Erman Feroz plädiert im Umgang mit den Taliban für Umsicht und Zurückhaltung: "Nur Kenntnisse schützen vor Illusionen."

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Beobachter in den internationalen Medien nähren still die Hoffnung, aus den Taliban wären – 20 Jahre nach dem erstmaligen Verlust der Macht in Afghanistan – angehende Kosmopoliten geworden, mit größerer kultureller Toleranz. Der freie Journalist Emran Feroz (30), ein in Innsbruck aufgewachsener Austro-Afghane, beobachtet nicht nur den Krieg am Hindukusch, sondern auch das Wirken der Gotteskrieger seit vielen Jahren (jüngster Buchtitel: Der längste Krieg. 20 Jahre War on Terror). Sein letzter Aufenthalt in Afghanistan im Frühjahr dauerte zwei Monate; mittlerweile überschlugen sich die Ereignisse. Sein Credo: "Man muss das ganze Land im Blick behalten."

STANDARD: An das alltagskulturelle Auftreten der Taliban knüpfen sich diskrete Hoffnungen: Man beobachtet Aspekte einer Charmeoffensive, bewundert Krieger beim Body-Workout oder beim genüsslichen Eisschlecken. Handelt es sich dabei um Äußerlichkeiten? Oder haben 20 Jahre ohne Macht im afghanischen Staat eine Veränderung der Einstellung bewirkt?

Feroz: Die Taliban beim Eisessen oder Herumtollen zu sehen: Das war von ihnen schlicht nicht geplant. Viele Taliban-Kämpfer halten sich zum ersten Mal in ihrem Leben in Kabul auf. Die sind oftmals in sehr ärmlichen ländlichen Gebieten aufgewachsen und sehen westliche Konsumgüter zum ersten Mal. Die besaßen auch keine echte Kindheit – und hüpfen da jetzt herum. Das sieht komisch aus, ist aber auch traurig. Ich habe viele dieser jungen Kämpfer getroffen.

STANDARD: Handelt es sich dabei um eine kalkulierte PR-Offensive?

Feroz: Ich erinnere an die erste Pressekonferenz der Taliban von vor einer Woche: Da wurde das Bemühen um eine gewisse Verbindlichkeit international deutlich. Wobei die PR-Offensive der Taliban schon seit Jahren läuft, spätestens seit Eröffnung ihres Büros in Qatar 2013. Seitdem bemerkt man ihr Bemühen, sich anders darzustellen: als kosmopolitischer, globalisierter politischer Akteur. Man will ganz einfach das Bild, das über sie im Umlauf ist, dekonstruieren – und entkräften. Das ist innerhalb von 20 Jahren, schon allein wegen all der technischen Errungenschaften und sozialen Entwicklungen seither, kein Grund, sich besonders zu verwundern.

STANDARD: Das bedeutet aber, mit Blick auf die künftige Repräsentation?

Feroz: Es liegt stark in ihrem Interesse, ein gutes Bild von sich abzugeben. Schließlich sollen auch Hilfsgelder in ihre Kanäle geleitet werden. Dieser Tage gab es ein Interview mit einem jungen Taliban-Sprecher auf Al Jazeera: Der artikulierte sich in ziemlich gutem Englisch. Das Video hatte auf Youtube binnen kürzester Zeit über eine Million Klicks. In der englischsprachigen Welt stieß der junge Mann umgehend auf sehr viel Wohlwollen und Zustimmung.

STANDARD: Die kosmopolitische Offensive zeitigt Wirkung?

Feroz: Die Taliban sind erst seit einer Woche zurück an der Macht. Was ihre Ideologie betrifft, haben sie sich ganz bestimmt nicht groß verändert. Die Erwartungen, die der Westen vielfach an sie richtet, sind ganz einfach falsch: Weder sind aus den Taliban Demokraten geworden, noch engagieren sie sich feministisch oder sind sie progressiv. Das sind die anderen Akteure in Afghanistan übrigens auch nicht.

STANDARD: Auf sozialen Medien hat das Nationalmuseum in Kabul quasi um Protektion seitens der Taliban gebeten: Diese mögen sich als Schutzherren über das nationale Erbe verstehen. Können solche Appelle bei Bilderstürmern verfangen?

Feroz: Es gibt bereits genug afghanische Menschen, die die Lage beklagen: "Alles ist schlecht, es gibt keine Arbeit. Aber wenigstens ist es sicherer geworden!" Der Sicherheitsaspekt ist tatsächlich für viele Afghanen sehr wesentlich. Damit wird den Taliban viel Vertrauen in die Hände gelegt. Die ganze Kriminalität, die bis tief in den Staatsapparat hineingereicht hat, die allgegenwärtige Korruption, das alles hat zum Erstarken der Taliban entscheidend beigetragen.

STANDARD: Die Rute des Islamismus als Mittel gegen Plutokratismus und Anarchie?

Feroz: Das ist das Narrativ, das sie selbst nähren. Es passierte nur ein entscheidender Fehler in der Berichterstattung der vergangenen Jahre: Man fokussierte sich auf Kabul und nicht auf die ländlichen Regionen. Dort sind genug schlimme Dinge passiert, übrigens auch westliche Kriegsverbrechen. Heute darf man den Fehler unter anderen Vorzeichen nicht noch einmal begehen. Man muss ihr Handeln auch in den anderen Regionen beurteilen, wo sie schon seit langem aktiv sind. Es gibt genug Berichte, dass dort wieder puritanische Zustände herrschen, dass gewaltsam gegen Dissidenten vorgegangen wird. Vergangene Woche soll in Jalalabad aus Anlass von Protesten in die Menge geschossen worden sein. Es gab Tote und Verletzte. Es existieren genügend Anlässe zu echter Besorgnis. Man muss die Ideologie der Taliban zu verstehen versuchen, zumal sie sich mit paschtunischen Besonderheiten überschneidet.

STANDARD: Kenntnis schützt vor Illusionen?

Feroz: Nur diese. (Ronald Pohl, 25.8.2021)