Attila Hildmann und eine Flagge mit Symbolik, die in neonazistischen Kreisen beliebt ist, auf einer Demo gegen Corona-Maßnahmen im Juli 2020.

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Attila Hildmann, einst namhafter Vertreter der veganen Kochkunst, kommt weiter in Bedrängnis. Das aktivistische Hacker-Kollektiv Anonymous Germany hat nach eigenen Angaben die Kontrolle über die Website des Verschwörungsideologen übernommen und will zudem an einen umfassenden Datenbestand gelangt sein.

Aktuell (Montag, 13.9., 10.30 Uhr) zeigt sich die Website von Hildmann, auf der üblicherweise diverse Produkte seiner Marken feilgeboten werden, in schwarz-grüner Ästhetik. Unter einem rotierenden Anonymous-Logo findet sich ein Video, in dem eine Botschaft an Hildmann gerichtet wird. Die Zusammenfassung: Er habe schon im Juni 2020, nach einer Übernahme seines Telegram-Channels und der Entfernung tausender Unterstützer aus selbigem, mit seiner Kriegserklärung an Anonymous einen schweren Fehler begangen und erfahre nun die Konsequenzen.

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Tiefer Fall

Dabei war zuletzt eigentlich relative Ruhe in die Auseinandersetzung zwischen Hildmann und Anonymous eingekehrt. Das hat auch damit zu tun, dass es für den weit ins Verschwörungsmilieu abgerutschten Koch auch in der analogen Welt turbulent wurde. Handelspartner warfen seine Produkte aus dem Sortiment. Die deutschen Behörden hatten Ende 2020 Ermittlungen wegen Volksverhetzung aufgenommen, auch begründet damit, dass dieser sich zunehmend massiv antisemitischer und neonazistischer Rhetorik bediene.

Der Beschuldigte setzte sich allerdings – und womöglich dank Vorwarnung eines Informanten – in die Türkei ab, deren Staatsbürgerschaft er neben der deutschen auch besitzt. Von dort aus setzte er seinen Feldzug gegen die "Neue Weltordnung" und andere Feindbilder fort und konzentrierte sich auch zunehmend auf Verschwörungsbotschaften mit Bezug auf die Coronavirus-Pandemie.

Im Juni verlor er nach seinen Accounts auf diversen sozialen Netzwerken wie Instagram schließlich auch seinen letzten, reichweitenstarken Auftritt in Form seines Telegram-Channels mit über 100.000 Mitgliedern. Das stellte aber nicht das Ende seiner Aktivitäten dar – diese wurden in mehreren, jedoch deutlich kleineren Channels fortgesetzt. In vielen davon, darunter einem rund 20.000 Mitglieder fassenden Kanal, in dem versucht wurde, als "Anonymous Germany" aufzutreten, wurde nun eine vom Kollektiv verfasste "Rücktrittsbotschaft" veröffentlicht.

Eine von Anonymous gepostete "Abschiedsbotschaft" im Namen von Hildmann, gepostet am Fake-Anonymous-Kanal auf Telegram.
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In einem anderen Kanal, ebenfalls etwa 20.000 User stark, bestätigte Hildmann per Posting und Audiobotschaft den Cyberangriff und meldete die Eröffnung eines weiteren Kanals und einer Chatgruppe als nächste Ausweichstation. Soweit aus einer Sichtung der öffentlich einsehbaren Telegramgruppen durch den STANDARD hervorgeht, entsprechen die Schilderungen von Anonymous den Tatsachen. Hildmanns bereits eingeschränkte Reichweite dürfte durch die "Operation Tinfoil" weiter leiden.

Admin soll zu brisantem Datenschatz verholfen haben

Die Übernahme der Telegram-Kanäle ist aber bei weitem nicht das einzige Problem des Verschwörungserzählers. Auf dem Portal "Anonleaks" schildert Anonymous Germany, dass sich der ehemalige IT-Verantwortliche von Hildmann – ein gewisser "Kai" – gemeldet und seine Zusammenarbeit angeboten habe. Kai sei einst die treibende Kraft hinter dem gefälschten Anonymous-Germany-Telegram-Channel gewesen.

Er hängt gemäß der Schilderung selbst noch Verschwörungstheorien an, jedoch in einem weitaus geringeren Umfang als Hildmann. Zudem distanziere er sich von Antisemitismus und Neonazismus. Mittlerweile sei er zur Einsicht gelangt, dass sein ehemaliger Verbündeter zu einem Nazi geworden und gefährlich sei. Er und viele seiner Anhänger hätten jeglichen Bezug zur Realität verloren. Seit Oktober habe er an seinem Ausstieg gearbeitet und begonnen, Daten zu sammeln. Aufgrund von Hildmanns Kontrollsucht und mangelndem Vertrauen in die Behörden sei dieser aber damals noch nicht erfolgt – und er mit ihm in die Türkei geflohen.

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Mitte August meldete sich Kai schließlich beim Kollektiv und brachte Zugänge zu 20 Mail-Konten und seinen Webseiten mit. Nach eigenen Angaben konnte Anonymous rund 100.000 Mails absaugen. Diese sollen auch Einblick in Hildmanns wirtschaftliches Gebaren geben, auch darüber, welche Unternehmen trotz seiner verhetzenden und radikalen Aussagen weiter mit ihm kooperierten. Erwähnt werden auch Steuerschulden, Kontakt mit einem AfD-Politiker und 2.000 Adressbuch-Kontakte.

Veröffentlichungen angekündigt

Kai soll Hildmann zudem suggeriert haben, dass die Staatsanwaltschaft seine Domains pfänden würde, weswegen er die verbliebenen Adressen unter seiner Kontrolle ebenfalls seinem einstigen IT-Verantwortlichen überschrieben habe. Über 20 Adressen führen seit kurzem zur Anonymous-Botschaft.

Dabei soll es aber nicht bleiben. Die Hacker arbeiten nun am "letzten Kapitel". In diesem sollen die gewonnenen Informationen aufgearbeitet werden. Der Zweck, so schreibt das Kollektiv, heilige die Mittel. (gpi, 13.9.2021)