Joe Biden erlebte mit dem Terroranschlag in Kabul den bisher wohl schwersten Moment seiner Präsidentschaft.

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In der Stunde des Terrorschocks klang Joe Biden – der Realist, der außenpolitisch nur noch das tun will, was Amerika tatsächlich zu leisten vermag – wie George W. Bush. Wie jener US-Präsident, der wie kein anderer die amerikanische Hybris nach dem Sieg im Kalten Krieg verkörperte: "Wir werden nicht vergeben. Wir werden nichts vergessen. Wir werden euch jagen. Und ihr werdet bezahlen", ließ er den afghanischen Ableger des "Islamischen Staats" wissen, der Terrorgruppe, die sich zu den Attentaten am Flughafen von Kabul bekannte. Sein Land, kündigte er an, werde hart zurückschlagen gegen die Terroristen. Wo und wann – das werde es selbst bestimmen.

Es war eine Reaktion wie im Reflex. Die Androhung von Vergeltung, der entschlossene Ton: Die ungeschriebenen Gesetze Washingtons verlangen es so. Kein US-Präsident will sich in einem solchen Moment Schwäche nachsagen lassen.

Gleichwohl stehen die Sätze, die an Bushs Rhetorik nach den Anschlägen vom 11. September 2001 denken lassen, in markantem Kontrast zur Realität. Statt wie damals Interventionen ins Auge zu fassen, verabschiedet sich das Land gerade aus Weltgegenden wie Afghanistan, wo nach nüchterner Abwägung, für die der Name Biden ebenfalls steht, die Kosten militärischer Präsenz den Nutzen deutlich übersteigen. Keinem noch so begabten Spindoktor des Weißen Hauses wird es gelingen, den Widerspruch zwischen Rückzug und markiger Rhetorik wegzuerklären.

Berechtigte Kritik

Für Biden ist es die bisher bitterste Stunde seiner Präsidentschaft. Praktisch jede Rede beendet er mit den Worten, dass Gott "unsere Truppen" beschützen möge. Sein ältester Sohn Beau, 2015 einem Hirntumor erlegen, war mit der Armee im Irak.

Der Wahlkämpfer Biden nahm es oft zum Anlass, um von patriotischer Pflichterfüllung zu sprechen, egal wie man über die Begründung des Feldzugs denkt. Auf Karteikarten, die er immer dabei hat, notiert er die Zahl der Soldaten, die im Irak und in Afghanistan ums Leben kamen, so wie er auch die Zahl der Corona-Toten aufschreibt.

Bisher war Biden stolz auf die Tatsache, dass in den sieben Monaten seit seiner Amtsübernahme kein einziger GI am Hindukusch starb. Und nun das: 13 US-Soldaten getötet, 18 weitere verletzt. In Afghanistan ist es seit 2011 der tödlichste Angriff auf das US-Militär.

Damit hat sich, so die New York Times, das Worst-Case-Szenario des Rückzugs bewahrheitet. Eines Rückzugs, für den sich der Präsident von Anfang an wegen eines teils naiven, teils schludrigen, teils durch eine katastrophal schwerfällige Bürokratie behinderten Krisenmanagements tadeln lassen musste. Zu Recht.

Tiefe Gräben

Dennoch, es sagt viel über die Debattenkultur der tief gespaltenen USA, dass die Opposition das Blutbad von Kabul reflexartig zu einer Art Generalabrechnung mit dem Mann im Oval Office nutzt. Mitch McConnell, im Senat die Nummer eins der Konservativen, spricht von Terrorgruppen, die sich durch Abzug und Attentate gleichermaßen ermutigt fühlten. "Die Terroristen werden nicht aufhören, Amerika zu bekämpfen, nur weil unsere Politiker die Lust verlieren, die Terroristen zu bekämpfen."

Das klingt noch vergleichsweise sachlich, gemessen an Stimmen, die Bidens Rücktritt oder seine Amtsenthebung verlangen. Josh Hawley, ein Senator aus Missouri, wettert, Biden habe weder den Willen noch die Fähigkeit zum Führen. Trotz seines Studiums an Eliteuniversitäten und einer steilen Anwaltskarriere versucht Hawley, in die Fußstapfen Donald Trumps zu treten, indem er mit populistischer Rhetorik den Arbeiterführer gibt.

Mit Blick auf 2024 denkt er an eine Präsidentschaftskandidatur – und wenn er den Demokraten Biden an den Pranger stellt, ohne Hemmschwellen erkennen zu lassen, versucht er offenbar schon jetzt, sein Profil zu schärfen.

Verfrühte Prognosen

Kurzum, der breite Riss, der quer durch die politische Landschaft geht, das Klima, in dem die Lautstarken die Kompromissbereiten zu übertrumpfen hoffen, trägt zweifellos bei zur Schärfe der Polemik in Sachen Afghanistan.

Was das für Bidens Zukunft im Weißen Haus bedeutet, lässt sich seriös wohl kaum beurteilen. Es gibt Präzedenzfälle, die Prognosen, nach denen der Rest seiner Amtszeit im Zeichen einer nicht mehr aufzuhaltenden Talfahrt steht, zumindest als verfrüht, wenn nicht als unsinnig erscheinen lassen.

1983 hatte es Ronald Reagan mit einem Selbstmordattentäter zu tun, der einen Lastwagen voll Sprengstoff in eine US-Kaserne lenkte und 241 US-Soldaten tötete. Ein Jahr darauf wurde Reagan nicht nur wiedergewählt, er landete einen Erdrutschsieg.

Andererseits wäre da aber auch das Fiasko des Jimmy Carter, der 1980 in einem Wüstensturm gescheiterte Versuch, Geiseln in Iran durch eine riskante Kommandoaktion zu befreien. Das Debakel gilt bis heute als Sargnagel für die Wiederwahlchancen Carters, eines Politikers, dem nichts zu glücken schien, auch wenn die Wahrheit viel differenzierter war.

Keine Zurückhaltung

Vorgänger Gerald Ford lehnte es damals übrigens ab, Carter für den missglückten Befreiungsversuch zu kritisieren. Trump, der einen Deal mit den Taliban aushandelte und damit die Weichen für einen Rückzug stellte, den Biden vollzog, kennt solche Zurückhaltung nicht.

"Was für ein furchtbares Scheitern", kommentierte der Altpräsident das Debakel von Kabul. Wahrscheinlich habe der Führer einer Nation noch nie eine so krasse Inkompetenz erkennen lassen. (Frank Herrmann aus Washington, 27.8.2021)