Olaf Scholz ist seit 2018 Vizekanzler und Finanzminister im Kabinett von Angela Merkel. Sie will er beerben.

Foto: Reuters / Leon Kuegeler
Grafik: Standard

Jetzt ist es passiert. Und viele in der nicht gerade erfolgsverwöhnten SPD können es gar nicht fassen. Erstmals seit 15 Jahren liegen die Sozialdemokraten in einer Umfrage in Deutschland wieder auf Platz eins.

Laut einer Forsa-Befragung für das RTL/ntv-Trendbarometer kommt die SPD nun auf 23 Prozent (plus zwei Prozentpunkte im Vergleich zur Vorwoche). CDU/CSU landen mit 22 Prozent auf Platz zwei, die Grünen kommen auf 18 Prozent.

Es ist eine bemerkenswerte Entwicklung. Noch vor wenigen Monaten lag die SPD mit rund 15 Prozent weit abgeschlagen auf Platz drei. Das Duell um die Nachfolge von Angela Merkel schienen sich die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock und ihr Unions-Konkurrent Armin Laschet auszumachen. SPD-Mann Olaf Scholz war der unsichtbare Dritte.

"Da geht noch mehr"

Doch dann legte die SPD zu, holte auf, zog gleich, und jetzt ist sie sogar auf Platz eins. Jetzt blicken alle auf Scholz. Der freut sich in einem Interview mit dem Spiegel: "Viele Bürgerinnen und Bürger können sich offenbar vorstellen, dass ich die nächste Regierung führe. Dieses Vertrauen berührt mich sehr, das gebe ich gerne zu. Wer Scholz will, wählt SPD. Wir spüren ein Momentum, und da geht noch mehr."

Scholz der vierte sozialdemokratische Kanzler nach Willy Brandt, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder? Vor einem halben Jahr wäre Scholz für solche Aussagen noch verlacht worden – außerhalb der SPD, aber auch innerhalb. Als die Partei 2019, nach dem Abgang von Andrea Nahles, eine neue Führung suchte, fiel Scholz durch. Die Genossen wollten lieber Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans.

Konstante nach Merkel

Politikberater Frank Stauss, der für die SPD schon einige Wahlkämpfe gemacht hat – unter anderem für Schröder –, sieht in Scholz jene Konstante, die Merkel den Bürgerinnen und Bürgern lange geboten hat: "Viele Leute merken jetzt erst: In ein paar Wochen ist Merkel tatsächlich weg, ich kann sie diesmal nicht wieder wählen."

Baerbock und Laschet hatten noch nie ein Amt in einer Bundesregierung, es bleibt also Scholz. Stauss: "Olaf Scholz ist in Deutschland eine etablierte und vertrauenswürdige Marke. Auf ihn kann man sich verlassen, wie auf Merkel."

Er war Arbeitsminister, Hamburger Bürgermeister, jetzt ist er Finanzminister, und als solcher war er in der Corona-Krise sehr präsent. Das habe ihm geholfen, meint Stauss. Er findet zudem: "Union und Grüne haben die falschen Kanzlerkandidaten nominiert. Scholz profitiert auch von der Schwäche und den Fehlern der anderen."

Böse Zungen in Berlin meinen, Scholz mache – im Gegensatz zu Baerbock und Laschet – nichts falsch, weil er ohnehin so wenig sage. Das schadet ihm offensichtlich nicht. Im Gegenteil: Bei den persönlichen Zustimmungswerten liegt er bei 51 Punkten, Baerbock bei 33, Laschet bei 29 Punkten.

Scholz-Raute

Scholz selbst spielt ganz bewusst mit der Merkel-Karte. In der legendären Reihe "Interview ohne Worte" im Magazin der Süddeutschen Zeitung wurde er gefragt, was er an Angela Merkel vermissen werde. Scholz formte seine Hände zur Raute und schaffte es auf das Cover.

Dort war übrigens schon einmal ein anderer sozialdemokratischer Kanzlerkandidat, nämlich Peer Steinbrück im Jahr 2013. Er zeigte Deutschland den Stinkefinger, die Wahl gegen Merkel hat er verloren.

Der Nächste, der es nicht schaffte, war vier Jahre später – also im Jahr 2017 – Martin Schulz. Zwar startete er fulminant, aber der "Schulz-Zug" entgleiste auf dem Weg ins Bundeskanzleramt. Die SPD schaffte bloß ein historisch schlechtes Ergebnis von 20,5 Prozent.

"Sie kennen mich"

"Die Bürgerinnen und Bürger kennen mich", erklärte Scholz unlängst in einer Talkshow. Es war wieder eine Anspielung auf Merkel. "Sie kennen mich" – mit diesen Worten hatte sich Merkel im Wahlkampf 2013, im TV-Duell gegen Steinbrück, den Wählerinnen und Wählern empfohlen. Fast holte die Union danach die Absolute.

Raphael Brinkert, früher CDU-Mitglied und jetzt mit seiner Agentur verantwortlich für die SPD-Wahlwerbekampagne, sieht Scholz gut im Plan. "Qualifying, Comeback, Kanzlerwahlkampf" – so beschreibt er den Weg des Kanzlerkandidaten. Scholz war der Erste, der vor einem Jahr den Hut in den Ring warf, Laschet und Baerbock folgten erst deutlich später.

Sehr viel rote Farbe

Auf den Plakaten sind viel Scholz und viel Rot zu sehen. "SPD" kommt hingegen eher klein vor.

Dass Scholz oft als dröge und langweilig empfunden wird, sei kein Nachteil, meint Brinkert. Denn: "Es ist eine Zeit der extremen Herausforderungen und nicht eine, in der man lacht. Es geht um harte Arbeit, und da ist Scholz extrem professionell."

Die Wählerinnen und Wähler sollen bei der Frage "Wer geht bei einer internationalen Krise nachts um drei Uhr in Berlin ans Telefon?" an Scholz denken, da er Regierungserfahrung habe.

Noch sind es einige Tage bis zum 26. September. Für Berater Stauss ist klar, wie Scholz Kurs halten muss: "Er strahlt aus: Ich will das, ich kann das. Es wäre fatal, wenn er sein Image ändert. Er soll so bleiben, wie er ist." (Birgit Baumann aus Berlin, 25.8.2021)