Die Hilflosigkeit Europas ist erschreckend, sagt der Politologe und Amerikanist Tobias Endler im Gastommentar.

Joe Biden will raus aus Afghanistan. "Jeder Tag des Einsatzes bringt zusätzliche Risiken für unsere Truppen", sagt der US-Präsident.
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Joe Biden hat im Laufe seiner Karriere schon viele Spitznamen bekommen, und keiner davon war wirklich als Kompliment gedacht: Creepy Joe, Quid pro Joe, nicht zu vergessen Donald Trumps Einlassung: Sleepy Joe. Als schläfrig würden den US-Präsidenten mittlerweile die wenigsten Europäer bezeichnen. Vielmehr haben die politischen Entscheidungsträger in den großen europäischen Hauptstädten, von Berlin über Wien bis Brüssel, kollektiv die grundlegenden Umwälzungen im transatlantischen Verhältnis verschlafen. Den "Westen", so wie wir ihn kennen oder zu kennen glaubten, gibt es nicht mehr. Biden wird ihn so wenig neu aufbauen, wie sein Vorgänger Trump ihn zerstört hat. Diese Tatsache wird angesichts der tragischen Entwicklungen in Kabul vor unseren Augen zur bitteren Gewissheit.

In den ersten sechs Monaten im Amt hat sich Biden zwei weitere Spitznamen verdient: Zunächst kann er mit Fug und Recht als "Smart Diplomacy Joe" gelten. In seiner Antrittsrede im Jänner versicherte der neue Präsident dem Volk, Amerika werde seine Führungsrolle in der Welt wieder einnehmen (die Erleichterung aller anderen hierüber wurde vorausgesetzt). Nur vier Wochen später spricht Biden auf der virtuell durchgeführten Münchner Sicherheitskonferenz den Europäern gegenüber davon, dass "die USA und Europa wieder führen" müssten. Der Unterschied ist nicht nur semantischer Natur. In Berlin, Paris und (noch immer) London gefällt man sich in der Vorstellung eines Führungsteams, das in Absprache und auf Augenhöhe mit Washington die Geschicke des Westens leitet. Natürlich, Differenzen in Detailfragen gehören dazu, doch wenn es darauf ankommt, trägt die stabile Allianz verlässlicher Partner. Man hört aufeinander. Man spricht mit einer Stimme. Und wichtiger noch: Man begegnet globalen Herausforderungen mit vergleichbaren Lösungsansätzen, weil man dasselbe Wertegerüst teilt.

"Wir haben es hier mit einem schweren Fall von Nostalgie zu tun."

Wir haben es hier mit einem schweren Fall von Nostalgie zu tun. Die Europäer werden davon in regelmäßigen Abständen heimgesucht, so auch jüngst, als die menschgewordene diplomatische Katastrophe Trump ins Weiße Haus einzog und sich Spitzendiplomaten aus ganz Europa wehmütig der vermeintlich paradiesischen transatlantischen Zustände unter Barack Obama erinnerten.

Nostalgie bedeutet die Glorifizierung der Vergangenheit, was auch hier zutraf. Sie steht zudem für die Annahme, dass andere die Welt im Rückblick betrachten wie man selbst, was praktisch nie zutrifft. Schwerer wiegt, dass Nostalgie über der Verklärung des Vergangenen auch den Blick auf die Gegenwart verzerrt. Daher rührt die Vorstellung, Biden als langjähriger Stellvertreter Obamas werde dem "Westen" zu alter Größe verhelfen und den Unfall der Präsidentschaft Trump vergessen machen. Beides ist falsch. Der Westen ist tot, und zwar schon seit einiger Zeit, und Biden wird ihn nicht wiederbeleben. So viel hätte nach den ersten sechs Monaten seiner Präsidentschaft allen klar sein müssen.

Weit gefehlt.

Und so trifft die europäische Entscheiderriege das brutale Szenario am Kabuler Flughafen und in der Stadt am 16. August und in den Folgetagen aus heiterem Himmel. Dabei waren die Gewitterwolken am Horizont in Afghanistan und – in anderer Hinsicht – in Washington seit Monaten zu sehen (und sind von aufmerksamen Beobachtern aus dem Kreis der Medien und NGOs auch durchaus benannt worden). Biden hat Trumps Entscheidung, die US-Truppen komplett aus Afghanistan abzuziehen, nie infrage gestellt. Der Unterschied zwischen beiden Oberbefehlshabern besteht in drei Monaten, und dies auch nur, weil Biden das Ende der Besatzung mit dem 20. Jahrestag der 9/11-Anschläge zusammenbinden wollte.

Selbstverursachtes Problem

Die europäische Hilflosigkeit angesichts der Entwicklungen war und ist erschreckend. "Niemand hat dieses Szenario kommen sehen", sagt ein Mitarbeiter des deutschen Außenministeriums dem Business Insider, so einfach, so blamabel ist das. "Ohne die USA können wir die Evakuierung nicht weiterführen", sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Schadensbegrenzungstreffen der G7 eine Woche später. Augenscheinlich hielt es keiner der westlichen Bündnispartner für nötig, für ein "Szenario" Vorbereitungen zu treffen, das eintreten musste, sobald die einzige Supermacht der Allianz ihren Rückzug einläutet – dies angesichts der unverhohlenen Taktik der Taliban, das Ende der Präsenz westlicher Truppen im Land schlicht auszusitzen.

Wenn wir uns in einem selbstverursachten Problem wiederfinden, ist die Versuchung, anderen dafür die Verantwortung zuzuschieben, am größten. In diesem Fall besteht das Problem in einem Totalausfall in Sachen gesunder Menschenverstand. Und so werden Biden dieser Tage konsequent entweder Verstand oder Verantwortungsgefühl abgesprochen; in den Augen vieler seiner einstigen Bewunderer auf unserer Seite des Atlantiks ist er seit kurzem "der skrupellose Joe". Biden wird sein neuester Spitzname egal sein. Wiederholt haben er, sein Außenminister Tony Blinken und sein Verteidigungsminister Lloyd Austin von der "Sicherheit in Allianzen" gesprochen, die ein zentraler Grund dafür sei, weshalb, so der Präsident, "die transatlantische Allianz" als Ganzes "zurück" sei. Damit war allerdings nie die ausführliche Diskussion außenpolitischer Grundsatzfragen mit Deutschland, Frankreich oder anderen gemeint. Und schon gar nicht, dass die letzte Supermacht der Erde diese Fragen entlang von Zustimmung oder Ablehnung im Transatlantischen entscheidet.

Absehbares Ende

Der längste Krieg der USA musste an ein Ende kommen, alles andere ist zu Hause politisch nicht mehr vermittelbar. In der Welt muss sich die US-Administration mittlerweile Sorgen machen, welche ihrer Informanten und Ortskräfte nach der Bankrotterklärung von Kabul etwa im Jemen oder in Mali zukünftig noch bereit sein werden, sich einzubringen und womöglich ihr Leben zu riskieren. Doch immerhin können die Amerikaner im Ernstfall ihre eigenen Leute und viele weitere in Sicherheit bringen. Das ist mehr, als die Europäer von sich sagen können. (Tobias Endler, 26.8.2021)