Mehrere US-Soldaten wurden bei einem Anschlag während der hektischen Evakuierungsmission in Kabul getötet (im Bild: das Begräbnis von Humberto Sanchez). Wie der Abzug aus Afghanistan verarbeitet wird, ist umstritten.

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Es sollte eine Aussprache über den chaotischen Abzug der USA aus Afghanistan, über den rasanten Kollaps der afghanischen Regierung und des Militärs sowie über den künftigen Umgang Washingtons mit dem Regime in Kabul werden. Aber es gerät zu einem Schlagabtausch. Bei zwei Hearings am Montag und Dienstag im Senat und im Repräsentantenhaus dreschen Republikaner auf Außenminister Antony Blinken ein. Sie nennen ihn einen Lügner, werfen ihm Inkompetenz und Verrat vor, verlangen, dass er zurücktritt und fallen ihm ins Wort.

Der oberste Diplomat bleibt im Ton höflich. Aber in der Sache lehnt er die Verantwortung für das Kriegsende ab. "Wir haben eine Deadline geerbt", antwortet er, "aber keinen Plan." Adressat der Spitze: Donald Trump, der den Abzug mit den Taliban verhandelt hatte.

Die Wut der Republikaner konzentriert sich auf die 100 US-Staatsangehörigen, die nicht evakuiert worden sind. "Amerika lässt bei Kriegsende keine Leute hinter feindlichen Linien zurück", sagt Senator James Risch aus Idaho. "Es war ein überstürzter Abzug", befindet der Abgeordnete Ronny Jackson.

Bidens Mantra

Ihre Vorwürfe richten sich gegen einen Außenminister, der seit acht Monaten im Amt ist. Nicht gegen einen 20 Jahre dauernden Krieg, den ein republikanischer Präsident begonnen hat und den zwei Nachfolger – ein Demokrat und ein Republikaner – nicht beendet haben. Anstelle einer Antwort wiederholt Blinken wie ein Mantra einen Satz von Präsident Joe Biden: "Es war Zeit, Amerikas längsten Krieg zu beenden."

Für die Fehleinschätzungen der US-Geheimdienste, die nicht damit gerechnet haben, dass die afghanische Regierung und das Militär zusammenbrechen könnten, während die US-Truppen noch im Land sind, liefert Blinken keine Erklärung. "Dieser unerwartet schnelle Kollaps hat alles verändert", sagte er bloß.

Die beiden Hearings bilden den Auftakt zu weiteren Sitzungen, bei denen es um die Verantwortung für Fehler beim Abzug aus Afghanistan gehen soll. Auch Demokraten kritisieren das Vorgehen beim Abzug. Aber sie schlagen nachdenklichere Töne an als ihre republikanischen Kollegen. "So etwas wie Reform-Taliban gibt es nicht", mahnt der demokratische Senator Robert Menendez.

Sein Kollege Tim Kaine aus Virginia befasst sich mit dem gescheiterten Versuch, "ein System einzuführen, das Afghanistan nicht wollte". Für ihn geht es um die Grenzen der Macht der USA. "Wir schaffen es nicht, 30 Prozent der Amerikaner zu einer Impfung bewegen. Wir können ebenso viele nicht davon überzeugen, das Ergebnis einer Präsidentschaftswahl anzuerkennen", sagt er, "glauben wir allen Ernstes, wir könnten entscheiden, wie die Kultur eines anderen Landes sein sollte?"

Neue Organisation

Just an dem Tag, an dem das Hearing im Senat stattfindet, heben drei ehemalige US-Präsidenten – George W. Bush, Bill Clinton und Barack Obama – eine Organisation aus der Taufe, die Afghanen in den USA begrüßen soll und Geld für sie sammelt. Mehrere Republikaner, die bei den Hearings über die zurückgelassenen Staatsangehörigen geklagt haben, bremsen unterdessen, wenn es um Flüchtlinge geht. Senator John Barrosso will sich bei einem Interview nicht zu der Frage äußern, ob Wyoming afghanische Flüchtlinge aufnehmen wird. "Haben sie tatsächlich unseren Soldaten geholfen?", will er wissen: "Sind sie vor der Evakuierung sorgfältig durchleuchtet worden?"

Al-Kaida, die Organisation, deren Attentate im Herbst 2001 zum Afghanistan-Krieg führten, kam bei den Hearings nur am Rande vor. Blinken glaubt, dass sie zumindest vorerst so geschwächt ist, dass sie keine Bedrohung für die USA darstellt. Aber die Geheimdienstler warnen bereits wieder vor Al-Kaida. (Dorothea Hahn aus New York, 15.9.2021)