In Unterwasserhöhlen ist die Orientierung oft nicht leicht. Und für spektakuläre Bilder wie dieses ist massive künstliche Ausleuchtung nötig.
Foto: Picturedesk.com / Westend61 / Herbert Meyrl

Fast wie in Schwerelosigkeit bewegen sich die Forschungstaucher zwischen Stalaktiten und Stalagmiten hindurch. Nur das Licht der Taschenlampen und der gespannte Ariadnefaden, der sich durch das Höhlenlabyrinth zieht, helfen bei der Orientierung.

Als Forschungstaucher in Mexiko sollte man sich beim Anblick eines Totenkopfes nicht erschrecken.
Foto: Uli Kunz

Endlich fällt der Lichtkegel auf ein Skelett. Direkt neben der Höhlenwand liegt sie, Arme und Beine an den Körper herangezogen: die Frau von Las Palmas, einer der vollständigsten menschlichen Knochenfunde in ganz Amerika.

Vor etwa 10.000 Jahren dürfte die knapp 50 Jahre alte Frau verstorben sein, die in einem der zahlreichen Höhlensysteme auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán entdeckt wurde. Damit zählt sie gemeinsam mit anderen Unterwasserfunden nahe der Stadt Tulum zu den älteren Zeugnissen der Population auf dem Kontinent, dessen Besiedlungsgeschichte noch umstritten ist.

Die zu bis zu 80 Prozent erhaltenen Skelette zeigen das enorme Fundpotenzial in Höhlen, sagt der deutsche Forschungstaucher und Archäologe Florian Huber, der hier sichere und zeiteffiziente Forschungstechniken erarbeitete: "An Land freuen sich die Kollegen, wenn sie einen Unterkiefer und ein paar Rippen finden."

Unterwasserarchäologe Florian Huber nebst dem Beckenknochen eines Mastodons, das entfernt mit Mammuts verwandt ist.
Foto: Uli Kunz

Gleichzeitig ist Tauchen in Unterwasserhöhlen herausfordernd – aufgrund etlicher Engstellen und der Tatsache, dass man am Ende eines Einsatzes oft noch einen langen Rückweg hinter sich bringen muss.

Fortschreitende Überflutung

Der außergewöhnliche Erhaltungszustand der menschlichen, aber auch der tierischen Skelette von Riesenfaultieren und entfernten Mammutverwandten sowie der prähistorischen Feuerstellen ist nicht nur den entlegenen Fundorten zu verdanken. "Zerfallsprozesse laufen unter Abschluss von Luftsauerstoff langsamer ab als an Land", sagt Huber, der mit seiner Firma Submaris von den Balearen bis zu den Bahamas Einsätze im Bereich des Forschungstauchens durchführt.

Die Cenoten auf der Halbinsel Yucatán bilden hunderte Kilometer lange unterirdische Labyrinthe (im Bild ist die Cenote "Kalimba" in der Nähe von Tulum zu sehen).
Foto: Uli Kunz

Dafür kann Salzwasser für weniger Kollagenspuren an den Knochen und damit für eine erschwerte Datierung sorgen. Nicht alle Höhlen lagen schon immer unter Wasser, wie die Tropfsteine vermuten lassen: Während einige Menschen in der Steinzeit die dunklen Orte trockenen Fußes besuchten, stieg der Meeresspiegel durch die Eisschmelze stark an – vor 13.000 Jahren lag er um mindestens 65 Meter niedriger als heute. Das sorgte für eine fortschreitende Überflutung der Höhlen, die den Boden durchziehen.

In der Cenote "El Pit" wurden rund 14.000 Jahre alte menschliche Skelettreste entdeckt. Später nutzte das indigene Volk der Maya die Wasserlöcher als Brunnen, aber auch als Bestattungsort für Menschenopfer am Eingang zur Unterwelt.
Foto: Marc Steinmetz / Visum / picturedesk.com

Die Uhr tickt

Eingänge in die Höhlensysteme, die sich als wassergefüllte Löcher im Boden auftun, werden in Mexiko Cenoten genannt. Das Wort leitet sich vom Maya-Begriff "ts’onot" ab: Ihre "heiligen Quellen" waren nicht nur ein wichtiges Trinkwasserreservoir, in dem sich durch Regen – über dem salzigen Meerwasser als separate Schicht – Süßwasser sammelte. Sie spielten auch kulturell eine Rolle: Laut Berichten aus dem 16. Jahrhundert landeten hier Menschenopfer im Wasser.

Was die Forschung klarerweise erschwert: "Beim Tauchen geht der Gasvorrat irgendwann zur Neige, nach ein bis drei Stunden ist Feierabend. Wir haben nie so lange Zeit wie Landarchäologen", sagt Huber.

Deshalb ist eine rasche Dokumentation von Fundstellen mit professionellen Kameras und guter Beleuchtung hilfreich: Mit hunderten Fotos aus verschiedenen Perspektiven lassen sich später 3D-Modelle der Funde erstellen. Dann können die Originale auch in ihrer ursprünglichen Umgebung bleiben, wo immerhin gute Lagerungsbedingungen vorherrschen.

In die Cosquer-Grotte, benannt nach ihrem Entdecker Henri Cosquer, gelangt man nur tauchend: Der Großteil der Höhle ist überflutet.
Foto: Luc Vanrell / Drac Paca / Immadras / Lampea

Bedrohte Steinzeitkunst im Mittelmeer

Außer kleineren Materialproben belässt auch der Taucher und Archäologe Luc Vanrell die Funde in der Cosquer-Grotte, die vor der französischen Mittelmeerküste bei Marseille liegt und die er wissenschaftlich betreut, an Ort und Stelle. Das hat den einfachen Grund, dass es sich dabei vor allem um Höhlenmalereien handelt: Mehr als 500 Tierbilder, Handabdrücke und gravierte Muster befinden sich an Wänden und natürlichen Säulen – ein echtes Faszinosum der steinzeitlichen Kunst.

Die Wände schmücken zahlreiche Tierbilder, darunter auch ein pinguinartiger Vogel: der ausgestorbene Riesenalk, der wohl nur in relativer Küstennähe auftrat und daher in den bisher bekannten Höhlen kaum dokumentiert ist.
Foto: Michel Olive / MMC SRA Drac Paca

Der größte Teil der Höhle, der wohl auch verziert war, liegt heute wie der lange, schmale Zugangstunnel unter Wasser: "Wir schätzen, dass die erhaltenen Werke nur etwa 20 Prozent der einstigen Ausmaße der Malereien darstellen", sagt Vanrell, der am Mittelmeerlabor für Vorgeschichte in Europa und Afrika (Lampea) forscht.

Gruß an den Höhlenwänden

Besonders eindrücklich sind die mehr als 31.000 Jahre alten Negativabdrücke menschlicher Hände. Letztere wurden wie Schablonen an die Wand gelegt, ihre Umrisse mit roten und schwarzen Pigmenten fixiert: "Als hätten die Menschen uns an den Höhlenwänden einen Gruß hinterlassen."

Das Mysteriöse: Viele Handbilder zeigen verkürzte Finger. Dabei handelte es sich aber nicht um Verletzungen oder genetische Anomalien: Die Menschen dürften ihre Finger für die Abbildung einfach abgewinkelt haben.

Hier hinterließen Menschen vor rund 32.000 bis 19.000 Jahren Malereien und Handabdrücke.
Foto: Luc Vanrell / Drac Paca / Immadras / Lampea

Über die Gründe dafür lässt sich nur spekulieren. Vielleicht handelte es sich um Symbole einer Zeichensprache, wie sie etwa von großwildjagenden Völkern zur stillen Kommunikation verwendet werden. Vielleicht demonstriert die Geste eine bestimmte Identität – oder sie ist tatsächlich ein Gruß, quasi das damalige Pendant zu einer winkenden Hand oder einem Peace-Zeichen, oder gar eine Variante der Teufelshörner.

Schwankender Wasserstand

Diese Spuren unserer Ahnen sind heute bedroht. Denn die globale Erwärmung sorgt nicht nur für einen steigenden Meeresspiegel, sondern ändert auch Wetter- und Luftdruckbedingungen, die den saisonal schwankenden Wasserstand in der Grotte beeinflussen. Seit einem massiven Anstieg im Jahr 2011 steht den prähistorischen Pferden am Ende des Sommers regelmäßig das Wasser bis über die Nüstern.

An dieser Abbildung von Wildpferden zeigt sich deutlich der fluktuierende und immer weiter ansteigende Meeresspiegel, der das Fortbestehen der Werke bedroht.
Foto: Luc Vanrell / Drac Paca / Immadras / Lampea

Um noch möglichst viel über die Darstellungen zu lernen, ist der Forschungsfokus aktuell auf jene Bilder nahe der Wasseroberfläche gerichtet. Hierfür wurden bereits Daten für ein virtuelles Abbild der Höhle gesammelt.

Diese kommen nicht nur Forschenden zugute, denen der schwierige Unterwasserzugang nicht möglich ist: In Marseille wird an einer Art Rekonstruktion der Grotte innerhalb eines Museums gearbeitet, das im Sommer 2022 für Besucherinnen und Besucher geöffnet werden soll. Dem echten Erlebnis wird das aber laut Vanrell nicht gerecht werden können: "Manche Forschende werden quasi süchtig danach, diesen Ausnahmeort immer wieder zu besuchen." (Julia Sica, FORSCHUNG Magazin, 31.8.2021)