Auf der goldenen Bischofskrone ist eine Ikone mit dem Abbild Jesu zu sehen, die Hand zum Friedenszeichen gehoben. Doch wenn ihr Träger, ein Mann mit einem langen Rauschebart, am Sonntag in der alten montenegrinischen Bischofsstadt Cetinje inthronisiert werden wird, dann könnte es zu recht unfriedlichen Krawallen kommen. Denn die Amtseinführung des neuen Metropoliten Joanikije ist sehr umstritten.

Bereits in den vergangenen Wochen kam es in Cetinje immer wieder zu Protesten gegen die nahende Amtseinführung des neuen serbisch-orthodoxen Metropoliten Joanikije.
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Joanikije wird von manchen als Apologet der Belgrader Politik gesehen, der nach dem Ableben seines an Covid-19 erkrankten Vorgängers Amfilohije nicht die Stärke haben wird, sich den Wünschen des serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić zu entziehen. Die Front läuft entlang dieser Leute, die Angst um die Unabhängigkeit Montenegros haben und den Einfluss aus Belgrad und der serbischen Orthodoxie fürchten. Viele von ihnen sind der Partei des montenegrinischen Präsidenten Milo Djukanović zuzurechnen, die erstmals seit 30 Jahren nicht mehr regiert.

Showdown in Cetinje

Auf der anderen Seite stehen die serbischen Nationalisten in Montenegro, die nicht nur die Nähe zwischen Kirche und Staat begrüßen, sondern auch direkt von Vučić "unterstützt" werden. Sie werden durch die Partei Demokratische Front (DF) – eine Marionetten-Partie des serbischen Autokraten – vertreten. Beide Parteien – die Verteidiger Montenegros und die serbischen Nationalisten – wollen am Sonntag zum Showdown in Cetinje erscheinen. Und das Land zittert.

Die Polizei warnt vor Radikalen auf beiden Seiten. Angeheizt wird der Konflikt noch dadurch, dass wichtige politische Vertreter wie etwa Staatschef Djukanović selbst und der DF-Führer Andrija Mandić angekündigt haben, in Cetinje zu erscheinen. Die Kirchenoberen haben mittlerweile kalte Füße bekommen und wollen nun gar keine Politiker mehr in die Kirche einlassen.

Die Kontrahenten könnten draußen vor der Klosteranlage aufeinandertreffen, falls die Polizei nicht alles absperrt. Auch der neue Premier Zdravko Krivokapić, der selbst der serbischen Orthodoxie sehr nahe steht und ursprünglich angekündigt hatte, an der Amtseinführung teilzunehmen, ist der Boden in Cetinje nun zu heiß geworden. Er will in Podgorica bleiben.

"Gerede um Religion und Identität"

Mit geistlich-spirituellen Fragen hat die Veranstaltung ohnehin nur noch wenig zu tun. "Das ist zu einem politischen Event geworden", fasst die Politikanalystin Daliborka Uljarević die Situation zusammen. "Das ganze Gerede um Religion und Identität stellt das Konzept eines säkularen Staates infrage", bedauert sie die aktuellen Entwicklungen.

Tatsächlich war die Frage, wer sich in dem Adriastaat mit 620.000 Einwohnern als Serbe oder als Montenegriner bezeichnet, seit der Unabhängigkeit 2006 kaum ein Thema mehr gewesen. Doch 2019 wurde die Religion in den Mittelpunkt der Politik gerückt. Zehntausende gingen damals auf die Straße, weil die Kirche aus Angst um ihre Ländereien gegen ein Religionsgesetz mobilisierte. Die Bürger hatten Angst, dass man ihnen ihre Familiengräber und damit die Verbindung zu den Ahnen wegnehmen würde.

Die als korrupt verschriene von Djukanović kontrollierte Regierung wurde daraufhin im Vorjahr abgewählt und eine neue kam an die Macht, die der Orthodoxie teilweise sehr nahesteht. Vučić nutzte die Situation und versucht seither über die serbische Orthodoxie in Montenegro politischen Einfluss zu gewinnen. Die Inthronisierung des Metropoliten sei "ein symbolischer Akt der vollständigen Unterwerfung Montenegros unter die Großserbien-Politik und würde den Frieden und die Sicherheit der Bürger zerstören", kritisiert die serbische Bürgerrechtlerin Sonja Biserko.

1,4 Tonnen Kokain

Tatsächlich wurden Kirchenvertreter, die für die Autonomie Montenegros eintreten, mittlerweile entmachtet. Sicher ist: In Montenegro gäbe es wichtigere Themen als die Politisierung von Religion, etwa der Kampf gegen kriminelle Banden, der der neuen Regierung erstaunlich gut gelingt. Vor einer Woche wurden 1,4 Tonnen Kokain, unzählige Päckchen mit grünem Pulver handlich verpackt und als Bananen deklariert, im Hafen von Bar beschlagnahmt. Eine Drogengang sitzt bereits hinter Gitter.

Der für das Vorgehen verantwortliche Vizepremier Dritan Abazović steht nun allerdings unter Polizeischutz. Die Drogenkartelle drohen ihm – sie waren bisher mächtig und gnadenlos, was man etwa in Wien im Winter 2018 zu spüren bekam, als einer ihrer Leute im ersten Bezirk in einem Restaurant erschossen wurde. (Adelheid Wölfl aus Podgorica, 3.9.2021)