Foto: Ferdinand Neumüller

Der Besucherin drehte es den Magen um. Beißender Uringestank stieg ihr in die Nase, auf Boden, Sofa und Sesseln prangten nasse Flecken. Seit drei Wochen hatte sich die alte Dame nicht mehr waschen lassen, die Zehennägel waren wild verwachsen. Weder schaffte es die entnervte Tochter, sie zum Arzt zu bringen, noch durfte die Krankenpflegerin in die Wohnung. Tabletten spuckte die Mutter aus.

"Allein was ich in den letzten drei Tagen gesehen habe, würde ein Buch füllen", sagt Christine Leyroutz. Wieder einmal war die Gerontopsychologin in Kärnten auf Tour, um Diagnose und Beratung anzubieten – und wie immer schlug ihr blanke Überforderung entgegen. "Vor dir sitzen 90-jährige Männer und Frauen, die auf ein geglücktes Leben zurückblicken", erzählt sie: "Jetzt heulen sie Rotz und Wasser, weil sie nicht mehr mit dem Alltag klarkommen."

Was Leyroutz beschreibt, sind die Folgen eines Gebrechens, das sich zur Volkskrankheit auswächst. Rund 130.000 Menschen leiden laut Schätzung in Österreich an Demenz, in den nächsten 30 Jahren soll sich die Zahl wegen der Alterung der Bevölkerung verdoppeln. Heilung existiert nicht: Der stetige Verfall von Denkvermögen, Sprache und Motorik lässt sich maximal bremsen, aber nicht stoppen oder gar rückgängig machen. Damit einher gehen Depressionen, Verhaltensstörungen und – wie die Psychologin sagt – "viel Gewalt".

Schläge und Beschimpfungen

Da war etwa jener 90-Jährige, der sich nicht damit abfinden konnte, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren. Regelmäßig hat er seine um drei Jahre jüngere Frau geschlagen. Doch wenn die Polizei anrückte, versicherte er mit dem Gesicht des ehrlich Ahnungslosen seine Unschuld: "Aber Schatzele ..."

Oder jene selbst schon gebrechliche Frau, die ihren Mann aus schlechtem Gewissen partout nicht ins Heim stecken wollte: Den ganzen Tag hat sie nur mehr herumgeschrien, weil sich ihr Gatte einfach nichts mehr merken konnte.

Manche Demente trieben Angehörige und Betreuerinnen mit wüsten Beschimpfungen an den Rand des Nervenzusammenbruchs, berichtet Leyroutz, andere setzten aus einer Laune heraus die Existenz aufs Spiel: "Es kam schon vor, dass einer Haus und Hof verschenken wollte, weil ihm die blonde Frau am Bankschalter gerade so gefallen hat."

Wenn die Erinnerung zerbricht

Am besten lasse sich die Krankheit mit der Anatomie eines Wurlitzers erklären, sagt Sonja Wieser, die mit Leyroutz, Leiterin des Nussbaum-Demenzkompetenzzentrums, in einem Pflegeheim am Rande Klagenfurts zusammenarbeitet. Man stelle sich vor, sämtliche Erinnerungen eines Lebens seien auf Platten graviert, die von oben nach unten zerbrechen: Erst gingen die Erfahrungen des Erwachsenenalters verloren, dann jene der Kindheit – bis der Patient wieder ins Embryonalstadium verfalle.

Haustierbesuch für demente Heimbewohner: Erst gehen die Erfahrungen des Erwachsenenalters verloren, dann jene der Kindheit – bis der Patient wieder ins Embryonalstadium verfällt.
Foto: Ferdinand Neumüller

Wieser tritt nicht so auf, wie es der an weiße Kittel gemahnende Titel einer "Pflegedienstleiterin" vermuten lässt. Ein wild gemustertes Sommerkleid trägt sie an diesem Nachmittag, dazu hohe Stöckelschuhe, die auf die violett lackierten Fingernägel abgestimmt sind – nicht bloß ein modisches Statement. Krankenhauskluft löse bei Heimbewohnern den Reflex aus, sich hilfsbedürftiger als nötig zu geben, erläutert Wieser. Die erste Lektion für neu eingestellte Kräfte laute deshalb: Kommt in T-Shirts und Jeans!

Einen Stilmix bietet hier, im Haus St. Peter der Diakonie de la Tour, auch das Interieur. Zwischen dem in Brauntönen gehaltenen Zweckmobiliar finden sich jahrzehntealte Kommoden, Tische und Sitzgelegenheiten wie vom Flohmarkt – demente Menschen bauen zu Gegenständen von anno dazumal eben leichter Bezug auf. Doch die Heimphilosophie setzt einen Kontrapunkt: Da hört es sich mit der Durchmischung auf.

Handgreiflichkeiten im Pflegeheim

Viele im Haus leiden unter frontotemporaler Demenz, einer für Mitmenschen besonders herausfordernder Spielart: Patienten spucken, reden ohne Unterlass, essen, was sie in die Finger kriegen, werfen mit Gegenständen herum, gebärden sich aggressiv und – nicht zuletzt sexuell – enthemmt. Das führt nicht nur zum Griff an den Busen mancher Pflegerin, sondern auch zu Streit und Handgreiflichkeiten mit den geistig Fitteren.

Verständlicherweise fühlten sich die "orientierten" Bewohner belästigt, wenn ihnen Demente die Brille, das Gebiss oder die Suppe wegnehmen, sagt Wieser: "Niemand will ständig Rücksicht nehmen, weil ein anderer noch schlechter beinand ist." Am Ende hätten sich die Frustrierten abgekapselt und psychisch selbst umso schneller abgebaut. Bis die Heimleitung eingriff.

Gartenliebhaber im Haus St. Peter der Diakonie de la Tour in Klagenfurt: Die geistig Fitteren fühlten sich von den dementen Mitbewohnern belästigt.
Foto: Ferdinand Neumüller

Heute sind die Dementen weitgehend aus der Sphäre der Orientierten verbannt. Im Mittelstock des mit großzügigen Fensterfronten ausgestatteten Gebäudes wohnen ausschließlich Menschen, die im Alltag noch selbst mitmachen können. Da wird gekocht, gegartelt, die hauseigene Kräuterapotheke mit Nachschub versorgt – und ein unerbittlich anmutendes Regime entfaltet. Wer stärkere Anzeichen von Demenz zeige, werde von den Mitbewohnern ausgeschlossen, erzählt die Leiterin: "Niemand mag den Betroffenen mehr, niemand versteht ihn mehr, niemand will damit konfrontiert sein."

Endstation in der Oase

In dem Fall steht die Übersiedlung ins Erdgeschoß an, wo die mittelschweren Fälle untergebracht sind. Der Großteil kann hier noch etwas gehen und reden, je nach Tagesverfassung. Es kommt vor, dass sich wer spontan an ein Kuchenrezept erinnert und zum Backen anfängt. Am nächsten Morgen kann der helle Moment – Tücke der Krankheit – schon wieder verflogen sein.

Jene, die da nicht mehr mitkönnen, gelangen in den letzten Stock, dessen Herzstück im Heim "Oase" genannt wird. Einzelzimmer gibt es auch hier, doch die sind verwaist. Betten und Liegestühle der Patienten sind in der Aula gruppiert, dazwischen hantiert Pflegepersonal mit Löffeln und mit Fruchtmus gefüllten Spritzen. Eine Frau in der Mitte kaut im Zeitlupentempo an einer zerstückelten Milchschnitte, alle anderen brauchen beim Essen Hilfe. Die Betreuer üben sich im Smalltalk, retour kommt nur ein Röcheln oder Stöhnen.

"Verbal geht da nimma viel", sagt einer der Pfleger, umso wichtiger sei es, die Mimik im Auge zu behalten. Das funktioniere in einem offenen Gemeinschaftsraum natürlich viel besser, als wenn Menschen, die oft nicht einmal mehr den Notfallknopf bedienen können, allein im Zimmer liegen. Sichtlich entspannter, erzählt er, seien die Bewohner, seit sie ständig die Nähe anderer spürten. Haustiere und Düfte werden zur geistigen Aktivierung ebenso eingesetzt wie ein Beamer, der – für Bettlägrige ideal – auf die Decke projiziert. Zu sehen gibt es etwa Bilder von Wald und Meer oder auch einmal einen "Sissi"-Film.

Die Trennung der Bewohner habe den Vorwurf der Diskriminierung ertönen lassen, erzählt Leiterin Wieser, doch der Erfolg lasse sich am massiv gesunkenen Bedarf an Psychopharmaka und Beruhigungsmitteln ablesen: "Und wir haben keine Schreier mehr."

Papiertiger Pflegereform

Doch auf die breite Masse lassen sich die Erfahrungen nur bedingt umlegen: Das Gros der Pflege wird hierzulande zu Hause von Angehörigen geleistet. Sind diese also gut beraten, ihre Nächsten in Heime wie dieses zu schicken? Die Psychologin Leyroutz winkt ab. Auch in den eigenen vier Wänden ließen sich Demente würdig betreuen – wenn aus der Pflegereform endlich mehr als eine Ankündigung würde.

Was professionelle Kräfte im Heim erledigen, versuchen Angehörige zu Hause 365 Tage im Jahr zu bewältigen. Immer noch fehlt es an Entlastung.
Foto: Ferdinand Neumüller

Leyroutz redet sich in Fahrt. Von Diagnosen der Hausärzte, die Demenz oft als Lappalie abtäten, knüpft sie die Fehlerkette bis zu den im Stich gelassenen Angehörigen. So gebe es im ganzen Raum Villach kein Tageszentrum, um Pflegebedürftige zumindest für ein paar Stunden abzuliefern. 365 Tage Betreuung, ohne durchzuschnaufen, könne der beste Mensch unmöglich leisten, sagt Leyroutz. Den Betroffenen dürfe man keinen Vorwurf machen, wenn es zu Familiendramen komme – "sondern nur der Politik".

Vielen wäre auch geholfen, wenn Heime Demente im Fall einer Eskalation für ein paar Wochen aus der Familie nehmen und die Angehörigen schulen könnten. Doch die Personalstände hielten nicht annähernd mit dem Bedarf Schritt, mehr gäben die Finanzierungsmittel der öffentlichen Hand nicht her. Das Heim ließe sich mit einem Schlag noch einmal füllen, sagen Wieser und Leyroutz. In der Realität aber könne man vielen überforderten Menschen nur aufmunternde Worte anbieten: "Haltets aus!" (Gerald John, 6.9.2021)