Ein Erdbeben der Stärke 7,2 tötete im August rund 2.200 Menschen in Haiti und machte 30.000 obdachlos.

Foto: AP Photo/Joseph Odelyn

Ein Fußballplatz in Les Cayes im Südwesten Haitis dient Hunderten von Obdachlosen als behelfsmäßiges Camp. Es ist ein wildes Durcheinander: ein Labyrinth aus Stöcken, Leintüchern und Zeltplanen, dazwischen spielende Kinder und Freiwillige, die versuchen, wenigstens eine Wasserleitung zu reparieren und einen Tank aufzustellen. Toiletten gibt es keine, Nahrungsmittelpakete kamen vor einer Woche für 5000 Familien von den Vereinten Nationen. Das reichte bei weitem nicht für alle. Im örtlichen Krankenhaus müssen aus Platzgründen noch immer viele Verletzte draußen unter freiem Himmel schlafen und behandelt werden.

"Warum kommt niemand, hat die Welt uns vergessen?", fragen Opfer die internationalen Journalisten, die es bis ins Katastrophengebiet geschafft haben. 2200 Menschen starben bei dem Beben der Stärke 7,2; rund 30.000 wurden obdachlos.

Ein Staat in Trümmern

Im Gegensatz zum Beben von 2010, das die Hauptstadt in Schutt und Asche legte, ist die internationale Hilfe diesmal langsam und diskret. Das hat mehrere Gründe: 2010 waren bereits die UN mit einem großen Kontingent vor Ort. Diesmal gibt es keinen parallelen, internationalen Apparat mehr, und der haitianische Staat lag schon vor dem Beben in Trümmern. Vor einem Monat wurde Präsident Jovenel Moïse nach jahrelangen Machtkämpfen ermordet. Banden terrorisierten die Bevölkerung. Interimspräsident Ariel Henry hat weder Autorität noch eine Regierung oder Geld, um angemessen auf die Katastrophe zu reagieren.

Zudem traf es diesmal nicht die Hauptstadt, sondern eine abgelegene, bergige Region. Viele Straßen und Brücken wurden zerstört. Tropensturm Grace verschlimmerte die Lage. Dann musste die Regierung erst mit den kriminellen Banden verhandeln, die seit Monaten die einzige Ausfallstraße von der Hauptstadt in den Süden kontrollieren und dort Straßenblockaden errichtet hatten. Mehrere Hilfslieferungen wurden unterwegs geplündert.

Hinzu kommt, dass Haiti schnell aus den Schlagzeilen verschwand – verdrängt von Afghanistan. Und die Tatsache, dass sich im Westen angesichts der ständigen Negativnachrichten der Eindruck festgesetzt hat, das Land sei ein hoffnungsloser Fall. "Haiti ist seit vielen Jahren im humanitären Notstand. Aber wir erinnern uns immer nur daran, wenn eine Katastrophe passiert", sagt die Leiterin der spanischen Mission von Ärzte der Welt, María José Venceslá.

Misstrauen nach 2010

Viele Haitianerinnen und Haitianer sind deshalb frustriert und enttäuscht. Das Verhältnis zwischen der Bevölkerung und den Hilfsorganisationen ist angeschlagen, das zu ihren Politikern völlig zerrüttet – was die Sache nicht leichter macht.

Das Misstrauen wurzelt zum Großteil im gescheiterten Wiederaufbau nach 2010. Damals hatte die internationale Gemeinschaft großmundig versprochen, ein neues, besser organisiertes und auf Katastrophen vorbereitetes Land aufzubauen. Das klappte nicht.

Von den zugesagten Milliarden US-Dollar an Hilfsgeldern floss nur ein Bruchteil. Davon versickerte vieles in Beraterverträgen, Hotelübernachtungen und Autos der Helfer, in Wiederaufbaukongressen und lukrativen Bauverträgen für ausländische Konzerne. Den Vereinten Nationen gelang es nur mühsam, die Hilfe einigermaßen zu koordinieren.

Korruption und Blockaden

Die Wiederaufbaupläne zerschellten aber auch an geopolitischen Ränkespielen zwischen dem sozialistischen Venezuela auf der einen und den USA auf der anderen Seite, an der Korruption und der Schwäche des Staates.

So ist Haitis Landkataster ein Chaos, für viele Grundstücke gibt es zwei oder drei Landtitel. Das blockierte den Bau neuer Häuser über Jahre. Schließlich wurden Gelder in bar an die Insassen der Zeltlager ausbezahlt, die damit auf einem verlassenen Hügel vor den Toren von Port-au-Prince mit eigenen Händen einen neuen, enormen Slum errichteten.

Die Nothilfeorganisationen zogen bald weiter ins nächste Katastrophengebiet. Die wenigen, die blieben und versuchten, etwas nachhaltigere Strukturen aufzubauen, haderten mit einem zunehmend dysfunktionalen, von Gewalt und Korruption zerfressenen Staat.

Bargeld statt Importe

Deshalb sind heute die Betroffenen weitgehend auf sich allein gestellt, unterstützt von Kirchen und einigen lokalen NGOs. Das habe aber auch Positives, sagte die Kanadierin Morgan Wienberg, die in Les Cayes eine Kinderhilfsorganisation leitet. "Die Leute vor Ort können die Bedürfnisse viel besser einschätzen, und die lokalen Autoritäten sind wichtig für eine geordnete Verteilung der Hilfsgüter an die Ärmsten", sagte sie der Zeitung El País.

Damit wachsen die Chancen, dass die Haitianer nicht erneut vom internationalen Hilfszirkus überrollt werden wie 2010. Einer der Ortskräfte ist Frantzeau Panier, lokaler Koordinator der Diakonie. "Nach Hurrikan Matthew 2016 haben wir ein Notfalldepot in der Region eingerichtet", erzählt er.

Die Organisation hat auch eine weitere Lektion der vorherigen Katastrophen beherzigt und verteilt nun Bargeld an die Bevölkerung, statt aufwendig und teuer Nahrungsmittel zu importieren. Das kurble die lokale Wirtschaft an, sagt Panier. "Unser Krisenplan hat sich bewährt." (Sandra Weiss, 31.8.2021)