Ein Leben im Grünen, in einem Häuschen auf dem Land, wünschen sich immer mehr junge Familien, die die Stadt satthaben.

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Es ist nur eine kleine Notiz über die Stadt Graz auf der Homepage der Statistikabteilung der steirischen Landesregierung, sie weist aber auf ein mittlerweile weitverbreitetes Phänomen hin. Auch hier in Graz ist der Trend zu beobachten, dass sich der Zuzug in die Metropolen einbremst. Das Wachstum der Landeshauptstadt ist praktisch zum Stillstand gekommen.

Zudem: Es zieht immer mehr Stadtbewohner, vor allem junge Familien, hinaus aufs Land. "Diese Entwicklung ist schon länger zu beobachten", sagt die österreichische Regionalforscherin, Soziologin und Raumplanerin Gerlind Weber im STANDARD-Gespräch.

"Junge Leute ziehen in die Stadt, in die Kernstadt. Wenn sie Familien gründen, Kinder bekommen, ziehen viele von ihnen in den Speckgürtel oder auch in ihre Herkunftsgemeinden. Sie bleiben aber meist im Umfeld der Stadt, in der Nähe des Arbeitsplatzes", sagt Weber. Die Pandemie hat diese Bewegungen, die in den letzten Jahren erkennbar waren, nun verstärkt."

Neue Hoffnung für Dörfer

Dahinter stehen für Weber plausible Motive: Die Infektionsgefahr ist auf dem Land geringer, weil es ja auch weniger dicht besiedelt ist. Der Trend zum Homeoffice und die neuen Möglichkeiten der Telekommunikation kommen dem natürlich entgegen. "Das alles gibt den Schrumpfgemeinden, die in den letzten Jahren schwer unter der Abwanderung zu leiden hatten, wieder neue Hoffnung. Die verlassenen Baubestände können zum Teil wieder nutzbar gemacht werden, davon können auch Regionen profitieren, die weiter weg vom Zentrum sind", sagt Weber.

Auch hat die Stadt in der Pandemie ja an Reiz verloren. Das, was das urbane Leben mit ausmacht – Kunst und Kultur, die Theater, Kinos, die Beisln, Pubs und Clubs –, ist wegen der Corona-Beschränkungen nicht mehr uneingeschränkt konsumierbar. Das leichte Leben ist nicht mehr. Vorerst zumindest.

Dieser Trend hinaus aufs Land ist eben auch in Österreich erkennbar. In Salzburg etwa sind in den letzten zehn Jahren mehr Menschen aus der Stadt Salzburg in die beiden Nachbarbezirke Hallein und Salzburg-Umgebung – also raus in den Speckgürtel – gezogen als umgekehrt. Das ergibt für die Stadt einen negativen Wanderungssaldo von 4.739 Menschen, heißt es von der Salzburger Landesstatistik. Nahezu alle Gemeinden im Flachgau und um Tennengau verzeichneten im letzten Jahr ein deutliches Wachstum.

Die "Stodinger" ziehen weg

Aus dem Innergebirg, also dem Pongau, Lungau und Pinzgau, hingegen zog es die Menschen mehr in die Stadt. Zwei Ausreißer sind Pfarrwerfen und Altenmarkt im Pongau, die jeweils über 13,5 Prozent an Bevölkerung über die letzten fünf Jahre zulegen konnten.

Gleichzeitig zog es viele "Stodinger", also Stadtbewohner, auch in andere Bundesländer. Es ziehen also mehr weg aus der Mozartstadt, wo vor allem die teuren Mietpreise von rund 14 Euro pro Quadratmeter vielen zu schaffen machen, als aus anderen Bundesländern zuziehen. Doch insgesamt wächst die Stadt Salzburg trotzdem. Das liegt am starken Zuzug aus dem Ausland von rund 14.000 Personen in den letzten zehn Jahren.

Dies ist in so ziemlich allen Städten erkennbar. Jene Lücke, die die Stadtflüchtlinge hinterlassen, wird von Zuwanderern, vor allem aus dem Ausland, gefüllt.

Auch in der Bundeshauptstadt Wien wird eine zunehmende "Suburbanisierung" registriert. Das heißt, dass die Peripherie sowohl innerhalb als auch außerhalb der administrativen Grenzen der Stadt besonders stark wächst. Wien hat ja auch innerhalb der Stadtgrenzen einen eigenen "Speckgürtel".

Internationaler Trend

"Das hängt sicher mit Grundstückspreisen zusammen, aber wohl auch mit dem Bedürfnis vieler Menschen, 'im Grünen' zu leben, ohne dabei zu weit weg vom Arbeitsplatz zu sein", sagt der Sprecher der Landesstatistik Wien, Franz Trautinger. Wie in den anderen Städten rücken Zuwanderer aus anderen Bundesländern oder dem Ausland nach.

Die österreichischen Stadtentwicklungen folgen jedenfalls einem internationalen Trend. In einer Mitte Juli veröffentlichten Untersuchung kommt auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) zum Schluss, dass die Corona-Pandemie der Abwanderung aus den Stadtzentren ins Umland, in die Speckgürtel einen zusätzlichen Schub verschafft hat. Die Ifo-Umfrage mit 18.000 Personen zeigt, dass knapp 13 Prozent der Befragten ihre Stadt in den nächsten zwölf Monaten verlassen möchten. Knapp die Hälfte gab an, dass die Pandemie ihren Entschluss, ins Umland zu ziehen, beeinflusst habe.

Die am meisten genannten Umzugsziele sind kleinere Großstädte und suburbane Räume, Speckgürtel, im Nahbereich der Großstädte. Besonders Familien mit Kindern und jüngere Altersklassen wollen wegziehen. "Unsere Ergebnisse legen nahe, dass eine bessere Anbindung des suburbanen an den urbanen Raum und ein Ausbau der Bildungsinfrastruktur in den betroffenen Kommunen an Bedeutung gewinnen werden", sagt der Ifo-Forscher und Co-Autor der Studie Mathias Dolls.

Teure Speckgürtel

"Mittlerweile wird aber auch der Speckgürtel immer teuer und für viele das Wohnen dort kaum leistbar. Daher zieht es etliche auch weiter weg in die Dörfer", sagt Städteforscherin Weber, die durchaus positive Aspekte der Binnenwanderung sieht. Zum Beispiel könnte sich der Pendlerverkehr reduzieren oder zumindest entflechten, wenn Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen nur noch zweimal die Woche in die Stadt zur Arbeit fahren und ansonsten zu Hause arbeiten.

Mit dem Einbremsen des Stadtwachstums sei nun jedenfalls "eine Situation eingetreten, die ich immer erhofft habe", sagt Weber. Denn das Wachstum der Städte sei kein wirklich optimales Ziel gewesen. Dieses Wachstum sei stets zulasten der Regionen gegangen. "Jetzt besteht zumindest eine Chance auf einen gewissen Ausgleich zwischen Stadt und Land", hofft die Soziologin. (Walter Müller, Stefanie Ruep, 8.9.2021)