Die Aeroflot will grün werden. Auch aus Eigennutz.

Foto: Reuters / Pelissier

Das anstehende Eastern Economic Forum in Wladiwostok ist für Aeroflot von großer Bedeutung. Und nicht nur, weil der Konzern als "offizieller Flugbeförderer" des Events auf einen erhöhten Ticketverkauf hofft. Auf dem Forum könnte auch der Startschuss für eine strategische Neuausrichtung des Unternehmens fallen.

Medienberichten zufolge will Aeroflot nämlich künftig auf ausgewählten Routen mit ökologisch sauberem Treibstoff fliegen. Auf dem Forum soll dazu eine Absichtserklärung mit Gazprom Neft unterzeichnet werden. Die im Ölgeschäft tätige Tochter des Gasriesen Gazprom übernimmt demnach die Entwicklung und Lieferung des sogenannten SAF ("sustainable aviation fuel").

SAF gilt wegen seiner Erzeugungsform als kohlenstoffarm. Dieser Treibstoff kann auf zwei Arten produziert werden. Entweder wird er aus Biomasse gewonnen oder synthetisch. Biomasse setzt auf die Verwendung von Tier- und Pflanzenfetten, aber auch die Verarbeitung von Altölen und Abfällen aus der Holz- und Papierindustrie.

Forschungen geplant

Synthetische Kraftstoffe werden aus erneuerbaren Energien und CO2 erzeugt. Als eine der perspektivenreichsten Herstellungsverfahren gilt dabei die PtL-Methode. PtL steht für Power to Liquid. Die Idee besteht darin, in einem Schritt Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zu zerlegen und diesen Wasserstoff dann mit aus der Atmosphäre eingefangenem Kohlendioxid zu einem Kraftstoff zu mischen.

Derzeit wird in Russland noch kein SAF produziert. Auf der Moskauer Luftfahrtausstellung MAKS 2021 erklärte der Sprecher von Gazprom Neft Anton Dianow aber, dass der Konzern bereit sei, "gemeinsam mit den Fluggesellschaften, den Herstellern von Luftfahrttechnik und den Regulierungsbehörden" entsprechende Forschungen aufzunehmen.

Angesichts der beteiligten Unternehmen deutet viel darauf hin, dass der Fokus auf der Gewinnung von Wasserstoff liegen wird. Das ist auch in Russland derzeit Trend. Um einen marktreifen SAF in Russland zu entwickeln, sind nach Einschätzung von Alexej Sinitzki, Direktor für Wissenschaft und Entwicklung bei der Consultingagentur Infomost, drei bis vier Jahre nötig.

In jedem Fall ist die Produktion deutlich teurer als die Herstellung herkömmlichen Kerosins. Unterschiedlichen Schätzungen nach sind die Kosten eineinhalb bis fünfmal höher.

Zertifikate werden teuer

Trotzdem kann der Einsatz von SAF für Aeroflot auch finanziell Sinn machen. Hintergrund ist das Kohlenstoffkompensations- und Reduktionsprogramm (Corsia) der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO). Ziel von Corsia ist, dass ab 2020 die CO2-Ausstöße aus dem internationalen Flugverkehr nicht mehr steigen sollen, in einem zweiten Schritt sollen die Nettoemissionen dann bis 2050 auf die Hälfte gegenüber 2005 reduziert werden.

Mittel ist der Emissionshandel. Fluggesellschaften, die zu viel ausstoßen, müssen Zertifikate kaufen, um ihre Emissionen zu kompensieren. Schon seit 2019 sind die Fluggesellschaften verpflichtet, ihre Emissionswerte über die nationalen Behörden an die ICAO zu melden. Ab 2027 werden dann Zahlungen fällig.

Für den russischen Luftfahrtsektor sind es bei einem CO2-Preis von 50 Euro pro Tonne Analystenschätzungen nach bis zu 250 Millionen Euro pro Jahr. Und Aeroflot, die die mit Abstand meisten internationalen Routen in Russland bedient, zahlt davon knapp die Hälfte: 120 Millionen Euro. Das entspricht zwei bis drei Prozent des Ebitda.

Hinzu kommt, dass die EU weiter Druck macht: Die EU-Kommission will Flugzeugen, die auf europäischen Flughäfen landen, vorschreiben, dass sie ab 2025 mindestens zwei Prozent an grünen Kraftstoffen nutzen, ab 2030 sogar fünf Prozent. Für Aeroflot ist Europa weiterhin eine wichtige Destination.

Die Kosten für den Emissionshandel und die Einführung alternativen Treibstoffs dürften in den ersten Jahren etwa gleich hoch sein. Allerdings sei damit zu rechnen, dass "der Preis für SAF sinken wird, wenn das Angebot steigt", urteilte die Investmentgesellschaft VTB Capital. Auf Dauer könnte der Umstieg auf grünen Treibstoff damit günstiger sein.

Diese Rechnung haben auch andere Fluggesellschaften gemacht. So ist Aeroflot nicht der einzige russische Luftfahrtkonzern, der mit alternativem Treibstoff liebäugelt. Auch Herausforderer S7 erwägt die Möglichkeit, Biotreibstoff zu entwickeln. "Wir planen, aktiv in diese Richtung zu arbeiten, in erster Linie mit unserem Basis-Flughafen Domodedowo", zitiert die Tageszeitung Kommersant den Konzern zu dem Thema. (André Ballin aus Moskau, 31.8.2021)