Wien – Die Corona-Krise lässt viele Österreicher beim Essen zu den Wurzeln zurückkehren. Einkäufe im nahen Lebensumfeld boomen und stabilisieren das Einkommen der Landwirtschaft. Die Politik ruft zum Lebensmittelpatriotismus auf. Viele Bauern investieren in ihre Hofläden. Junge innovative Greißler und engagierte Vertriebsgemeinschaften springen auf den Zug auf.

Die Bereitschaft der Konsumenten, sich Regionalität etwas kosten zu lassen, lässt auch Supermarktketten ihr Sortiment überarbeiten: Um sich gutes Geschäft entgehen zu lassen, dafür ist der Konkurrenzkampf unter den Branchenriesen zu hart. Während die verpflichtende Herkunftskennzeichnung vorerst Spielball der Politik bleibt, bemüht sich der Handel um eine plakativere Ausschilderung seiner Ware.

Der jüngste Vorstoß kommt von Billa und Billa Plus: Die Rewe-Töchter ergänzen ihre zahlreichen Siegel um den orangefarbenen Hinweis "is' heimisch". Wo "lokal" draufsteht, werden künftig Lebensmittel aus dem Umkreis von höchstens 30 Kilometern drinnen sein. Mit "regional" sind Produkte aus dem Bundesland beschriftet, in dem sich die Filiale befindet. "Österreichisch" bezeichnet Angebote aus dem Rest des Landes.

"Rasch und unbürokratisch"

Rewe-Chef Marcel Haraszti verspricht kleinen Produzenten rasche und unbürokratische Listung. "Wir öffnen ihnen eine VIP-Eingangstür", sagt er und bietet Landwirten seine neue Bühne für Regionalität als Alternative zum Ab-Hof-Verkauf an. Ziel es sei, mehr Wertschöpfung und Jobs in Österreich zu halten. Die Zahl an regionalen Produkten sei bei Billa und Billa Plus seit Jahresbeginn bereits um 20 Prozent gewachsen.

Die Österreicher kaufen seit Corona vermehrt in Hofläden und bei Direktvermarktern ein. Handelskonzerne wollen sich dieses Geschäft nicht länger entgehen lassen.
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Der Aufruf der Rewe, sich ihren Vertriebsgeschicken zu überlassen, sorgt unter den Angesprochenen für gemischte Gefühle. "Für manche ist es eine Chance", sagt Otto Gasselich, Vizeobmann des Verbands der Biobauern, Bio Austria. Er appelliert jedoch daran, sich auch die Kehrseite der Medaille anzusehen.

Direktvermarktung wächst

Diese betrifft das immer stärkere Netz an Direktvermarktern, die ihre Produkte teils rund um die Uhr anbieten. Ohne boshaft sein zu wollen, dränge sich ihm der Verdacht auf, dass es Handelskonzernen vor allem darum gehe, diese weitläufig verstreuten Umsätze in ihre eigenen Filialen zu holen, sagt Gasselich.

Und er gibt zu bedenken, dass der Verkauf über Supermärkte zwar den Kreis der Abnehmer erweitert. Mit dem Verlust an persönlichem Kontakt gehe aber Kundentreue verloren. Offen sei, ob Rewe kleinen Produzenten fixe Abnahmemengen zusichere, was passiere, wenn diese zeitweise nicht lieferfähig seien, ob sie über das ganze Jahr hinweg Präsenz zeigen müssten und wie viele ihrer vielfältigen Artikel tatsächlich in den Regalen gelistet würden.

Der Wert der Herkunft

Gasselich warnt davor, zu glauben, dass sich mit Regionalität allein die Probleme der Landwirtschaft lösen lassen. "Wir müssen aufpassen, dass diese nicht zur Religion wird." Österreich lebe von Export. Wo führe es hin, wenn Deutschland Konsumenten suggeriere, dass alles, was aus Österreich komme, schlecht sei?

Der Bauernvertreter erinnert zudem daran, dass Herkunft an sich kein Qualitätsnachweis ist. Diese sage weder aus, wie viel Spritzmittel beim Anbau verwendet wurden, noch woher die Rohstoffe kommen, die verarbeitet wurden. Werde Regionalität künftig das Maß aller Dinge, sei ein Rückschritt an Innovation die Folge. "International geraten wir damit unter die Räder."

"Wir igeln uns ein"

"Wir igeln uns ein", kommentiert der Marktforscher Andreas Kreutzer den von Politikern ausgerufenen Ernährungsprotektionismus. "Es haben aber auch Franzosen guten Käse und Schweizer gutes Fleisch."

Natürlich sei Österreichs Bauern mit mehr regionalem Einkauf geholfen, betont Kreutzer. Was die höhere Wertschöpfung betrifft, so stecke diese aber vor allem in der Logistik und im Handel. Denn in Summe trage die Landwirtschaft nur noch wenige Prozent zum BIP bei.

Auch er empfiehlt kleinen Produzenten, sorgfältig abzuwägen, ob sich der Weg in Supermarktketten für sie langfristig wirklich lohnt. Es sei eine strategisch heikle Entscheidung: Einmal in die Abhängigkeit großer Konzerne geraten, sei es sehr schwer, zur Direktvermarktung zurückzukehren. "Und dass ein einzelner Landwirt angesichts einer Rewe oder Spar hohe Verhandlungsmacht besitzt, darf bezweifelt werden." (Verena Kainrath, 25.8.2021)