Konfitüre oder Marmelade, Aprikose oder Marille: das Trennende ist mitunter sogar die Sprache, die Österreicher und Deutsche mit durchaus unterschiedlichem Kolorit im Land selbst sprechen. Es gibt aber auch viel Gemeinsames.

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Lisa Weddig, neue Chefin der Österreich Werbung, musste mehr als einmal erklären, warum just sie als Norddeutsche die Richtige für den Job hierzulande sei. Während man auf Managementexporte nach Deutschland stolz ist, werden deutsche Führungskräfte in Österreich zunächst mit Argusaugen beobachtet. Können sie beurteilen, wie wir Ösis ticken? Welche Interventionen, Netzwerke und Eifersüchteleien es hierzulande gibt? Ein paar kulturelle Unterschiede gibt es durchaus, wie vier Topmanager aus dem Nachbarland erzählen.


"Alles recht pragmatisch"

Alexis von Hoensbroech, CEO der Austrian Airlines, empfindet die Kommunikation hierzulande als charmant und elegant.
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Das Überraschendste für mich war eigentlich, wie gering die Unterschiede zwischen Österreich und Deutschland tatsächlich sind. Man kennt ja allerlei Klischees, die ich aber im Alltag kaum wahrnehme.

Ich bin hier jedenfalls privat und beruflich extrem gut aufgenommen worden – in der politischen und in der wirtschaftlichen Szene, wo jeder jeden schon seit Jahrzehnten kennt und Beziehungen seit Jahren gepflegt werden.

Einen strukturellen Unterschied zu Deutschland gibt es aber: In Deutschland gibt es mehrere große Zentren mit ihren eigenen Netzwerken, die sich weder geografisch noch in ihren Funktionen stark mischen. In Österreich gibt es nur ein Gravitationszentrum und ein großes Netzwerk, in dem sich aber wiederum alles mischt, von der Wirtschaft über die Politik bis hin zu Kultur, Medien und Sport.

Konsensorientiert

Ob das Absprachen begünstigt? Es verkürzt natürlich viele Wege, und solange es dabei um die Sache geht, ist das ja auch völlig in Ordnung. Ob das zu mehr Kompromissen führt? Im deutschsprachigen Raum ist man ja generell recht konsensorientiert, und das ist in Österreich durch die Sozialpartnerschaft sicherlich besonders ausgeprägt.

Das hat den Vorteil, dass es in der Regel einen breiten gesellschaftlichen Konsens gibt. Andererseits, überall wo die Sonne scheint, gibt es auch Schatten, und das ist eine langsame Reformgeschwindigkeit.

Was den Alltag betrifft: Man ist recht pragmatisch. Und die Gastlichkeit ist tatsächlich sehr stark ausgeprägt. Die Küche ist gut. Humor ist auch wichtig, und man kommuniziert charmant und elegant.

Vielleicht oft nicht so geradeheraus wie in Deutschland. Aber auf professioneller Ebene ist man genauso sachorientiert wie in Deutschland.


"Kein Zack-zack"

Reinhold Gütebier, Chef von Kika/Leiner, erlebt Österreicher von ihrer empfindlichen Seite.
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Ich bin Norddeutscher und seit drei Jahren in Österreich. Hierherzukommen war für mich die beste Entscheidung. Was ich hier anders erlebe? Ich bin angetan vom ausgeprägten österreichischen Teamgeist, den ich in Deutschland so nie kennengelernt habe. Aber dieses Duz-Verhalten kannte ich nicht. Hier duzt man sich, bevor man überhaupt miteinander zu arbeiten beginnt. Ich war mir sicher, das kostet uns fünf Prozent des Umsatzes, da es dazu verleitet, alles ein bisschen gemütlicher anzugehen.

Die Österreicher reagieren empfindlicher auf klare Ansagen. Ich bin ein emotionaler Mensch, bin laut und deutlich, frei nach Schnauze, wie man so schön sagt. Es wurde mir dann geraten, das alles ein wenig zu verpacken. Denn das komme hier nicht so gut an. Ein Beispiel: Übt man in Deutschland Kritik, ist der Angesprochene zwar betroffen, nach einiger Zeit vereinbart man aber einen Termin und redet darüber. In Österreich vergehen Tage, Wochen ohne Aussprache. Clinch gibt es keinen, die Reaktion auf Kritik ist vielmehr die Kündigung.

Keine Hochgeschwindigkeit

Zack, zack spielt es hier nicht, hoher Geschwindigkeit ist der Österreicher nicht sehr zugänglich. Darauf musste ich mich einstellen. Auch die Kunden sind weniger schnell entschlossen. Hier schläft man gern noch einmal drüber.

Was meine Branche betrifft, so wundere ich mich, wie niedrig die Ansprüche beim Möbelkauf sind. Ware wird sauber hingestellt, man berät ordentlich. Doch die Dekoration ist einfach und einfallslos. Dabei müssen wir Händler inszenieren, ein Will-haben-Gefühl erzeugen!

Vorbehalte gegen Deutsche habe ich nie erlebt. Ich fühle mich hier ausgesprochen wohl. Was die Leute aber einfordern, ist Präsenz. Wer im goldenen Käfig sitzt, kommt in Österreich nicht weit.


"Spüre immense Loyalität"

Anne Thiel, Finanzvorstand von Allianz Österreich, kann als Rheinländerin mit dem Wiener Schmäh einiges anfangen.
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Auffällig für mich nach ziemlich genau einem Jahr in Österreich als Finanzvorstand der Allianz ist die immense Loyalität der Mitarbeiter zum Unternehmen. Das habe ich woanders so noch nie gesehen. Damit einher geht auch ein Stück weit Loyalität zwischen den Mitarbeitern. Hier schaut man aufeinander, unterstützt sich gegenseitig, nimmt die etwas Schwächeren mit. In dem Ausmaß habe ich das in Deutschland nicht erlebt.

Was den Führungsstil betrifft, geht man in Deutschland das eine oder andere Mal etwas direkter miteinander um, äußert sich klarer, scheut sich auch vor kritischen Äußerungen nicht. In Österreich ist man generell zurückhaltender. Das führt mitunter dazu, dass man oft nicht genau weiß: War das jetzt ein klares Ja oder doch ein Nein? Das führt dann dazu, dass Entscheidungen oder Prozesse teils länger brauchen, weil mehr Abstimmungsrunden erforderlich sind.

Luft nach oben bei Flexibilität

Was Flexibilität und Improvisationskunst betrifft, sehe ich ebenfalls noch Luft nach oben. Ich möchte aber keinesfalls alle über einen Kamm scheren. Wir haben gute Beispiele, wo junge Kollegen und auch langgediente Mitarbeiter während der Corona-Pandemie mit sehr kreativen Vorschlägen gekommen sind. Aber insgesamt können wir in Österreich noch etwas dazulernen, was das betrifft.

Vorbehalte mir als Deutsche gegenüber habe ich weder in der Arbeit noch in der Freizeit wahrgenommen – im Gegenteil. Ich habe insgesamt eine hohe Hilfsbereitschaft festgestellt. Und noch eines, das Thema Nachhaltigkeit ist hier viel präsenter als in meiner Heimat, und man hat den Eindruck, die Menschen leben das auch. Ich komme ursprünglich aus Köln, und lache daher sehr gern. Der Wiener Schmäh liegt mir. Und die Küche? Wunderbar!


"Moderner Führungsstil"

Holger Schwarting, Vorstand von Sport 2000, sieht eine Tendenz zu einvernehmlicheren Lösungen in Österreich.
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Man trifft sich zweimal im Leben. Diesen Satz hört man in Deutschland nicht oft. In Österreich hingegen weiß man: Es ist besser, im Guten auseinanderzugehen. Deutsche Manager haben den Ruf, Ziele kompromissloser zu verfolgen, sie sprechen prägnanter, härter, was Österreicher als aggressiv empfinden. Zugespitzt formuliert: kein Small Talk, mehr Hierarchie, Struktur und ein Parkplatz für den Vorstand vor dem Haus.

Der Perfektionsdrang vieler Deutscher führt zu mehr Bürokratie und Überregulierung. Die Österreicher tendieren zu einvernehmlicheren Lösungen, sind kulturell und sozial flexibler. Es ist ein modernerer Führungsstil – und will man es positiv sehen, eine Tugend. Ich halte es für keinen Zufall, dass österreichische Manager in deutschen Dax-Konzernen im Verhältnis zur Bevölkerung überproportional vertreten sind.

Nationalität ist bald sekundär

Ich bin seit 31 Jahren in Österreich, habe nie in Deutschland gelebt und meine österreichische Frau in der Schweiz kennengelernt. Aber ich wuchs in einer deutschen Familie in Asien auf – und sobald ich den Mund aufmache, werde ich den Deutschen zugeordnet. Nach kurzer Zeit aber ist die Nationalität hierzulande sekundär.

Skeptisch sieht der Österreicher nur das Kollektiv der Deutschen. Beim Fußballfinale Deutschland gegen Argentinien halten in Österreich alle außer mir zu Argentinien.

Im Handel ist der Verdrängungskampf in Österreich härter. Deutsche Ketten haben den Markt nach Beitritt zur EU überrollt, weit über die verfügbare Kaufkraft hinaus. Zudem werden Österreich, die Schweiz und Deutschland zusehends von einem Headoffice aus geführt. Und diese Büros sind fast immer in Deutschland, was schade ist. Viele Führungsjobs in Österreich fallen damit weg. Infolge der Digitalisierung braucht es oft nicht einmal mehr Showrooms, wenige Leute für den Vertrieb reichen. (Regina Bruckner, Verena Kainrath, Günther Strobl, 8.9.2021)