenbett aufspielen.
  • "Musikermedizin" indes definiert "Prävention, Diagnostik und Therapie von gesundheitlichen Schwierigkeiten, die durch das Musizieren entstehen können oder entstanden sind oder sich auf das Musizieren auswirken" (Spahn, Richter & Altenmüller, 2012).

Aktive Gehirnareale

Während Musikmedizin eingesetzt wird, um Angst, Schmerz und autonome Reaktivität zu reduzieren und Zustand sowie Wohlbefinden von Patienten zu verbessern, nützt man Musiktherapie in vielen medizinischen und nichtmedizinischen Bereichen.

Dass derlei Interventionen hochwirksam sind, gilt als erwiesen, stellt Suzanne Hanser, Präsidentin der International Association for Music & Medicine, fest. Ihr Beispiel: "In der Krebsbehandlung gibt es starke Belege, dass Musiktherapie bei Schmerzen, Angst, Depression, psychosozialen Auswirkungen und Bewältigung von Symptomen und Nebenwirkungen helfen kann."

Was beim Hören im Körper vor sich geht, lässt sich exakt messen. Zum Beispiel anhand von Herzfrequenz, Blutdruck und elektrischem Hautwiderstand. Moderne Elektroenzephalografie (EEG) und funktionelle Magnetresonanztherapie (fMRT) machen die Verarbeitung musikalischer Strukturen im Hirn sichtbar. Anders gesagt: Man kann abbilden und genau betrachten, welche Gehirnareale aktiv werden.

Entspannend, motivierend, heilsam

Als konkrete erwiesene Effekte nennt Stegemann Entspannung und Stressreduktion: "Zum Beispiel wird über die Stressachse oder durch die Ausschüttung von Oxytocin zu Regenerationseffekten oder Stärkung des Immunsystems beigetragen. Andererseits kann sich die aktivierende Wirkung von Musik positiv auf das Herz-Kreislauf-System auswirken."

Musik hören und aktiv musizieren – beides hat wohltuende Wirkungen.
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Und sie ist – wie besagte Olympioniken wussten – der sportlichen Leistungskraft zuträglich. Ein Nachweis dafür findet sich in der 2020 publizierten Metaanalyse eines Forscherteams um Peter C. Terry von der University of Southern Queensland, die über 100 einschlägige Studien unter die Lupe nahm.

Inzwischen gibt es zudem brandaktuelle Neuigkeiten, die aktives Musizieren in den Fokus rücken. Stegemann: "Singen führt zu einer Verbesserung der Lungenfunktion. Dieser Ansatz wird derzeit im Zusammenhang mit dem Post-Covid-Syndrom untersucht."

Für Suzanne Hanser, Professorin für Musiktherapie am Bostoner Berklee College of Music, steht außer Frage, dass musikalische Intervention immensen Einfluss auf verschiedene Erkrankungen zeitigt: "Die Forschung ist eindeutig." Immer mehr rezente wissenschaftliche Arbeiten untermauern diese Ansicht. Und das Interesse an den Einsatzmöglichkeiten wächst.

Stressmanagement für Laien

Starker Aufwind für die Ziele der International Association for Music & Medicine. Denn die gemeinnützige Organisation wurde gegründet, um den Einsatz von Musik in medizinischen und gesundheitlichen Kontexten zu fördern – einschließlich der Erforschung der Vorteile und Anwendungen.

Präsidentin Hanser, die sich selbst gern am Klavier Laune und Energie erspielt, unterstützt mittels Blog und Buch (Manage Your Stress and Pain through Music, mit Susan Mandel) auch Laien mit praktischen Tipps und Anleitungen zum Aufbau personalisierter Playlists.

Nicht alles Gold, was glänzt

Freilich gibt es auch in Sachen Musik und Medizin widersprüchliche Forschungsergebnisse. So warnen Peter C. Terry und Kollegen vor "allzu wilden Schlussfolgerungen". Als Beispiel ziehen sie Untersuchungen heran, die das Hören einer Mozart-Sonate mit einer Verbesserung des räumlich-zeitlichen Denkens verbanden (Rauscher, Shaw & Ky, 1993).

Diese hätten zwar unter anderem dem US-Bundesstaat Georgia anno 1998 das Budget zur Verteilung von Klassik-CDs an Kinder verschafft. Eine anschließende Metaanalyse des sogenannten Mozart-Effekts habe jedoch gezeigt, dass jegliche kognitive Verbesserung gering und kurzlebig war (Chabris, 1999).

Auch die eigenen Erkenntnisse zur körperlichen Leistungssteigerung seien, so die kritischen Wissenschafter, "nicht garantiert". Obwohl viele Sportler den Effekt bescheinigen (Bishop et al., 2007; Laukka & Quick, 2013), "zeigten unsere Ergebnisse, dass die Vorteile für die Leistung wahrscheinlich gering sind, auch wenn vielleicht immer noch sinnvoll".

Wirkt wie Sex und Drogen

Fachdiskussionen, die für Laien kaum eine Rolle spielen. Und auch nicht sollten. Weil Musik fast jeden Menschen motivieren, entspannen, berühren und jedenfalls erfreuen kann. "Fast", weil das Phänomen der musikalischen Anhedonie manchen die klingende Lebenshilfe verwehrt: Für gewöhnlich kurbelt Musik – wie Sex und Drogen – die Ausschüttung von "Glücksbotenstoffen" wie Serotonin, Dopamin und Oxytocin an und bremst jene des Stresshormons Cortisol.

Bei musikalischer Anhedonie funktioniert diese Wahrnehmungsverarbeitung im Belohnungszentrum des Gehirns jedoch nicht. Die Betroffenen empfinden nichts, auch wenn sie wissen, was sie hören. Ein Dilemma, zu dem es erst wenige Forschungsergebnisse gibt.

Für das Gros der Menschheit gilt zum Glück: Musik ist einer der stärksten Auslöser von Emotionen. Sie tut Körper und Psyche gut. Unternehmer Jennings’ Klavierspiel, Webdesignerin Kurz’ Classic-Rock-Faible und Andrea Schueckers Liebe zu DJ Avicis Hit Wake Me Up ergeben Sinn.

Außerdem: Musik verbindet – über Sprachgrenzen hinweg. Denn wie der international erfolgreiche Gitarrenvirtuose Harri Stojka aus tiefster Überzeugung sagt: "Musik ist ein ,Dialog der Gefühle‘. Sie überwindet alle Grenzen, die man sich mit Worten setzt." (Elisabeth Schneyder, CURE, 5.12.2021)