Auch US-amerikanische und deutsche Soldaten sollen an dem Gefecht auf dem Flughafen Kabul beteiligt gewesen sein, alle blieben unverletzt.

Foto: Shekib Rahmani

Kabul – Ungarn hat am Montag 173 Menschen aus Afghanistan via Usbekistan ausgeflogen. Das sagte Ungarns Außenminister Péter Szijjártó am Montag bei einer Pressekonferenz. Zahlreiche Passagiere seien auf Bitten der USA und Österreichs in Sicherheit gebracht worden. Szijjártó kritisierte, dass US-Truppen Menschen, die Ungarn ausfliegen wolle, daran hindern würden, zum Flughafen von Kabul zu gelangen.

Die USA gaben hingegen am Montag bekannt, dass das US-Militär am Sonntag rund 10.400 Menschen aus Kabul ausgeflogen habe, mit 61 Flugzeugen transportierten Verbündete weitere 5.900 Menschen aus der Hauptstadt. Seit 14. August hätten die USA 37.000 Menschen zur Flucht vor den Taliban verholfen.

Gefecht am Flughafen

Auf dem Flughafen von Kabul gab es laut Angaben der deutschen Bundeswehr Montagfrüh ein Feuergefecht zwischen afghanischen Sicherheitskräften und unbekannten Angreifern. Dabei sei eine afghanische Sicherheitskraft getötet und drei verletzt worden, meldete die Bundeswehr auf Twitter. Am weiteren Verlauf des Gefechts seien auch US-amerikanische und deutsche Soldaten beteiligt gewesen.

Nach Angaben der Bundeswehr kam es zu dem Schusswechsel gegen 4.15 Uhr MESZ am Nordtor des Airports. Alle deutschen Soldaten seien unverletzt geblieben. Die deutsche Botschaft hatte erst kurz zuvor gewarnt, dass es an den Zugängen immer noch sehr häufig zu gefährlichen Situationen und bewaffneten Auseinandersetzungen komme. Das Tor im Norden sei weiter geschlossen. Aufgrund der Sicherheitslage riet die Botschaft Deutschen und afghanischen Ortskräften "dringend" von Fahrten zum Flughafen ab. Es sei vorläufig grundsätzlich sicherer, zu Hause oder an einem geschützten Ort zu bleiben.

Der Kabuler Flughafen wird seit der Machtübernahme der Taliban von ausländischen Soldaten gesichert. Vor den Toren des Flughafens drängen sich seit Tagen tausende verzweifelte Menschen, die auf einen Platz in einem Evakuierungsflieger hoffen. Am Samstag wurden die Tore deshalb zeitweise ganz geschlossen. Daraufhin kam es zu Panik und Gedränge, mehrere Menschen kamen dabei ums Leben. Auch die Evakuierungsflüge gerieten zeitweise ins Stocken.

Sicherheitszone vergrößert

Die USA haben indes Präsident Joe Biden zufolge die Sicherheitszone um den Flughafen vergrößert. Die Taliban hätten sich dabei kooperativ gezeigt, sagte Biden am Sonntag. Die US-Regierung sei außerdem im Gespräch mit dem Militär über eine Verlängerung der Evakuierungsmission über das Monatsende hinaus.

"Es gibt Diskussionen zwischen uns und dem Militär über eine Verlängerung", sagte Biden. "Wir hoffen, dass wir nicht verlängern müssen." Sollten andere G7-Staaten um eine längere Präsenz der US-Truppen bitten, werde er antworten, "dass wir sehen werden, was wir tun können". Die Staats- und Regierungschefs sieben wichtiger Industriestaaten kommen am Dienstag zu einem Online-Sondergipfel zu Afghanistan zusammen. Der britische Premier Boris Johnson will dabei Biden offenbar von einer Verlängerung überzeugen. Die Taliban kündigten am Montag jedoch an, es werde keine Verlängerung der Frist geben, bis zum 31. August müssten alle ausländischen Truppen das Land verlassen.

Biden befürchtet IS-Anschläge

Wie zuvor sein Nationaler Sicherheitsberater Jake Sullivan warnte auch Biden vor der Gefahr von Terroranschlägen der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) auf dem Flughafen in Kabul. "Wir wissen, dass Terroristen versuchen könnten, die Situation auszunutzen und unschuldige Afghanen oder amerikanische Truppen anzugreifen", sagte er. Als "wahrscheinliche Quelle" eines solchen Angriffs nannte er den regionalen Ableger des IS. Mit jedem Tag der Präsenz seien die US-Truppen und unschuldige Zivilisten auf dem Flughafen dem Risiko eines IS-Anschlags ausgesetzt. Die Taliban und der IS sind verfeindet.

Biden sagte, seit dem Beginn der US-Evakuierungsmission am 14. August hätten US-Streitkräfte und ihre Verbündeten fast 28.000 Menschen aus Kabul ausgeflogen. Innerhalb von 36 Stunden seien zuletzt rund 11.000 Menschen über die Luftbrücke in Sicherheit gebracht worden. Der Präsident warnte aber: "Wir haben noch einen langen Weg vor uns, und es kann noch viel schiefgehen." Die Szenen auf dem Flughafen nannte Biden "herzzerreißend". Er betonte zugleich, die Evakuierung von tausenden Menschen aus Kabul wäre immer "hart und schmerzvoll" verlaufen, unabhängig vom Zeitpunkt ihres Beginns. Bidens Regierung wird vorgeworfen, zu spät damit begonnen zu haben.

Bidens Beliebtheitswerte sacken ab

Angesichts des Chaos ist eine große Mehrheit der Amerikaner einer Umfrage zufolge unzufrieden mit dem Verlauf des Truppenabzugs. 74 Prozent der Befragten gaben an, die USA hätten den Rückzug schlecht gehandhabt, berichtete der Sender CBS am Sonntag – obwohl 63 Prozent einen Abzug der US-Streitkräfte an sich befürworteten. Auch Bidens Zustimmungswerte nahmen deutlich ab. Das Institut Yougov befragte für CBS 2.142 Erwachsene in den USA. Die Umfrage fand zwischen dem 18. und dem 20. August statt.

Nur noch 50 Prozent zeigten sich zufrieden damit, wie der Präsident seinen Job macht. Im vergangenen Monat waren es 58 Prozent, im März 62 Prozent. Fast zwei von drei Befragten glauben nicht, dass Biden einen klaren Plan dafür hat, amerikanische Zivilisten aus Afghanistan zu evakuieren. 59 Prozent vertraten die Meinung, dass die USA nicht genug unternähmen, um Afghanen zu helfen, die vor den Taliban fliehen wollten. 62 Prozent der Befragten gaben dem Demokraten Biden eine Mitschuld für die Machtübernahme der Taliban – deutlich mehr als seinem republikanischen Vorgänger Donald Trump (50 Prozent). 60 Prozent gingen davon aus, dass die Terrorbedrohung für die USA mit der Machtübernahme der Taliban zunehmen werde.

Bekannter Journalist verließ Land

Einer von Afghanistans bekanntesten Journalisten, Bilal Sarwary, hat das Land unterdessen verlassen. In einem Video sagte Sarwary unmittelbar vor seinem Abflug, er und seine Familie hätten nur wenige Sachen mitnehmen können. "Ich habe alles zurückgelassen, wofür ich seit mehr als 20 Jahren gearbeitet habe. Das ist niederschmetternd – vorsichtig formuliert."

Offen war zunächst, wo der zu Hause ausgezeichnet vernetzte Journalist künftig leben will. Sarwary sagte, er habe sich nie vorstellen können, seine Heimat zu verlassen. Nun sei die Situation jedoch "außer Kontrolle". Viele Menschen müssten ihre Hoffnungen, Träume und Lebenspläne begraben. Es breche ihm das Herz zu sehen, wie viele gut ausgebildete Menschen ins Ausland gehen müssten. Zugleich äußerte er die Hoffnung, dass die Taliban aus Fehlern der Vergangenheit gelernt haben. Sie müssten verstehen, dass sie nun nicht mehr eine Schattenregierung seien, sondern große Verantwortung trügen, und den Übergang vom Kämpfen zum Regieren schaffen.

Möglicher U-Ausschuss in Deutschland

Auch in Deutschland mehrt sich die Kritik am Truppenabzug aus Afghanistan. Dabei wird ein Untersuchungsausschuss über die Rolle der Bundesregierung immer wahrscheinlicher. Denn am Sonntag signalisierte auch Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock im ARD-Sommerinterview ihre Unterstützung für das Vorhaben. Zuvor hatten sich bereits die FDP und die Linke für einen U-Ausschuss ausgesprochen.

Unionskandidat Armin Laschet ist ebenfalls für eine Aufarbeitung, wenn auch nicht für einen Ausschuss. Im Gespräch mit Bild-TV sagte er, dass die Evakuierungsmaßnahmen zu spät eingesetzt hätten, und nannte Außenminister Heiko Maas (SPD) als Hauptverantwortlichen. Eine Rücktrittsdebatte sieht Laschet aber derzeit unpassend.

Taliban-Botschaft via Russland

Währenddessen versuchen die Taliban offenbar, eine Regierung zu bilden. Taliban-Vertreter statteten am Wochenende dem russischen Botschafter Dmitri Schirnow in Kabul einen Besuch ab, wie dieser sagte. Laut Schirnow wurde er von den Taliban gebeten, den Widerstandstruppen im Panjshir-Tal eine Nachricht zu übermitteln – nämlich dass die Taliban hofften, "eine friedliche Lösung für die Situation zu finden, zum Beispiel durch eine politische Vereinbarung". Ein Blutvergießen solle vermieden werden, sagte Schirnow. Der ehemalige Vizepräsident Amrullah Saleh, der sich im Panjshir-Tal versteckt halten soll, twitterte am Sonntagabend, dass sich Taliban-Truppen in der Nähe formieren würden.

(APA, red, 23.8.2021)