Apple und Google verdienen an den App-Stores sehr gut. Das wird nun zunehmend infrage gestellt.

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Die beinahe uneingeschränkte Dominanz von Apple und Google über Smartphone-Plattformen ist seit Jahren unbestritten. Wie man mit dieser Situation umgeht, ist dann schon wieder eine ganz andere Frage. Und so wird derzeit zwar in Europa und den USA viel über App-Stores und Umsatzbeteiligungen diskutiert, gar so manche Kartellrechtsuntersuchung eingeleitet, geändert hat sich an diesem Umstand bislang aber exakt: nichts. Dass es auch anders gehen kann, zeigt nun Südkorea vor, wo man kurzerhand zur Tat geschritten ist und mit einem neuen Gesetz für gehöriges Aufsehen sorgt. Hat es doch das Potenzial, die gesamte App-Store-Ökonomie gehörig durcheinanderzuwirbeln.

Öffnung

Es war ein regelrechter Paukenschlag, der sich da am Dienstag über internationale Nachrichtenagenturen verbreitete. Die südkoreanische Nationalversammlung hat ein Gesetz beschlossen, das App-Stores zur Öffnung für andere Bezahlschnittstellen verpflichtet. Klingt nach einem kleinen Detail, ist aber ein riesiger Schritt. Heißt das doch, dass App-Entwickler künftig jene bis zu 30 Prozent Beteiligung, die Apple und Google bei sämtlichen Transaktionen bekommen, umschiffen können.

Ein Beschluss, der von jenen, die seit Jahren gegen die Macht der beiden Plattformen kämpfen, umgehend als großer Erfolg gefeiert wurde. So spricht etwa David Heinemeier Hansson vom E-Mail-Dienstleister Hey von einem Durchbruch, der der Anfang vom Ende des Smartphone-Duopols sei. Der erste Riss im Damm der App-Store-Festungen. Das mag etwas dick aufgetragen klingen, völlig unrecht hat der angesehene Entwickler damit aber nicht. Immerhin bringt man damit einen der Eckpfeiler der App-Store-Regeln ins Wanken. Und zwar einen, der für die betroffenen Unternehmen extrem einträglich ist.

Riesige Beträge

Laut aktuellen Zahlen der Finanzexperten von Finbold hat Google allein im ersten Halbjahr 2020 mit dem Play Store einen Umsatz von 23,5 Milliarden Dollar kreiert. Das klingt nach viel, verblasst aber gegenüber den Einnahmen von Apple: Dort soll dieser Wert im selben Zeitraum nämlich bei 41,5 Milliarden gelegen sein. Dabei bestätigt sich auch ein Punkt, der zwar prinzipiell seit Jahren wohlbekannt ist, in Diskussionen über die relative Macht der Plattformen aber gern übersehen wird. Es mögen zwar erheblich mehr Geräte mit Googles Android verkauft werden, einträglicher ist aber Apples iOS.

Was beide wieder eint: Dieses Geschäft ist nicht nur groß, sondern vor allem hochprofitabel. In einer aktuellen Klage von US-Bundesstaaten gegen Google ist etwa von einer Gewinnmarge von sagenhaften 62 Prozent beim Play Store die Rede, für Apples App Store waren in der Vergangenheit ähnliche Werte zu hören. Der iPhone-Hersteller hatte damals – nicht ganz zu Unrecht – betont, dass man das nicht so einfach rechnen könne, immerhin koste auch der Betrieb des App Stores samt all der Vorabprüfungen aller Programme etwas. Gleichzeitig ist aber bei solchen Umsatzdimensionen unzweifelhaft, dass die Wartungskosten dazu in Relation verblassen dürften.

Eine Frage des Anteils

All das ist jedenfalls Wasser auf die Mühlen jener, die meinen, dass die Beteiligung von Apple und Google zu hoch ist. Zwar gab es hier zuletzt etwas Bewegung, so gibt es mittlerweile bei beiden App-Stores Ausnahmen für kleinere Hersteller, für die die Gebühren von 30 auf 15 Prozent gesenkt wurden. Das änderte aber substanziell wenig und wurde von Kritikern denn auch als – bei weitem – nicht ausreichend bemängelt.

Die neue Regelung in Südkorea dürfte da schon wesentlich mehr Schwung in die Angelegenheit bringen. Zumal sie tatsächlich Vorbildwirkung entfalten könnte. Sind doch viele andere Länder derzeit auf der Suche, wie man die Macht der App-Stores begrenzen könnte. Die Gesetzgeber in Seoul haben nun vorgezeigt, wie es gehen könnte. Andere müssten also eigentlich nur zugreifen.

Wem nutzt das?

Davon profitieren würden vor allem andere große Firmen, die eigene Bezahlsysteme haben. So könnte etwa Epic Games, das sich gerade in einem Rechtsstreit sowohl mit Apple als auch Google zu eben jenem Thema befindet, sein Spiel "Fortnite" wieder in die jeweiligen App-Stores bringen. Und zwar samt jenem eigenen Bezahlsystem, das überhaupt zum Rauswurf geführt hatte und über das Epic sämtliche Einnahmen durch In-App-Käufe ganz allein für sich behalten kann. Dies garantiert übrigens noch ein zweites Gesetz, das parallel beschlossen wurde und den Store-Betreibern jegliche "unfaire" Ablehnung oder auch eine Verzögerung der Zulassung von Apps verbietet.

Die andere Seite

Bei Apple und Google treffen diese Vorgänge natürlich auf weniger Begeisterung, immerhin könnte den Unternehmen damit ein bedeutender Teil ihrer Einnahmen verlorengehen. Wie groß diese Einbußen schlussendlich sein werden, lässt sich dabei schwer prognostizieren. Bei Netflix, Spotify und Co dürfte es nicht mehr allzu viel zu holen geben, hier hat sich längst herumgesprochen, dass es das Abo auf der jeweiligen Website des Betreibers erheblich billiger gibt. Bei In-App-Käufen – und hier vor allem Spielen – sieht das hingegen ganz anders aus, ein Massenexodus könnte sich massiv negativ auf die App-Store-Umsätze der beiden Firmen auswirken.

Dass es so nicht weitergehen wird, dürfte beiden Firmen jedenfalls nur all zu bewusst sein. Selbst das lange bei solchen Dingen so strikte Apple hat sich in den vergangenen Tagen auf mehrere Anpassungen der App-Store-Regeln eingelassen – in beiden Fällen allerdings nur so halb freiwillig. Infolge einer US-Sammelklage erlaubt man es App-Entwicklern künftig, die Nutzer direkt – also nicht im App Store und etwa via Mail – auf alternative Bezahlwege hinzuweisen. Auch das war bisher tatsächlich verboten.

Spotify, Netflix und Co dürfen endlich direkt verlinkten

Die größere Änderung ist ganz aktuell: Sogenannten "Reader"-Apps wird es künftig erlaubt direkt auf ihre Webseite zu verlinken, damit die Nutzer dort ein Konto anlegen, und dann natürlich auch ein Abo abschließen können. Eine finanzielle Beteiligung für Apple gibt es auf diesem Weg nicht. In diese Kategorie zählt Apple alle Programme, die Inhalte im Abo anbieten, aber nicht einzeln über In-App-Käufe erworben werden. Das heißt: Die bereits angesprochenen Spotify und Netflix, aber auch andere entsprechende Apps dürfen künftig direkt auf ihre Webseite verlinken und so das Bezahlsystem von Apple umschiffen. Auslöser für diese Änderung ist eine Einigung mit japanischen Kartellbehörden also der Japan Fair Trade Commission (JFTC).

Bei Google ist die Lage übrigens noch einmal etwas komplizierter: Dort gibt es einige der erwähnten Beschränkungen in dieser Form nämlich gar nicht. Selbst der generell Zwang zur Nutzung der eigenen Bezahlsysteme ist bisher auf Games beschränkt. Allerdings wollte Google diesen Umstand gerade ändern. Mit dem 30. September sollte diese Vorschrift auf alle Apps ausgeweitet werden, nach ersten Kartellrechtsuntersuchungen in den USA wurde diese Maßnahme aber vor kurzem um sechs Monate auf Ende März 2022 verschoben.

Selbstleger

Wie Google in der aktuellen Stimmungslage auf die Idee gekommen ist, solch eine Verschärfung durchzuführen – selbst wenn sie nur eine Anpassung an die Apple-Welt sein mag –, wird für immer ein Rätsel bleiben. Hat man sich damit doch jetzt veritabel ins eigene Knie geschossen. Das südkoreanische Gesetz ist nämlich eine direkte Reaktion auf genau diese Pläne, es trägt also nicht zufällig übersetzt den Namen "Googles Machtmissbrauchsgesetz". Mit seinen Verschärfungen hat sich Google also jetzt zusätzlich noch das Geschäft mit In-Game-Käufen beschädigt – und Apple gleich mitgenommen.

Widerspruch

All das wirft wieder andere Fragen auf. Denn wenn die Exklusivität der Besteuerung fällt, könnte das diverse Nebeneffekte haben, auf die Apple und Google immer wieder verweisen. Die Themen Privatsphäre und Sicherheit betont man dabei gern, aber natürlich geht es auch um handfestere Punkte, und zwar: Wenn die Exklusivität bei Bezahldiensten fällt, was heißt das für die Finanzierung von Plattformentwicklung und App-Store-Betrieb? Denn auch wenn – wie oben erwähnt – dieses Geschäft über alle Maßen profitabel ist, ganz verkehrt ist das Argument nicht, dass hier natürlich Kosten entstehen – die andere, die via App-Stores ihr Geschäft machen, dann nicht haben. Insofern könnten sich also Apple und Google bald Gedanken machen, ob man dann nicht erst recht wieder auf anderem Weg von App-Entwicklern eine Gebühr verlangt.

Ein Punkt, der vor allem für Google relevant ist. Denn während Apple all das über den Verkauf von Hardware querfinanziert, besteht die Android-Welt aus einem komplexen – und zu weiten Teilen geheimen – Geflecht aus Verträgen und Abmachungen zwischen Google, Mobilfunkern und Hardwareherstellern, die alle an den Einnahmen beteiligt werden. Dieses – natürlich selbst nicht unproblematische – Verhältnis wird nun durcheinandergebracht. Dazu kommt, dass die Lage auch sonst unter Android etwas komplizierter ist. Immerhin gibt es für Android auch andere App-Stores, für die die jeweiligen Betreiber selbst eigene Regeln festlegen können, während Apple am iPhone alles in eigener Hand hat – zumindest bis jetzt.

Nur der erste Akt

Klar ist jedenfalls: Die Regulatoren der Welt werden nun mit Spannung auf Südkorea blicken. Haben Apple und Google einmal die entsprechenden Änderungen vorgenommen – was allein schon aus technischen Gründen etwas dauern wird –, wird sich zeigen, wie groß die Auswirkungen auf das App-Ökosystem wirklich sind. Also ob die Entwickler in Scharen von Apple und Google weglaufen oder doch lieber den gewohnten Weg wählen, weil sie sich für ein einzelnes Land die Extraarbeit nicht antun wollen. Und natürlich auch welche Maßnahmen Apple und Google ergreifen werden, um ihre Dominanz aufrechtzuerhalten. Denn dass sie diese so einfach kampflos aufgeben werden, darf bezweifelt werden. Und doch macht all das auch eines klar: Die Zeiten werden härter – und zwar sowohl für Google als auch für Apple. (Andreas Proschofsky, 2.9.2021)