Mullah Abdul Ghani Baradar ist Vize-Chef der radikalislamistischen Taliban.

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Die Taliban hat in Häusern früherer Regierungsmitglieder und Beamter nach Vermögen gesucht.

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Kabul – Taliban-Vizechef Mullah Abdul Ghani Baradar hat Berichte über seinen eigenen Tod oder eine schwere Verletzung dementiert. "Gott sei Dank geht es mir gut, und ich bin gesund", sagte Baradar in einem Interview mit dem afghanischen Staatssender RTA, das am Mittwochabend auch auf Twitter veröffentlicht wurde. Spekulationen über Machtkämpfe innerhalb der neuen Machthaber in Kabul wies er zurück.

Medien hatten vergangene Woche spekuliert, dass Baradar, der in der neuen Taliban-Regierung stellvertretender Regierungschef ist, bei einem internen Streit getötet worden sei. Die Information verbreitete sich schnell über die sozialen Medien. Die Gerüchte wurden dadurch befeuert, dass Baradar mehrere Tage nicht öffentlich zu sehen war.

Baradar sagte, er sei außerhalb Kabuls auf einer Reise gewesen und habe deswegen keinen Zugang zu Medien gehabt. Er wolle nun alle Taliban in hohen und niedrigen Positionen darüber informieren, dass es keinen Grund zu Sorgen gebe. Zu angeblichen Machtkämpfen innerhalb der Taliban sagte er, man habe über Jahre Leid und Schwierigkeiten ertragen, um die US-Besatzung zu beenden. All das sei nicht für Macht oder Positionen gewesen. Einen großen Teil seiner Antworten las Baradar von einem Blatt ab.

UN-Sondergesandte berät mit Taliban-Innenminister

Die UN-Sonderbeauftragte für Afghanistan, Deborah Lyons, hat sich indes mit dem neuen Innenminister Sirajuddin Haqqani getroffen und über die humanitäre Krise in dem nun von den Taliban beherrschten Land gesprochen. Haqqani galt jahrelang als einer der weltweit meistgesuchten Islamisten. Ein Taliban-Sprecher teilte am Donnerstag über Twitter mit, Hauptthema sei die Frage der humanitären Hilfe gewesen. Haqqani habe zugesichert, dass die Arbeit des UN-Personals in Afghanistan nicht behindert werde. Lyons betonte nach UN-Angaben, jede Bedrohung oder Beeinträchtigung der Hilfsarbeiter müsse unbedingt unterbunden werden.

Taliban-Kämpfer hatten in den vergangenen Jahren vor ihrer Machtübernahme mehrfach die Vereinten Nationen (UN) ins Visier genommen. So wurden 2009 in der Hauptstadt Kabul fünf UN-Mitarbeiter bei einem Angriff auf ein Gästehaus getötet. Haqqani leitet das von seinem Vater gegründete gleichnamige Netzwerk, das eine Untergruppe der Taliban bildet und US-Regierungskreisen zufolge Verbindungen zur Islamisten-Organisation Al-Kaida unterhält. Die US-Bundespolizei FBI führt Haqqani als eine der meistgesuchten Personen. Für Informationen zu seiner Ergreifung ist eine Belohnung von zehn Millionen Dollar ausgesetzt.

Taliban beschlagnahmten Bargeld und Goldbarren

Die neue Taliban-Führung hat währenddessen nach offiziellen Angaben mehr als zwölf Millionen US-Dollar (etwa 10,2 Millionen Euro) in Form von Bargeld und Goldbarren beschlagnahmt. Das teilte die afghanische Zentralbank am Mittwochabend mit. Das Geld und das Gold seien in Häusern von Mitgliedern der früheren Regierung und ehemaligen hochrangigen Beamten gefunden worden.

Namentlich genannt wurde der ehemalige Vizepräsident Amrullah Saleh. Er hatte sich im vergangenen Monat nach der Flucht des ehemaligen Präsidenten Ashraf Ghani zum amtierenden Präsidenten des Landes erklärt. Seit der Machtübernahme der Taliban Mitte August baut er in der Provinz Panjshir Widerstand auf. Die genaue Summe, die in Salehs Haus beschlagnahmt worden sein soll, wurde nicht mitgeteilt. Die Zentralbank wird mittlerweile von den Taliban kontrolliert.

Ein hochrangiger Taliban behauptete auf Twitter, man habe bei Saleh mehr als sechs Millionen US-Dollar in bar und 18 Goldbarren gefunden. Saleh selbst äußerte sich zunächst nicht, sein aktueller Aufenthaltsort ist unbekannt. Zuvor hatte Afghanistans ehemaliger Botschafter in Tadschikistan, Mohammed Sahir Agbar, behauptet, Ghani habe bei seiner Flucht 169 Millionen Dollar mitgenommen. Der Ex-Präsident wies das zurück. Laut Medienberichten forderte die Zentralbank auch Banken auf, die Konten ehemaliger Funktionsträger einzufrieren.

Pakistan lehnt Nehammer-Vorschlag ab

Unterdessen lehnt Pakistan die von Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) lancierte Idee ab, in Österreich straffällig gewordene Afghanen in Nachbarländer wie Pakistan zu bringen, da sie aufgrund der Menschenrechtskonvention nicht in ihre Heimat abgeschoben werden können. Der pakistanische Botschafter in Wien, Aftab Khokher, lehnte das gegenüber der "Kronen Zeitung" vom Donnerstag klar ab. Sein Land sei nicht zur Aufnahme bereit.

"Warum sollten wir das tun? Wir haben drei Millionen afghanische Flüchtlinge im Land. Wir haben unseren Anteil erfüllt", sagte der Botschafter der "Krone". Er wies auch Vorwürfe zurück, dass Pakistan die Taliban aktiv unterstütze und ein "sicherer Hafen für Terroristen" sei. "Wenn Sie Beweise haben, dann teilen Sie sie uns bitte mit. Die Realität sieht anders aus." Auch die Anschuldigung, die pakistanische Luftwaffe habe in Afghanistan Angriffe auf die Widerstandskämpfer im Panjshir-Tal geflogen, stimme nicht.

"Unser Engagement in Afghanistan ist nur humanitärer Natur, um dem Volk zu helfen", sagte Khokher. Pakistan werde seinen Verpflichtungen gegenüber Afghanistan weiter nachkommen. Ob diese finanzieller Natur sind, wollte er nicht bestätigen. "Die Abmachungen wurden mit dem Volk von Afghanistan getroffen. Egal, wer regiert." Der Diplomat fordert nun auch vom Westen Pragmatismus im Umgang mit den Taliban: Dieser habe jahrelang Missstände wie Korruption und Gewalt ignoriert. "Wenn ihr einen Vorteil habt, schließt ihr Kompromisse." Es sei sinngemäß dreist, mit den Taliban, mit denen die USA in Doha ein Friedensabkommen unterzeichnet hätten, "jetzt nicht mehr verhandeln zu wollen". (APA, 16.9.2021)