Die beiden Lehrer Helmut Bittermann und Georg Cavallar gehen in ihrem Gastkommentar auf die Digitalisierungsbemühungen in den Schulen ein. Sie sehen noch viele offene Fragen. Lesen Sie dazu auch den Gastkommentar von Georg Platzer. Er fordert Evidenz darüber, was man sich von einer Digitalisierung der Klassenzimmer erhoffen darf.

Digitale Schule ist die harmonische Kombination von moderner, digitaler Infrastruktur und inspirierender, zukunftsweisender Pädagogik", heißt es vielversprechend auf der Homepage "Digitale Schule" des Bildungsministeriums. In der nächsten Zeit erhalten viele Klassen der fünften und sechsten Schulstufen ihre digitalen Endgeräte. Was auf den ersten Blick modern und zeitgemäß wirkt, erweist sich beim näheren Hinsehen aber als eine Baustelle, die bei Planung und Umsetzung einiges zu wünschen übrig lässt.

Die digitalen Endgeräte stellt das Bildungsministerium. Aber wie sieht es mit dem Rest aus, etwa dem pädagogischen Konzept?
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Eine inspirierende und zukunftsweisende Pädagogik lässt sich nicht durch das bloße Verteilen digitaler Endgeräte gleichsam "nebenbei" heraufbeschwören. Sie muss entwickelt werden, und diese Entwicklung muss sorgsam geplant werden. Leider sind dafür im Acht-Punkte-Plan des Ministeriums bisher nur unzureichende Mittel vorgesehen. Natürlich kann vom Schulsystem erwartet werden, dass es sich neuen Herausforderungen stellt. Im laufenden Betrieb und ohne zusätzliche Ressourcen ist das aber nur sehr eingeschränkt möglich.

Eher ein Störfaktor

Aus pädagogischer und didaktischer Sicht sind nämlich die Herausforderungen bei dieser Initiative besonders groß, werden doch die digitalen Endgeräte an die Schülerinnen und Schüler der ersten Klassen der Mittelschulen und Gymnasien verteilt. Diese Schülerinnen und Schüler haben von der Volksschule kommend ohnehin schon einen sehr tiefgreifenden Systemwechsel zu bewältigen. Gerade in diesem Jahrgang sind die digitalen Endgeräte wohl eher ein Störfaktor, insbesondere dann, wenn die Einführung dieser Geräte nicht besonders gut geplant und behutsam umgesetzt wird.

Wenn das Ministerium im Grunde genommen nur für die Hardware-Ressourcen aufkommt, so ist das ein erschreckend kurzsichtiger technokratischer Ansatz. Zehnjährige sollten entsprechend aufwendig pädagogisch und didaktisch bei der geplanten Mediennutzung begleitet werden. Auch die Eltern sind dabei einzubinden.

Eine adäquate pädagogische und didaktische Begleitung der Geräteinitiative wäre durch einen verbindlichen Informatikunterricht wohl am besten möglich. Informatiklehrerinnen und Informatiklehrer fordern schon seit längerem, Informatik als Pflichtgegenstand in der Sekundarstufe I und II mit einem adäquaten Stundenausmaß einzuführen. Es sollte in der Schulinformatik aber nicht nur um die Vermittlung von Mediennutzungskompetenzen gehen.

Zu wenige Lehrende

Ein balancierter, sinnvoll angelegter Informatikunterricht lehrt auch Logik, algorithmisches Denken, Modellierung und Abstraktion sowie Problemlösungs- und Gestaltungskompetenzen. Den Schülerinnen und Schülern soll dadurch die Möglichkeit eröffnet werden, die Wissens- und Informationsgesellschaft aktiv mitgestalten zu können, statt nur passiv auf deren Entwicklungen zu reagieren. Es sind derzeit an den Schulen dafür aber nicht genug Informatiklehrerinnen und -lehrer vorhanden.

Mit der Umsetzung des ministeriellen "Acht-Punkte-Plans für einen Digitalen Unterricht" kommen in naher Zukunft noch viele weitere Anforderungen und Aufgaben auf die Schulen zu. Ungeklärt ist vor allem auch der Aspekt der Wartung und Reparatur der Endgeräte. Diese Anforderungen lassen sich mit dem gegenwärtigen System und den gegenwärtigen Ressourcen eigentlich nicht sinnvoll bewältigen.

Die Verteilung der digitalen Endgeräte soll spätestens im Schuljahr 2022/23 österreichweit flächendeckend erfolgen. Ob bis dahin alle Mittelschulen und Gymnasien "das einfach so nebenbei schaffen werden", ist stark zu bezweifeln.

Die üblichen Fotos mit Minister, Kanzler und glücklichen Schülerinnen und Schülern an ihren Endgeräten wird es zu Propagandazwecken wohl geben. Gemäß dem Motto: In der Schule geht etwas weiter, sie wird "zukunftsfit" und "digital". Es besteht allerdings die Gefahr, dass aus der geplanten digitalen Schule eine dilettantische Schule wird. Das Ministerium könnte hier dem digitalen Österreich der Zukunft einen Bärendienst erweisen. (Helmut Bittermann, Georg Cavallar, 17.9.2021)