Mit Digitalisierung und Energiewende steht die Elektro- und Elektronikindustrie vor gewaltigen Herausforderungen, sind Fachverbands-Chefin Marion Mitsch und Siemens-Österreich-Chef Wolfgang Hesoun überzeugt.

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Wien – Die Aufholjagd in der Elektro- und Elektronikindustrie nach Corona ist fulminant: War der Produktionswert der zweitgrößten Industriesparte in Österreich im Vorjahr um 7,9 Prozent auf 17,2 Milliarden Euro zurückgegangen, meldet die Branche in den ersten vier Monaten eine Produktionssteigerung um knapp 16 Prozent.

Den Personalstand habe man dank Kurzarbeit mit 66.903 Beschäftigten (das ist ein Rückgang um 2,7 Prozent), nahezu stabil halten können, sagte Fachverbandsobmann, Siemens-Österreich-Chef Wolfgang Hesoun am Donnerstag in einer Pressekonferenz. Diese Stabilität hat freilich einen bitteren Beigeschmack, denn die Zahl der Leih- bzw. Zeitarbeitskräfte ging um 30 Prozent zurück. Aktuell liege der Rückgang im Stammpersonal bei 0,9 Prozent, während sich das Zeitarbeitspersonal um 30 Prozent erhöht hat.

Aufträge abgearbeitet

Die Auftragseingänge gingen im Vergleich zum Vor-Coronajahr 2019 um fünf Prozent zurück, die Auftragsbestände um zwölf – es wurde also aus dem Auftragsbuch abgearbeitet, was erklärt, warum die Umsätze nur um 6,6 Prozent auf 19,3 Milliarden Euro zurückgingen.

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Die Coronapandemie habe Spuren hinterlassen, sagte Hesoun, nun zeige der Trend aber eindeutig nach oben. Es werde allerdings "noch ein Weilchen dauern", bis das Vorkrisenniveau erreicht sei, nach Einschätzung der Branche frühestens 2023. Die Ertragslage sei geprägt von hoher Nachfrage, aber sinkenden Margen aufgrund hoher Kosten. Die Lieferkettenprobleme drückten die Ertragslage zusätzlich, warnte Hesoun vor Verlust an Wettbewerbsfähigkeit.

Eine Frage der Energie

An Herausforderungen mangle es dabei nicht: Lieferengpässe (Stichwort Chipmangel) und Energiewende, um die wichtigsten zu nennen. "Wir müssen ein Drittel mehr Energie produzieren, um den Strombedarf decken und den Strom zu den Nutzern bringen zu können", skizzierte er die Herausforderungen. Die Netzbetreiber müssen also massiv aufrüsten. Er habe so seine Zweifel an den von der Politik geplanten Maßnahmen und ihren Umsetzungsterminen", sagte Hesoun. Für die Umrüstung der Stahlindustrie auf Wasserstoff zwecks CO2-Reduktion brauche massiven Leitungsausbau (220 KV) und das dauere aufgrund von Bürgerprotesten bisweilen viel zu lang.

Neben "sachorientierter Politik" mahnte der Obmann zu "Technologieoffenheit, sonst begeben wir uns vieler Möglichkeiten"Die Ausbauziele bei der E-Mobilität bezeichnete der Siemens-Chef als "sehr ambitioniert".

Zu wenig Frauen in der Branche

In Sachen Fachkräftemangel gab sich Hesoun pflichtbewuss, dass hier auch die Unternehmen in die Pflicht genommen werden müssten. Dass die Zahl der Leiharbeitskräfte wieder das Vorkrisenniveau erreicht habe, erklärt er damit, dass dies der Volatilität der Lieferketten entspreche. "Wir atmen mit den Auftragsbeständen", sagte Hesoun. Es sei auch die Frage, wie nachhaltig die derzeit große Nachfrage sei. Nach wie vor schwierig sei es, Frauen für Technikberufe zu begeistern – "das überrascht uns selbst ein wenig".

Den weltweiten Chipmangel führt Hesoun auch auf die große Konsumnachfrage in China zurück – und so manches Logistikproblem an Chinas Häfen in Zuge von Coronamaßnahmen habe möglicherweise nicht immer nur mit der Virusbekämpfung zu tun. Die Probleme in den Lieferketten würden auf die Ertragslage der heimischen Unternehmen drücken, weil die daraus resultierenden Kosten die Margen schmälerten. Mittlerweile würden sich die Stimmen in der Branche mehren, die sich wegen Materialmangels auf Kurzarbeit vorbereiten. (ung, 9.9.2021)