Colson Whitehead wuchs in Manhattan auf und besuchte die renommierte Trinity School.

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Colson Whitehead, 1969 in New York geboren, ist einer der renommiertesten Gegenwartsautoren der USA. Für seine beiden letzten Romane Underground Railroad und Die Nickel Boys erhielt er 2017 und 2020 den Pulitzer Preis. Barry Jenkins’ Verfilmung von Underground Railroad lief dieses Jahr erfolgreich auf Amazon Prime als Miniserie. Publikum und Kritik schätzen Whitehead für seine Wandelbarkeit. Er hat unter anderem über Geheimgesellschaften und Aufzuginspektoren geschrieben (The Institutionist), über Briefmarken und Mythen (John Henry Days) sowie ein Buch über seine Teilnahme an der Poker-Weltmeisterschaft in Las Vegas. Whitehead lebt mit seiner Familie in New York City und verbringt die Sommer und Pandemien in seinem Haus in Sag Harbor, Long Island.

Standard: Was besitzen Sie für ein Sofa?

Whitehead: (lacht) Es ist eines von Crate & Barrel.

Standard: Das ist Amerikas edlere Version von Ikea, bei der man nichts selbst zusammenschrauben muss.

Whitehead: Richtig. Auf dem Sofa sitzt man jedenfalls ganz anständig. Übrigens ist es ein Modell im Stil der 1950er-Jahre. Etwas in der Art könnte man also durchaus in Jay Carneys Laden finden.

Standard: Jay Carney ist der Protagonist Ihres neuen Romans "Harlem Shuffle" – ein Möbelhändler. Warum ausgerechnet ein Möbelhändler?

Whitehead: Ich wollte einen Gaunerroman schreiben und las ein Buch über Geschäfte, die sich als Deckmantel für illegale Unternehmen eignen. Läden mit einer Vordertür für die normalen Kunden und einer Hintertür für dubiosere Gestalten. Elektronikgeschäfte sind gut, und eben auch Möbelgeschäfte. Außerdem beschäftigte ich mich mit New Yorks Bürgermeisterwahlen von 1961. Neben einem Artikel von damals in der New York Times sah ich eine große Anzeige für Möbel des Kaufhauses Macy’s. Das gab mir eine Vorstellung davon, was in den 1950er- und 1960er-Jahren Mode war und mit welchen Slogans man dafür warb. Das war alles willkommenes Material für mich.

Standard: Einen Hintergrund Ihres Romans bilden die Ausschreitungen 1964 in Harlem, wo ein Polizist einen unbewaffneten schwarzen Teenager erschossen hatte. Die Ähnlichkeitmit den Protesten nach dem Tod George Floyds ist unverkennbar. Handeln historische Romane über rassistische Gewalt gegen Schwarze in Amerika zwangsläufig immer auch von der Gegenwart?

Whitehead: Wenn Sie hier über vergangene Polizeibrutalität gegen Schwarze schreiben, können Sie sicher sein, dass sich das Szenario früher oder später in der Gegenwart wiederholt. Seit dem Wahlrechtsgesetz 1964 hat sich zwar manches verändert, aber viel mehr ist gleich geblieben. Zufällig beendete ich den Teil über 1964 am Tag, bevor die Proteste begannen, die auf den Tod George Floyds folgten. Ich ging zu Bett, und am nächsten Morgen sah ich in den Nachrichten, wie Minneapolis in Flammen stand. Staatsgewalt gegen Schwarze gehört in diesem Land zum Alltag und ist damit immer aktuell.

Standard: Was haben die Black-Lives-Matter-Proteste bewirkt?

Whitehead: Nicht viel. Der Mörder von George Floyd wurde verurteilt, und das ist selten. Dieser Fall erhielt so viel Aufmerksamkeit, dass man den Täter kaum freisprechen konnte. Aber das wird nicht zur Norm werden. Vor zwei Jahren konnte ein weißer Polizist einen unbewaffneten Schwarzen erschießen, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Das wird so bleiben.

Standard: Was halten Sie vom Versprechen der Biden-Regierung, das Justizsystem zu reformieren?

Whitehead: Unter Trump wurde der Polizei freie Hand gegeben. Seine Regierung ignorierte bestehende Gesetze, die wenigstens ein Minimum an Rechenschaftspflicht garantieren sollten, oder sie hob sie ganz auf. Biden hat zwar einige Untersuchungen eingeleitet, um Missbräuchen nachzugehen. Aber in diesem Land werden die Fortschritte einer Regierung von der nächsten wieder zunichtegemacht. Das politische System in den USA beruht auf Sabotage und Gegensabotage.

Standard: Sie klingen sehr pessimistisch.

Whitehead: Na ja, ich bin mir einfach dessen bewusst, wie lange es dauert, bis politische Realitäten sich zum Besseren wenden. Natürlich muss ich irgendwo ein ganz kleines bisschen Hoffnung haben, meiner Kinder wegen. So wie meine Eltern eine bessere Zukunft für mich erhofften und ihre Eltern für sie. Aber es ist ja nicht bloß der Rassismus. Denken Sie an den Klimawandel und die Folgen, die er haben wird. Die Welt, die wir unseren Kindern hinterlassen, ist ziemlich im Eimer.

Standard: Sie sagten einmal, Sie wechselten gern zwischen schwierigen und leichteren Büchern ab. Machte Ihnen die Arbeit an "Harlem Shuffle" Spaß, nachdem Sie in "Underground Railroad" über den Sklavenhandel und in "Die Nickel Boys" über den Missbrauch schwarzer Jungen in einer Besserungsanstalt geschrieben hatten?

Whitehead: Ja. Die Arbeit an meinen zwei letzten Romanen war wirklich deprimierend. In Harlem Shuffle habe ich mich ausgetobt. Das Krimigenre lässt einem so viel Freiheit, um mit Figuren, Formen und Erzähltönen zu spielen. Ich konnte Neues ausprobieren, schließlich bin ich Generationen vom Film noir, von Raymond Chandler, von James Ellroy entfernt. Wir hatten Quentin Tarantino und Anti-Noirs wie The Long Goodbye von Robert Altman oder The Big Lebowski von den Cohen-Brüdern. Man kann ernst sein oder ironisch, alles ist möglich. Hinzu kam, dass ich viel freier war, Dinge zu erfinden. Meine beiden letzten Bücher bezogen sich ja auf historische Tatsachen. Die Raubüberfälle in Harlem Shuffle haben nie stattgefunden, und das Harlem, das ich darin beschreibe, entstammt hauptsächlich meiner Fantasie.

Standard: Obwohl Sie für Ihre Recherchen stundenlang durch die Straßen des Viertels zogen?

Whitehead: Das hat mit am meisten Spaß gemacht. Ich wollte ein Gefühl für die Gegend entwickeln und gewisse Details richtig hinbekommen. Ich habe eine Fünf-Prozent-Regel: Fünf Prozent müssen der Wirklichkeit entsprechen, mit dem Rest verfahre ich nach Belieben.

Standard: In dem Roman kommen einige ziemlich stereotyp jüdische Figuren vor. Hatte Ihr Verlag nicht Angst, dass Sie damit in Antisemitismus-Verdacht geraten könnten?

Whitehead: Bis jetzt sind mir keine Beschwerden zu Ohren gekommen. Ich finde die Figuren nicht stereotyp. Es ist nun einmal eine Tatsache, dass viele Hausbesitzer in Harlem Juden waren und dass das Juweliergeschäft in New York hauptsächlich von Juden betrieben wurde.

Standard: In der Literatur gilt immer öfter eine Regel, die vorgibt, wer worüber und über wen schreiben darf. Was halten Sie von diesem Territorialismus?

Whitehead: Als Schriftsteller ist es mein Job, über verschiedene Ethnien, Geschlechter und Gesellschaftsschichten zu schreiben. Ich will die Welt in ihrer ganzen Vielfalt darstellen. Und wenn ich meine Sache gut mache, beschwert sich auch niemand. Zu verlangen, dass Weiße nicht über Schwarze schreiben dürfen und umgekehrt, ist kompletter Blödsinn. Man darf es nur nicht verbocken. Und wenn man es verbockt, soll man darüber keinen Meinungsartikel in der New York Times schreiben, indem man sich über politisch korrekte Henker beklagt, die einem an den Kragen wollen.

Standard: Der stereotype Schwarze in den USA ist nach wie vor entweder ein Opfer oder kriminell oder jemand, der es "trotz allem" geschafft hat ...

Whitehead: Auf meine Romane trifft das nicht zu. Auch nicht auf das Werk einer Lyrikerin wie Tracy K. Smith oder eines Ta-Nehisi Coates ...

Standard: Nein, darauf will ich ja hinaus. Inwieweit können schwarze Kulturschaffende dieses reduktive Wahrnehmungsmuster beeinflussen?

Whitehead: "Zu verlangen, dass Weiße nicht über Schwarze schreiben dürfen, ist Blödsinn."
Foto: AP / Maurizio Brambatti

Whitehead: Die amerikanische Popkultur ist rassistisch. Schwarze werden erst seit kurzem in größerer Zahl vom Mainstream wahrgenommen. Aber ich bin weder dazu da, um jemanden mit meiner Arbeit zu erbauen, noch will ich damit jemanden umerziehen oder etwas korrigieren. Ich bin natürlich sehr froh, mit Underground Railroad einen Roman geschrieben zu haben, der Kindern in der Schule die Auswirkungen der Sklaverei verständlich macht. Es freut mich auch, dass jeder schwarze Teenager mit kreativen Neigungen einen meiner Romane lesen und denken kann: Das kann ich auch. Und wenn ein Kind im Kino einen schwarzen Superhelden sieht, dann ist das ebenfalls wichtig. Repräsentation ist wichtig.

Standard: Aber?

Whitehead: Die wenigsten Leute, die wirklich über die Macht verfügen, lassen sich bei ihren Entscheidungen von Romanen leiten. Sie gehen vielleicht ins Kino, aber wenn sie die Schwarzen sowieso abgeschrieben haben, interessieren sie sich vermutlich auch nicht für die Werke von schwarzen Kulturschaffenden. Kultur spielt in diesem Land keine Rolle.

Standard: Stellen nur weiße Journalisten Ihnen Fragen über Schwarze, Weiße und Rassismus?

Whitehead: (lacht) Ja. Weiße Journalisten und junge Schwarze, die gerade erst anfangen. Ältere Schwarze und ich brauchen diesen Punkt nicht mehr zu erörtern.

Standard: Sie haben mit "Zone One" 2011 einen Zombieroman geschrieben, der in einem von einer Pandemie verwüsteten New York spielt. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie letztes Jahr Leute in den Supermärkten um Toilettenpapier ringen sahen?

Colson Whitehead, "Harlem Shuffle". Roman. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl.
€ 25,– / 380 Seiten.
Hanser-Verlag, München 2021

Whitehead: (lacht) Ich gebe zu: Da hatte meine Vorstellungskraft versagt. In meinem Roman ziehen die Protagonisten zwar von Haus zu Haus, um ansteckende Zombies zu eliminieren. Aber ich ahnte nicht, dass sich neben den Leichenbergen auch Toilettenpapier türmen würde. Ich sah auch nicht voraus, wie langweilig die Apokalypse sein würde. Wir sind über ein Jahr lang nur zu Hause gehockt und haben ferngesehen. Ich mochte nicht einmal ein Buch zur Hand nehmen. Mir war auch nicht klar, dass manche Leute sagen würden: "Ich glaube nicht an Zombies", und einen Anti-Zombie-Impfstoff verweigern würden. Ich habe das Ausmaß der menschlichen Dummheit deutlich unterschätzt. (ALBUM, Interview: Sacha Verna, 12.9.2021)