Atomexperten der Vereinigung amerikanischer Wissenschafter konnten mithilfe von Satellitenaufnahmen feststellen, dass China in der Provinz Hami an neuen Atomraketensilos baut.

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Yumen in der Provinz Gansu und Hami in der autonomen Region Xinjiang liegen tief im Landesinneren Chinas. Von den boomenden Wirtschaftsmetropolen an der chinesischen Ostküste sind die Orte so weit entfernt wie von Europa oder dem Indischen Ozean.

Ende Juli konnten Atomexperten der Vereinigung amerikanischer Wissenschafter (FAS) mithilfe von Satellitenaufnahmen feststellen, dass China hier an neuen Atomraketensilos baut. "Der Bau der Silos in Yumen und Hami stellt die bisher bedeutendste Expansion des chinesischen Atomwaffenarsenals dar", hieß es in dem Bericht der Wissenschafter. Am Montagabend äußerte auch Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg bei einer Bündniskonferenz seine Sorge über den Bau neuer Raketensilos. Das Land könne seine atomaren Fähigkeiten dadurch signifikant erhöhen.

Neuer Kurs von Xi Jinping

Die Experten schätzen, dass sich die Zahl der chinesischen Atomsprengköpfe von 200 auf 350 erhöht haben könnte. Die Zahl der Interkontinentalraketen würde sich damit sogar verzehnfachen.

Nun kann man diese Zahl auf zwei Arten deuten. Im Vergleich zu Russland und den USA ist China noch immer ein Atomwaffenzwerg. Die einstigen Supermächte besitzen aufgrund des atomaren Wettrüstens im Kalten Krieg weiterhin jeweils 4.000 Atomsprengköpfe. Warum also Alarm schlagen, wenn die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt ihr Arsenal ein wenig erhöht? Allerdings entspricht diese Steigerung eben auch fast einer Verdopplung. Und sie ist Anlass zu großen Sorgen, wenn man sie in Bezug zum neuen außenpolitischen Kurs Xi Jinpings setzt.

Zeit schinden

Lange Zeit hat Peking auf eine "asymmetrische Kriegsführung" gesetzt. "Tao Guang Yang Hui", lautete die Devise, die Deng Xiaoping Anfang der 1990er-Jahre ausgegeben hatte: "Die wahre Stärke verbergen und Zeit schinden." Dem vorausgegangen war ein dreifacher Schock für das Regime in Peking, dem nun klar wurde, dass die USA weniger Verbündeter denn geostrategischer Gegner war: die internationale Isolierung nach dem Tian’anmen-Massaker 1989, die Demonstration massiver militärischer Überlegenheit der USA im Zweiten Golfkrieg 1990 und der Kollaps der Sowjetunion 1991.

In den kommenden Jahren setzte die KP nun alles darauf, einen potenziellen Angriff für die USA so kostspielig wie möglich zu machen. Anstatt wie die meisten Armeeführungen in smartere Waffensysteme und Hightech zu investieren, baute man die U-Boot-Flotte massiv aus und setzte auf Seeminen und Raketenabwehrsysteme. Andere Bereiche wurden auf Kosten dieser Strategie vernachlässigt.

Zweitschlagfähigkeit

Für Peking aber hatte dies den Vorteil, sich der US-Militärmacht zu entziehen und gleichzeitig außenpolitisch friedfertig zu wirken. In den Besitz von Atomwaffen kam Peking 1964 mit sowjetischer Hilfe. Seitdem beschränkte sich das chinesische Arsenal auf eine kleine Anzahl von Sprengköpfen zur Abschreckung. Nachdem die USA ihr Atomwaffenarsenal nicht vergrößert, aber modernisiert haben, ist ein Motiv Pekings, seine Zweitschlagfähigkeit nach einem möglichen Angriff der USA nicht zu verlieren. Außerdem richtet es sich gegen den Rivalen Indien. Mit der Nuklearmacht kam es zuletzt im Frühjahr zu gewaltsamen Zusammenstößen im Kaschmir- und Himalaja-Gebirge.

Unter Xi Jinping ist die Volksrepublik aber auch in eine neue strategische Phase eingetreten. Sich kleinzumachen und Zeit zu erkaufen passt nicht mehr zur zweitgrößten Volkswirtschaft die Welt. Stattdessen verfolgt Peking seine außenpolitischen Ziele mit zunehmender Aggressivität. Immer wieder erwähnt Xi Jinping in seinen Reden, dass Veränderungen bevorstünden, "groß wie in hundert Jahren nicht".

Konflikt mit den USA

Zu den erklärten strategischen Zielen gehören das Ende der Autonomie Hongkongs sowie die Annexion der Insel Taiwan und der umstrittenen Inseln im Südchinesischen Meer. Dort gerät Peking immer offener in den Konflikt mit den USA und Nachbarstaaten. Die nukleare Aufrüstung ist ein Mittel, diese Ziele zu erreichen. Darauf deuten auch die Reichweiten der neuen Raketentypen hin. Mit 11.000 Kilometern können sie kaum das amerikanische Festland erreichen, aber bedrohen das auf mehreren Pazifikinseln stationierte US-Abwehrsystem. Internationalen Abkommen zur Abrüstung von Atomwaffen hat sich Peking ohnehin nie angeschlossen. (Philipp Mattheis aus Peking, 7.9.2021)