Eltern sollten Grenzen aufzeigen – auch wenn das Kind protestiert, sagt die Psychologin Jasmin Mandler. Sie sollten aber auch nicht "Regelpolizei" spielen.

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Für viele Eltern steht außer Frage, dass Kinder Grenzen und Regeln brauchen, damit sie sich – überspitzt formuliert – nicht zu egozentrischen und rücksichtslosen "Egomanen" entwickeln. Gleichzeitig lastet "Regeln und Grenzen" immer noch der Beigeschmack vergangener autoritärer Erziehungsjahrzehnte an, den viele Eltern heutzutage in der Auslegung ihrer Elternrolle zunehmend kritisch hinterfragen und ablehnen.

Wie kann es denn nun gelingen, Kindern einen normativen Rahmen abzustecken, der ihnen einerseits ausreichend Freiraum zur persönlichen Entfaltung bietet und andererseits die Integrität aller in einer Gemeinschaft wahrt?

Zunächst einmal kann es aufschlussreich sein, sich als Mutter oder Vater allgemein mit dem Thema auseinanderzusetzen, indem man sich fragt, ob und warum man selbst Regeln und Grenzen wichtig findet. Was möchte man mit bestimmten Regeln, die man vorgibt, erreichen? Welche Regeln sind einem besonders wichtig – und warum? Aber auch der Blick in die eigene Kindheit kann Aufschluss darüber geben, welche Denk- und Verhaltensmuster man als Elternteil noch aus frühen Kindertagen ins eigene Elterndasein "mitgenommen" und verinnerlicht hat. Welche Regeln gab es in der eigenen Kindheit? Wer stellte sie auf? Wie wurden sie umgesetzt? Wie eingehalten? Welche Konsequenzen gab es bei Missachtung? Waren gelegentliche Ausnahmen möglich?

Genau so oder ganz anders?

Wie man seine eigenen Eltern in der Auslegung ihrer Elternrolle erlebt hat, stellt das erste Modell dar, an dem man sich in weiterer Folge orientiert. Bestimmte Aspekte erachtet man vielleicht als sinnvoll und übernimmt sie, andere lehnt man ab. Jedenfalls aber sind diese frühen Erfahrungen in der Regel stark prägend und beeinflussen uns im späteren Leben – manchmal auch, wenn man es eigentlich gerne anders machen würde. Fand man Sätze wie "Weil ich es so sage!" in der eigenen Kindheit frustrierend, rutschen sie einem doch auch – vor allem in fordernden Situationen – gegenüber dem eigenen Kind heraus.

Das liegt primär daran, dass Menschen in für sie stressreichen oder fordernden Situationen – wie sie in der Erziehung von Kindern durchaus oft vorkommen – auf bekannte Denk- und Reaktionsmuster zurückgreifen. Das liegt daran, dass sie verinnerlicht wurden und daher "schneller verfügbar" sind. Sich neue Erziehungsstile und Verhaltensweisen anzueignen bedarf meist eines ordentlichen Maßes an Auseinandersetzung und Selbstreflexion.

Persönlichkeit fördern

Ging es früheren Elterngenerationen mit dem Aufstellen von Regeln und Grenzen oftmals prioritär um die Anpassung ihrer Kinder an und die Durchsetzung von gesellschaftlichen Normvorgaben – zumeist unter Einsatz autoritärer Erziehungsmaßnahmen –, ändert sich das nun. Vielen Eltern ist heutzutage die Individualität und Ausformung einer eigenständigen Persönlichkeit ihrer Kinder besonders wichtig, sie wollen diese anerkennen und fördern.

Gesellschaftliche Erwartungen und Rollenbilder verändern sich, was zu mehr Freiheiten auch im Verständnis über Elternschaft führt. Das ergibt viele Chancen, gleichzeitig erleben viele Eltern aber auch eine Verunsicherung hinsichtlich dessen, welche Werte und Haltungen sie als wichtig erachten, da sie dafür auf kein aus der Kindheit bekanntes Modell zurückgreifen können.

Warum Grenzen wichtig sind

Als Gegenentwurf zum autoritären Erziehungsstil, der vom Vorgeben und Einhalten von Regeln geprägt ist, lässt sich in den letzten Jahren ein zunehmend gewährender und ein an den kindlichen Bedürfnissen orientierter Zugang feststellen. Aus Verunsicherung neigen allerdings mehr und mehr Eltern dazu, ihren Kindern kaum oder keine Grenzen aufzuzeigen, da sie befürchten, sie damit in ihrer individuellen Entfaltung zu behindern oder im schlimmsten Fall zu schaden.

Diese Entwicklung wird von Expertinnen und Experten durchaus kritisch betrachtet. Sie argumentieren, dass das soziale Zusammenleben nur im Erkennen und Wahren der persönlichen Grenzen anderer gelingen kann und Kinder, die dies in ihrem Aufwachsen nicht erleben konnten, im späteren Leben auf Grenzen mit Irritation, Kränkung und Frustration reagieren. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul plädiert in seinem Buch "Leitwölfe sein" für eine authentische und liebevolle Führung, bei der Eltern weder autoritär Regeln vorgeben noch versuchen, ihr Kind durch Machtausübung zu formen. Vielmehr sollten sie durch das authentische Vermitteln und Aufzeigen der eigenen Grenzen einen Orientierungsrahmen schaffen.

Klar, liebevoll und authentisch

Dabei geht es auch wesentlich darum, dass Eltern die Verantwortung für Entscheidungen übernehmen, auch wenn das Kind protestiert. Was dabei hilft, ist, sich in Erinnerung zu rufen, dass diese Entscheidungen für das Wohl des Kindes und der gesamten Familie getroffen wurden. Gelingt es Eltern, ihre eigenen Grenzen für sich als wichtig zu erkennen und sie gegenüber dem Kind klar, liebevoll und authentisch zu kommunizieren, schafft dies Orientierung und Sicherheit. Kinder lernen damit viel über das Akzeptieren und Respektieren der Grenzen anderer und können in weiterer Folge auch eigene Grenzen wesentlich besser erkennen, formulieren und die Einhaltung dieser gegenüber anderen einfordern.

Kinder, die in dem Wissen aufwachsen, dass ihre persönlichen Grenzen ernst genommen werden, eingehalten und respektieren werden, tun dies auch eher bei anderen und sind wesentlich gestärkter darin, Grenzüberschreitungen aller Art durch andere zu erkennen und sich dagegen zu wehren.

Was sind "gute" Regeln?

Doch was sind nun "gute" Regeln, und wie stellt man sie am besten auf? Auch beim Aufstellen von Regeln hat sich der Leitgedanke "Weniger ist mehr" bewährt. Werden für jede Eventualität extra Regeln aufgestellt (im Sinne von: Unter der Woche darfst du zweimal täglich drei Stück Süßes essen, aber am Wochenende dürfen es insgesamt 15 Stück sein oder Ähnliches), gelangen Eltern rasch in die Rolle der "Regelpolizei", die einerseits den Überblick über die Einhaltung dieser behalten und andererseits auch die Konsequenzen bei Missachtung durchsetzen muss. Dies kann schnell zu einem angespannten Familienklima führen.

Um dem entgegenzuwirken, kann es sinnvoll sein, dass sich Eltern gemeinsam auf einige wenige, ihnen aber besonders wichtige Grundhaltungen oder "Familienwerte" festlegen. Das kann zum Beispiel ein respektvoller Umgang miteinander sein, Gewaltfreiheit und wertschätzende Kommunikation auf Augenhöhe. Werden diese Werte ernst genommen und gelebt, leiten sich daraus oftmals schon viele "implizite Regeln" ab, etwa einander nicht zu beschimpfen oder seine Sachen nicht überall verstreut herumliegen zu lassen.
Bei regelmäßigen Familienräten können Familien sich auf diese "Familienwerte" einigen. Dabei kommen alle Familienmitglieder zusammen und sprechen über das aktuelle Familienklima, die Wünsche und Bedürfnisse jedes Einzelnen, aber auch über Probleme und darüber, was in letzter Zeit gut gelungen ist. (Gastbeitrag: Jasmin Mandler, 6.9.2021)