Die staatliche Ordnung ist zusammengebrochen: Auf dem Flughafen Kabul wird ein Baby einem US-Soldaten übergeben. Videos und Fotos davon wurden in sozialen Medien häufig geteilt. Am Sonntag kam die Meldung, dass das Kind wieder bei seinem Vater ist. Ob sie das Land verlassen konnten, ist jedoch nicht bekannt.

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Er ist ebenso prominent wie umstritten: Der britische Entwicklungsökonom und Bestsellerautor Paul Collier forscht in Oxford zu den Zusammenhängen von Armut, Flucht und Krieg. Die Aufnahme von Geflüchteten und Migranten aus dem Nahen Osten in Europa 2015 sah er extrem kritisch.

STANDARD: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die chaotischen Bilder aus Kabul sehen?

Paul Collier: Ich war Mitglied einer Expertenkommission, die vom früheren britischen Premier David Cameron eingesetzt wurde, um sich mit Nationbuilding und staatlichen Zerfallsprozessen zu beschäftigen. Die Botschaft unseres Abschlussberichtes lautete, dass jeder Versuch von Außenstehenden, in einem fremden Land staatliche Strukturen aufzubauen, zum Scheitern verurteilt ist. Daran musste ich denken. Ob in Libyen, Mali oder Afghanistan: All das sind gescheiterte Versuche, eine Welt nach europäischen Normen zu formen. Moralischer Imperialismus funktioniert nicht. Die militärischen Interventionen in Afghanistan haben dazu beigetragen, dass sich nie ein staatliches Gewaltmonopol im Land etablieren konnte. Jetzt hinterlassen wir Chaos.

STANDARD: Aus diesem Chaos versuchen tausende Menschen zu flüchten. Müssen wir sie aufnehmen?

Collier: Der Westen hat eine moralische Verpflichtung gegenüber jenen Afghanen, die den internationalen Truppen geholfen haben. Das Problem ist, dass wir diesen Leuten nicht einfach Visa schicken können, weil sie dann von den Taliban identifiziert würden. Jene Menschen also, die am dringendsten wegsollten, werden dazu am wenigsten in der Lage sein. Das hätten wir vorhersehen sollen. Das ist eine Tragödie für viele Tausende Afghanen. Die Chance zu gehen werden viele andere nutzen.

Paul Collier ist Autor der Bestseller "Exodus" und "Gestrandet".
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STANDARD: Aber braucht es nicht auch für Menschen, deren Leben nicht unmittelbar bedroht sein mag, weil sie für die Nato gearbeitet haben, legale Fluchtmöglichkeiten?

Collier: Es gibt Situationen, in denen Menschen aus ihrer Gesellschaft fliehen müssen. Was dann meistens geschieht, ist, dass sie in ein Nachbarland flüchten. Unsere Verpflichtung ist es, diese Nachbarländer so zu unterstützen, dass es für sie vorteilhaft wird, Flüchtlinge aufzunehmen. Der größte Exodus findet derzeit in Venezuela statt: Mehr als eine Million Venezolaner sind nach Kolumbien geflohen. Es gibt daher eine Verpflichtung der internationalen Gemeinschaft, Kolumbien bei der Versorgung dieser Geflüchteten zu unterstützen. Denn dann kann die Regierung dort sagen: Seht, diese Leute zu unterstützen ist auch ein Vorteil für uns.

STANDARD: Also Hilfe vor Ort?

Collier: Das Problem, dem der Westen gegenübersteht, ist, dass wenn wir selbst zu einem sicheren Hafen für afghanische Flüchtlinge werden, wir andere Menschen anlocken, die ihr Land nicht verlassen sollten. Die Leute, die am meisten nach Europa oder Nordamerika wollen, sind jene mit Ausbildung und etwas Geld. Es sind die Jungen, oft die Kinder lokaler Eliten. Diese Menschen werden in den Heimatländern jedoch am meisten gebraucht. Daher ist es unverantwortlich, diese Gruppe mit einer Aussicht auf ein besseres Leben zu uns zu locken. Das zweite Problem ist, dass die Menschen aus Afghanistan aus einer kulturell völlig anderen Gesellschaft kommen. Es wäre falsch zu sagen, unsere Kultur ist überlegen. Aber die Idee, dass unsere Gesellschaften genauso funktionieren, wenn ein großer Teil der Menschen, die bei uns leben, andere Vorstellungen von den Zielen dieser Gesellschaft hat, ist auch eine Fantasie.

STANDARD: Leben unter den Taliban bedeutet ein Leben in völliger politischer wie persönlicher Unfreiheit. Das bietet doch für niemanden eine Perspektive.

Collier: Wir wissen nur sicher, dass unser Versuch, aus Afghanistan mit militärischen Mitteln ein zweites Dänemark zu schaffen, gescheitert ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir dem Land helfen können, indem wir Gebildete dabei unterstützen weglaufen, ist gering. Die afghanische Gesellschaft wird sich verändern, sie wird nicht gleich bleiben unter den Taliban. Das ist ein interner Prozess, den wir von außen nicht steuern können.

STANDARD: Welche Belege sehen Sie für eine solche Entwicklung?

Collier: Blicken Sie auf den Iran. Junge Iraner haben sich enorm distanziert von dem theokratischen Regime im Land. Das Einzige, was dieses Regime vermutlich noch an der Macht hält, ist die Gegnerschaft aus dem Westen, was den iranischen Machthabern propagandistisch in die Hände spielt.

STANDARD: Sie sagen immer wieder, wir sollen Menschen nicht anlocken. Aber ist die Migrationswissenschaft da nicht weiter: Leute verlassen ihre Heimat nicht, weil tausende Kilometer weit weg die Tore etwas aufgehen. Das spielen unzählige Motive zusammen.

Collier: Menschen haben überall auf der Welt den Wunsch, ein besseres Leben zu führen. In bitterarmen Ländern stehen der Jugend drei Wege dafür offen: Sie können in ihren Gesellschaften eine produktive Tätigkeit finden, also einen Arbeitsplatz in einem Unternehmen, von denen es zu wenige gibt. Oder sie können sich Gangs anschließen und andere ausbeuten. Die dritte Option ist, das Land zu verlassen. Was können wir im Westen tun? Entweder wir erhöhen die Versuchung für die Menschen auszuwandern – oder wir erhöhen ihre Chancen, in ihren Heimatländern gute Arbeitsplätze zu finden.

STANDARD: Wie kann das gelingen?

Collier: Worüber Europa verfügt, was armen Ländern fehlt, sind Unternehmen. Der schnellste Weg für ärmere Gesellschaften, viele gute Jobs zu schaffen, besteht darin, dass sich europäische Unternehmen in diesen Ländern ansiedeln und Dinge produzieren. In Afrika ebenso wie in Zentralasien. Das ist für Unternehmen hart, weil solche Projekte mit Risiken und Kosten verbunden sind: für Fabriken, für Arbeiter, die ausgebildet werden müssen. Daher brauchen Unternehmen die Unterstützung unserer Regierungen. Genau auf diesem Weg hat auch der Aufstieg zahlreicher Länder in Südostasien vor 40 Jahren begonnen, von Taiwan, Südkorea und schließlich China.

STANDARD: Das heißt, wir sollen versuchen, westliche Unternehmen nach Afghanistan zu bringen?

Collier: Die einzigen Unternehmen, die jetzt nach Afghanistan gehen werden, sind jene aus China, Russland und der Türkei. Diese Möglichkeit haben wir verpasst. Wir haben sie nicht verpasst in Mali, in Tunesien, in Libyen. Hier können wir etwas bewirken. Genauso ist es in den Nachbarländern Afghanistans, wo auch Geflüchtete am einfachsten hinkommen, also in Pakistan oder Tadschikistan, einem bitterarmen Land, das Unterstützung braucht.

STANDARD: Um etwas zu bewegen, müssten hunderte Milliarden investiert werden. Wer ist dazu bereit? Das Budget des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR ist derzeit gerade so hoch wie Österreichs Corona-Hilfen für Unternehmen im vergangenen Jahr.

Collier: Der Afghanistan-Krieg hat 2000 Milliarden Dollar gekostet. Was ich vorschlage, wird verdammt teuer werden, aber vermutlich nicht so teuer. Wir haben als Menschen zwei Verpflichtungen. Wir dürfen die Umwelt nicht zerstören, und wir brauchen eine Welt, die sozial nachhaltig ist. Das bedeutet, dass die ärmsten Gegenden der Welt zu uns aufholen müssen. Wenn das nicht geschieht, wird sich unser Leben irgendwann in einen Albtraum verwandeln. Was wir dann auch verdient haben werden. (András Szigetvari, 21.8.2021)