1,1 Millionen Oberösterreicher haben am 26. September die Wahl. Danach wird sich zeigen, ob es eine Neuauflage von Schwarz-Blau geben wird.

Foto: APA / Barbara Gindl

Nicole Leitenmüller übt Kritik an ihrer Partei.

Foto: Gillhofer

Die kleine Marktgemeinde Lembach im Mühlkreis ist ein beschaulicher Ort im oberen Mühlviertel, Heimat von 1.526 Menschen. Rein politisch gesehen bietet Lembach auf den ersten Blick keine Überraschung: Man sieht hier schwarz. Stärkste Fraktion im Gemeinderat ist seit jeher die ÖVP, die zwischen 1973 und 2009 immer die absolute Stimmen- und Mandatsmehrheit erzielen konnte.

Und doch lohnt ein zweiter Blick, um kommunalpolitisch Ungewöhnliches zu entdecken: Im Frühjahr 2020 übernahm nämlich – als erste Frau – Nicole Leitenmüller im Alter von 30 Jahren das Bürgermeisteramt von ihrem Amtsvorgänger, der nach 30 Jahren abdankte.

Die heute 31-jährige gelernte Hauptschullehrerin für Englisch und Sport geht somit bei der oberösterreichischen Gemeinderatswahl als jüngste Ortschefin ins Rennen um den Chefsessel im Gemeindeamt. Die bei der Diözese Linz angestellte Jungpolitikerin steht damit stellvertretend für eine oberösterreichische Besonderheit: Es ist das Bundesland mit den meisten jungen Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern. 38 der 438 Ortschefs sind 40 Jahre oder jünger.

Für die Trauer zuständig

Angestrebt habe sie das Bürgermeisteramt "eigentlich nie", erzählt Leitenmüller. "Auch als man mich dann im Vorjahr gefragt hat, habe ich zuerst Nein gesagt. Ich hatte einfach Bedenken: zu jung, erst ein Jahr im Gemeinderat. Mir war das alles eine Nummer zu groß." Doch es mehren sich letztlich die Stimmen im Gemeindeumfeld, die die 31-Jährige an der Spitze sehen wollen. Nach einer Bedenkzeit mit der Familie stimmt Leitenmüller doch zu. Und wird erste Bürgermeisterin von Lembach. "Ich habe meine Entscheidung nicht bereut. Aber natürlich braucht man ein gehöriges Maß an Durchsetzungsvermögen. Als erste Frau und noch dazu so jung. Mein Vorgänger war fast zwei Meter groß, ich bin 1,63. Da musst du dich sauber auf die Beine stellen."

Sie sei aber grundsätzlich eine "sehr stabile Persönlichkeit". Leitenmüller: "Das bringt auch mein Job bei der Diözese mit sich. Ich bin als Referentin im Fachbereich Pfarre für die Themen Tod und Trauer zuständig."

Mit der eigenen Partei geht die Ortschefin auffallend offen ins Gericht. Vor allem störe sie, dass im aktuellen ÖVP-Wahlkampf das Thema Corona "ausgespart" werde: "Man muss ja nicht dauernd davon reden. Aber ich mag keine wahltaktischen Spielchen. Wir müssen als Partei offen mit dem Menschen reden. Und auch eine Prognose für die nächsten Maßnahmen geben."Unzufriedenheit verspürt Leitenmüller auch mit Blick auf die türkise Bundespartei: "Mir missfällt der aktuelle Afghanistan-Kurs. Da ist die ÖVP derzeit viel zu hart und rigoros. Es fehlt die Herzlichkeit, immerhin geht es um Menschen."

Blauer Gegenspieler

In Oberösterreich werden am 26. September in den 438 Gemeinden 1.041 Kandidaten zur Bürgermeisterdirektwahl antreten. Der Anteil der Frauen beträgt gut 15 Prozent. Mit 428 Kandidaten stellt die ÖVP die meisten, die SPÖ 257, gefolgt von 195 FPÖ-Bürgermeisteranwärtern. Die Grünen treten in 64 Gemeinden an, die Neos in 14, und die Impfskeptiker MFG wollen in elf Gemeinden das Bürgermeisteramt. In 104 Orten fehlt die Qual der Wahl, da es nur einen Kandidaten gibt. Nicht so in Lembach: Nicole Leitenmüller tritt gegen einen FPÖ-Kandidaten an. (Markus Rohrhofer, 6.9.2021)