Die Täler der Alpen sind durch ihre Flüsse entstanden. Über Jahrmillionen gruben sie sich immer tiefer in die Berglandschaft. Das waren allesamt keine zahmen Gerinne, die sich wie in ihrer heutigen Form auf ein streng eingegrenztes Bett beschränkten. Die Flüsse waren das dominierende und – im wahrsten Sinn – ausufernde Element einer Tallandschaft. Sie häuften die Steine, die sie mitführten, zu weitläufigen Schotterlandschaften, die die gesamte Talsohle ausfüllen konnten. Durch diese Schotterbänke schlängelten sich die blau-türkisen Wasseradern des Flusses. Sie schwollen in Hochwasserzeiten zu wilden Naturgewalten an, um danach ein oft völlig verändertes Bild zurückzulassen.

Der Lech ist der größte Landbesitzer im Tal, sagen seine Anrainer gerne. Im Zuge der Renaturierung wurde das enge Regulierungskorsett gelockert. Der Alpenfluss wurde mit seinen ausgedehnten Schotterbänken wieder zu einem dynamischen Ökosystem, in dem viele vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten beheimatet sind.
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Die regelmäßig auftretenden Fluten waren ein bestimmendes Merkmal der Flussökosysteme. Schotterbänke und Wasseradern wurden durch sie neu geordnet. Die Hauptwasserader des Flusses wechselte vielleicht von der einen Talseite auf die andere und setzte dort ihr erosives Werk fort. Die Bäume der Auwälder der Flussrandgebiete wurden bei solchen Ereignissen teils mitgerissen und als Totholz auf den Schotterbänken hinterlassen, um fortan als Insektenbehausung zu dienen. Diese Flusslandschaften brachten eine ganz eigene Artenvielfalt hervor: Fische, die mit den wilden Strömungen zurechtkamen, Pflanzen, die sich auf den Schottflächen festkrallten, und Vögel, die am liebsten zwischen blanken Steinen nisteten.

Gezähmte Flüsse, verlorene Vielfalt

All das ist heute verloren. Tiere und Pflanzen dieser Lebensräume sind in Europa heute vom Aussterben bedroht. Die gezähmten Alpenflüsse fließen heute in befestigten Bahnen, über Kraftwerksstufen und durch unterirdische Bauten. Umso wichtiger sind jene Orte, an denen die ursprüngliche Pracht dieser Ökosysteme noch – oder wieder – vorhanden ist. In Österreich wurde in dieser Hinsicht das Tiroler Lechtal zum Vorzeigeprojekt. Hier wurde in einem 20 Jahre währenden Rückbauprozess im Rahmen zweier sogenannter Life-Projekte der ursprüngliche Alpenfluss auf großen Strecken wiederhergestellt.

Der Lech bietet damit einen raren Blick in die Vergangenheit der von den Menschen überprägten Alpentäler. "93 Prozent dieser Flussläufe sind in den Alpen heute verschwunden", sagt Wolfgang Klien. Der frühere Leiter des Wasserbauamts Reutte begleitet das Schicksal des Lechs seit den 1980er-Jahren. Er kennt hier jeden Quadratmeter Flussufer und jeden Sicherungsbau. Er bemerkt sofort, wenn sich der Lech an einem Ort ein Stück weiter ins Ufer gegraben und so sein Erscheinungsbild erneut verändert hat. Vergangenes Jahr ging Klien in den Ruhestand, das 2021 auslaufende Renaturierungsprojekt begleitet er dennoch weiter.

Die Moorlandschaft des Riedener Sees im Einzugsgebiet des Lechs ist Teil des Naturparks. Eine hier beheimatete Libellenart, Bileks Azurjungfer, eine seltene blau-schwarze Kleinlibelle, wurde zum Wappentier des Naturparks.
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Ökosystem Schotterbank

Wenn Klien zurückblickt, sieht er die Mechanismen der Politik und der Bürokratie, die den Boden für dieses damals europaweit größte Life-Projekt bereiten mussten. Er sieht die zahllosen Debatten mit Gegnern einzelner Maßnahmen, denen er sich stellen musste. Und er sieht, wie das Bewusstsein, dass die Natur des Lechs ein schützenswertes Gut ist, über die Jahre gewachsen ist. "Die Menschen machten sich Sorgen, wenn ein Damm näher an die Häuser heranrückte, dass durch ein neues stehendes Gewässer die Zahl der Insekten zunehmen könnte, oder weil man glaubte, dass das Auf und Ab des Radwegs über einen neuen Damm zu Verletzungsgefahr führte", erinnert er sich. "Wenn die Maßnahmen gebaut waren, hat man aber nie wieder etwas gehört."

Was mit dem Rückbau gewonnen wurde, eröffnet sich für viele Besucher vielleicht nicht auf den ersten Blick. Kilometerlange Schotterbänke mit spärlichem Bewuchs und Totholzablagerungen – gleicht das nicht eher einer Wüste? Für Leopold Füreder vom Institut für Ökologie der Universität Innsbruck – einen der Wissenschafter, die die Renaturierung begleitet haben – ist das Gegenteil der Fall. Für ihn bildet das "hochdynamische Fließgewässer" mit seinen Schotterbänken und den fließenden Übergängen zur umgebenden Auenlandschaft einen einzigartig strukturierten Lebensraum, den es zu schützen gilt. In mehreren wissenschaftlichen Projekten werden naturnahe Habitate geschaffen und verlorengegangene Spezies wieder angesiedelt.

Nicht überall fließt der Lech durch ein weites Tal und durch ausgedehnte Schotterbänke. Am Oberlauf passiert er eine zerklüftete Landschaft, die ihn in enge Schluchten verweist.
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Auf den Sandbänken gedeiht etwa nun wieder die vom Aussterben bedrohte Deutsche Tamariske. Der immergrüne Strauch ist eine der Pionierpflanzen, die die blanken Schotterbänke zu besiedeln wagen. Sie kann sich fest im Boden verankern und ist extrem widerstandsfähig. Doch wenn die Schotterbank zu lange besteht, und andere Vegetation sie überwuchert, dann überlebt die lichtliebende Pflanze nicht. Sie braucht regelmäßig Hochwasser, das Tabula rasa auf den Schotterbänken macht und sie Pionierin sein lässt.

Regenpfeifer und Scharrschrecke

Auch der Flussregenpfeifer braucht große, zusammenhängende Schwemmablagerungen. "Sind die Bänke zu fragmentiert, dann nisten sie hier nicht", sagt Füreder. Dafür sind die seltenen Vögel mit einer einfachen Mulde zufrieden, in der sie im Frühjahr ihre Eier ablegen können. Ein weiterer Star der Sandbänke ist die gefleckte Schnarrschrecke, eine der größten Feldheuschrecken Mitteleuropas. Ihr Flug erzeugt den namensgebenden schnarrenden Ton – etwa wenn das Männchen bei der Balz das auf dem Schotter sitzende Weibchen hektisch umkreist.

Füreder selbst betreut am Lech einen besonders gefährdeten Kandidaten – den Steinkrebs. "Die letzten Bestände sind aus der Gegend verschwunden, als bereits das erste Life-Projekt angelaufen war", bedauert der Ökologe. "Wir haben ihn im Zuge einer Wiederansiedlung im bayerischen Raum entnommen, gezüchtet und hier wieder ausgewildert." Dem Krebs, der schnell fließende und steinreiche Gewässer liebt, wurden seine Habitate durch Verbauungen genommen. Hinzugekommen ist ein Pilz, der durch amerikanische Krebse eingeschleppt wurde und für die heimische Art tödlich ist.

Wo dem Lech wieder Raum gegeben wird, schafft er eine typische, doch mittlerweile äußerst selten gewordene Alpenflussumgebung, die von ausufernden Schotterbänken und blau-türkisen Wasserläufen geprägt ist.
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Soziale Entwicklung

Heute umfasst der Naturpark eine Fläche von knapp 42 Quadratkilometern, 24 Gemeinden mit etwa 20.000 Einwohnern. Und die Lechtaler sind nun stolz, dass ein Drittel aller in Tirol heimischen Pflanzenarten in ihrem Naturpark zu finden ist. Zudem wurden 150 Vogelarten nachgewiesen. Auf dem Weg hin zu den monumentalen Renaturierungsunternehmungen war aber auch ein langfristiger sozialer Prozess und viel Bewusstseinsbildung notwendig. Die Debatten um die Neugestaltung des Tals sind durchaus auch als Generationenkonflikt zu lesen.

"Vor 100 Jahren war das Tal bettelarm. Man kennt die Geschichte der Schwabenkinder, die früher aus dieser Gegend nach Deutschland zur Arbeit geschickt wurden", erzählt Klien. "Man hat deshalb versucht, dem Lech möglichst viel Fläche abzuringen, um Landwirtschaft zu betreiben." Die Zuflüsse wurden gezähmt, um den Schottertransport abzufangen. Es wurden zahlreiche Dämme und Querbauten errichtet, die den Lech in ein schmales Bett drängen und Wiesen und Trockenwälder schufen."

Doch die Maßnahmen hatten ihren Preis. Nicht nur die ursprüngliche Natur ging verloren. Durch das fehlende Schotterbett grub sich der Fluss immer tiefer in seine Sohle und ließ den Grundwasserspiegel sinken. Dennoch: Es ist kein Wunder, dass viele im Tal nur schwer nachvollziehen konnten, dass man dem Lech die mühsam abgetrotzten Flächen wieder zurückgeben sollte. Trotz aller Regulierungen war das alpine Ökosystem des Lechs im Vergleich zu anderen Flüssen noch gut erhalten. Und ein weiterer Faktor begünstigte die Renaturierung. Klien: "Es ist ein großer Vorteil, dass viele der Flächen rund um den Fluss nicht Privateigentum sind, sondern der Republik gehören. Man braucht also nicht mit 100 Grundeigentümern verhandeln, von denen dann vielleicht zwei dagegen sind und ein Projekt verhindern."

Soundtrack zum Protest

Eine Keimzelle jener Entwicklung, die schließlich zur Renaturierung des Lechs führte, war ein geplanter Kraftwerksbau am Streimbach, einem der Zubringer des Lechs, in den 1990er-Jahren. Trotz negativer Gutachten wäre das Kraftwerk wohl gebaut worden, wenn sich nicht Widerstand von Naturschützern und Teilen der Bevölkerung geregt hätte. Die Rettung der Hainburger Auen lag noch nicht lange zurück, und der Streimbach sollte so etwas wie das westösterreichische Hainburg-Pendant werden.

Der Protest von damals ist eng mit dem Namen Bluatschink verbunden. Die Lechtaler Band um Toni Knittel, die später mit Hits wie Funka fliaga über die Tiroler Grenzen hinaus bekannt werden sollte, gestaltete damals Protestveranstaltungen mit. "Meine Eltern haben mich als Kind in den 1990er-Jahren zu den Protestkonzerten von Bluatschink mitgenommen", erinnert sich Yvonne Markl, heute Geschäftsführerin des Naturparks Tiroler Lech. "In der ‚Lechtalstudie‘, die man später in die Wege leitete, wurde erkannt, dass der Kraftwerksbau tatsächlich ein Fehler wäre.

Bluatschink hatte an dieser Entwicklung durchaus maßgeblichen Anteil." Markl überblickt heute ein umfangreiches Schulungs- und Bildungsprogramm zu dem Alpenfluss, das jährlich von etwa 8000 Besuchern genutzt wird. Viele der Gäste sind Radtouristen oder Wanderer am Lechweg, die die im Zuge der Renaturierung geschaffene touristische Infrastruktur nutzen. Im Winter ist das Lechtal ein Hotspot für Langläufer. Den Skitourismus überlässt man dagegen eher dem benachbarten Vorarlberg.

Nachhaltiges Monitoring

Die Entwicklungen der 1990er-Jahre führten schließlich zur Idee, Teilen des Lechtals einen Schutzstatus zu gewähren und so das noch weniger wohlhabende Tiroler Tal gleichzeitig für den Tourismus attraktiver zu machen. Im Jahr 2000 wurde ein Natura-2000-Schutzgebiet entlang des Lechs und seiner Zuflüsse etabliert, als Voraussetzung für das erste Life-Projekt, mit dem 2002 die ersten Rückbaumaßnahmen starteten. Die nun ankommenden EU-Gelder waren der Akzeptanz wohl zuträglich. Zudem warb man weiterhin mit Vorträgen und Veranstaltungen für die Naturschutzidee.

Füreder erinnert sich an Naturkundler, die mit Mikroskopen zu den Gemeindezentren anrückten, um den Flussmikrokosmos zugänglich zu machen. 2004 wurde das Gebiet schließlich zum Naturpark Tiroler Lech. Auf das erste Life-Projekt folgte 2016 ein zweites – wieder wurden dutzende Hektar Landfläche dem Fluss zurückgegeben. Die Experten heben hervor, dass diese Neuauflage auch ein Glücksfall für das nachhaltige Monitoring der Auswirkungen der Rückbaumaßnahmen war.

Schwindender See

Allerdings wurde der Lech in dem Projekt erneut zum Politikum: Einige Lechtal-Bewohner wehrten sich, dass ein Baggersee, der seit 30 Jahren im ursprünglichen Lech-Flussbett bestand, weichen sollte. Auch er wurde von einer Bürgerbewegung als schützenswert empfunden. Zwei sich widersprechende Naturschutzinteressen trafen aufeinander. Mit dem Fördergeld aus Brüssel zur Renaturierung des Lechs werde die Tiroler Natur zerstört, stand damals in der Zeitung. Aber auch dieser Konflikt wurde gelöst. Ein Kompromiss sieht vor, dass der Lech sich den See, der nicht mehr langfristig gesichert wird, nun langsam einverleiben darf – mit jedem Hochwasser ein Stück.

Bei allem Freiraum für das Flussleben – vollkommen unberechenbar darf auch der Lech nicht sein. Die Verbreiterung des Flussbetts hilft auch bei Hochwasser. Viele weitere Maßnahmen wie Dämme und Befestigungen zielen aber weiterhin direkt auf den Schutz vor Überflutungen ab. Als Teil der Renaturierung kamen zum Teil recht innovative Anlagen zum Einsatz. Klien hebt eine Geschiebefalle bei Reutte hervor, wo dem Fluss Schotter entnommen wird, um Überflutungen zu verhindern. Die Vorrichtung sorgt dafür, dass das Flusswasser samt Forellen, Äschen und Koppen das ganze Jahr über einen eigenen Kanal passieren kann, während der Schotter, der mit dem Hochwasser kommt, sich in einer Senke ablagert, die bei Niederwasser trocken liegt und ausgebaggert wird.

Besucherlenkung

An der Verwaltung des Naturparks liegt es, Tourismus und Regionalentwicklung mit Naturschutz, Forschung und Umweltbildung zusammenzudenken. Dazu gehört auch, die Naturpark-Besucher so zu lenken, dass sie Steinkrebs und Schnarrschrecke nicht allzu sehr stören. Dabei versucht man subtil vorzugehen. Geschäftsführerin Markl, die sich schon seit ihrer Jugendzeit für Wildflüsse einsetzt, verweist auf ein weitläufiges Netzwerk aus Partnerbetrieben, Bergrettern, Naturparkführern und Privatpersonen, die mit ihren Empfehlungen für Wanderungen und Ausflüge die Besucherströme beeinflussen.

Heuer wird zudem erstmals eine neue Maßnahme erprobt: "Wir arbeiten daran, eigene Ranger für die Bewusstseinsbildung und Aufklärung einzusetzen. Vielen Besuchern ist die Bedeutung des Schutzgebiets nicht bewusst", sagt Markl. "Wir machen die Leute darauf aufmerksam, dass sie über geschützte Schotterbänke laufen, und dass daneben vielleicht gerade ein Flussregenpfeifer brütet." Zukünftig könnten zudem ein eigenes Naturschutzzentrum sowie ein Forschungszentrum im Tal entstehen. Letztendlich wurde im Lechtal eine Möglichkeit gefunden, wie Mensch und ursprüngliches Ökosystem koexistieren können. (Alois Pumhösel, 21.8.2021)