Im Gastkommentar beleuchtet der frühere "Economist"-Chefredakteur Bill Emmott einen in der aktuellen Debatte wenig beachteten Aspekt des Afghanistan-Debakels.

Taliban patrouillieren wieder in den Straßen Kabuls.
Foto: AP / Rahmat Gul

An der Tatsache, dass der 20. Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001 weniger als einen Monat nach dem Tag begangen wird, an dem die Taliban erneut das Islamische Emirat Afghanistan ausgerufen haben, ist eigentlich nichts Gutes. Aber sie erinnert uns daran, warum es vor zwei Jahrzehnten notwendig war, das Land zu besetzen und die Herrschaft der Taliban zu beenden.

Düsterer Jahrestag

Wenn auf US-Boden fast 3000 Menschen durch einen Angriff sterben, der von einer bekannten Terrorgruppe geplant und in Auftrag gegeben wurde, und die Regierung des Landes, das diese Gruppe beherbergt, sich weigert, dabei zu helfen, diese Gruppe und ihren Anführer zur Rechenschaft zu ziehen, gibt es nur schlechte Optionen. Der Vergeltungsangriff auf Afghanistan war bisher das einzige Mal, dass Artikel 5 des Nordatlantikvertrags angewandt wurde, der besagt, dass die Unterzeichnerstaaten einen Angriff gegen ein Mitglied als Angriff gegen alle Mitglieder ansehen. Die Invasion unter Führung der USA fand, anders als der Einmarsch in den Irak zwei Jahre später, breite Unterstützung; nur eine Handvoll Länder verurteilten oder kritisierten sie.

Aus diesen Gründen wird der 20. Jahrestag der Terroranschläge noch düsterer als sonst. Über die schrecklichen Erinnerungen an diesen Tag legt sich nun das überwältigende Gefühl, dass der Westen in Afghanistan gescheitert ist, dass er alle Afghanen im Stich gelassen hat, die davon überzeugt waren, künftig in einem freieren und etwas wohlhabenderen Land leben zu können, und dass die internationale Glaubwürdigkeit der USA, der Nato und auch von Präsident Joe Biden persönlich schwer beschädigt wurde. Während sich die meisten Schuldzuweisungen darauf konzentrieren, was in Afghanistan getan oder eben nicht getan wurde, betrifft das echte Versagen seit September 2001 die gesamte Region und vor allem Pakistan.

Schneller Rückzug

David Frum schrieb 2001 und 2002 die außenpolitischen Reden von Präsident George W. Bush. Er sagte, die Geschichte der US-Intervention in Afghanistan wäre ganz anders ausgegangen, wenn der Einmarsch unter US-Führung deren vorrangiges Ziel, Osama bin Laden zu töten oder gefangen zu nehmen, im Dezember 2001 erreicht hätte: nicht mit einem langfristigen Engagement, sondern mit einem schnelleren Rückzug und der Übergabe an eine neue afghanische Regierung. Diese Annahme weist auf ein Problem hin, das nach dem Afghanistan-Debakel gern übersehen wird.

Bis er 2011 von US-Spezialkräften getötet wurde, versteckte sich bin Laden fast zehn Jahre lang in Pakistan, und zwar nicht in den Stammesgebieten unter Bundesverwaltung, wo die Regierung wenig zu sagen hatte. Er war in Abbottabad, einer mittelgroßen Stadt, die nur 120 Kilometer von der Hauptstadt Islamabad entfernt liegt und die pakistanische Militärakademie beherbergt. Damit nicht genug. Obwohl einige Führungskräfte der Taliban nach dem Machtverlust nach Katar geflohen waren, gingen die meisten nach Pakistan, mit der Hilfe und anscheinend auch dem Segen des pakistanischen Geheimdienstes ISI. Dass die Taliban immer noch als Oppositionskraft existieren, mit der die Regierung von Präsident Donald Trump 2020 über den Abzug verhandelte, verdanken sie vor allem der Unterstützung aus Pakistan.

"Pakistan stand nur halbherzig an der Seite der USA."

Der größte Fehler nach den Terroranschlägen im Jahr 2001 war es, nicht die langfristige Unterstützung der Frontstaaten um Afghanistan zu sichern: Iran, China, Russland, die fünf zentralasiatischen "Stans" und vor allem Pakistan. Manche davon hätten ihre Unterstützung bestimmt nicht freizügig angeboten. Pakistan erhielt damals schon seit langem US-Hilfen – militärische und andere – und galt im Kalten Krieg als Verbündeter. Gleichzeitig machte sich das Land bei China lieb Kind und erhielt chinesische Hilfe und Technologie zum Aufbau seines Atomwaffenprogramms. Daran hätte man bereits erkennen müssen, dass Pakistan nur halbherzig an der Seite der USA stand.

Es wäre für die USA nie einfach gewesen, auf Pakistan den notwendigen Druck auszuüben, um die langfristige Stabilität Afghanistans nach 2001 zu gewährleisten, besonders in einer Zeit des militärischen Konflikts zwischen Pakistan und Indien, der 2001 und 2002 sogar plausible Ängste vor einem Atomkrieg auslöste. Ein wichtiges Ziel der US-Außenpolitik war damals der Aufbau enger Beziehungen zu Indien, die zum amerikanisch-indischen Atomabkommen von 2005 führten und vor allem als Gegenpol zur wachsenden Stärke Chinas im Indopazifik gedacht waren. Diese Beziehungen sind heute das Kernstück der Strategie der Biden-Regierung für den indopazifischen Raum, in der die "Quad"-Staaten (Indien, Japan, Australien und die USA) eine besondere Rolle spielen.

Entscheidender Fehler Bushs

Im Rückblick erkennen wir, dass der entscheidende Fehler damals in Bushs Ansprache zur Lage der Union von 2002 lag, in der er die Feinde Amerikas – mit Frums Worten – als "Achse des Bösen" bezeichnete. Keines der drei Länder, die er als Geldgeber des Terrorismus an den Pranger stellte – Iran, Irak und Nordkorea –, ist für das Scheitern in Afghanistan und die Rückkehr der Taliban verantwortlich.

Die Schuld dafür tragen vor allem Pakistan und die Unfähigkeit der USA, das Land auf ihre Seite zu ziehen. Selbst wenn die USA ihre Aufmerksamkeit und Ressourcen 2003 nicht auf den Einmarsch in den Irak gerichtet hätten, wäre ihre Politik in Afghanistan zum Scheitern verurteilt gewesen.

Postamerikanische Welt

Dies soll jedoch nicht von anderen, direkteren und tragischen Fehlern ablenken – der moralischen Schwäche und Planlosigkeit, unter denen das internationale Engagement der Vereinigten Staaten nicht erst seit heute leidet. Oder in den Worten Gideon Rachmans von der Financial Times: Niemand kann mehr daran zweifeln, dass wir heute in einer postamerikanischen Welt leben. Als Fareed Zakaria 2008 wenige Monate vor dem Finanz-Crash ein Buch mit diesem Titel veröffentlichte (The Post-American World), hielten das viele für verfrüht. Jetzt erscheint es weitblickend. (Bill Emmott, Übersetzung: Colette Whitney, Copyright: Project Syndicate, 24.8.2021)