So viel Zeit muss sein: Kathrin Angerer nimmt ein Fußbad.

FotoVolksbühne: Christian Thiel

Susanne Bredehöft und Martin Wuttke finden sich in einer neuen Ära zwischen den Vorhängen wieder. Nach der Pandemie ist vor der Pandemie, und irgendwo dazwischen hat auch Tolstoi überlebt.

Foto: Volksbühne/Christian Thiel

Am Zirkuszelt vor der Volksbühne hat man die Lichterketten angeworfen, der Fernsehturm schaut dem Zelt neugierig über die Schulter. Im Zelt arbeiten Frauen an zwei Bügelpressen. Man könne sich sein Sakko in Form bringen lassen, heißt es, doch tatsächlich lassen sich Leute auf Taschen oder T-Shirts Logos des Grafikbüros LSD bügeln. Das alte Logo der Volksbühne, das vom verstorbenen Bühnenbildner Bert Neumann entworfene Rad, thront hinter den Bügelpressen.

Eine halbe Stunde vor der Eröffnung des Hauses unter der neuen Intendanz von René Pollesch ist die Atmosphäre auf dem Platz eine Mischung zwischen erstem Schultag und Rummel.

Mädchenchor

Ein Mädchenchor singt vor dem Zelt, während Besucherinnen und Besucher sich noch anstellen, um ihr Impfzertifikat oder Testergebnis vorzuzeigen und einen Stempel zu erhalten, andere sich schon einen Prosecco geholt haben. Dann ist da noch diese schlechte Kunstperformance, die sich als ungeschickter Protest von Impfgegnern entpuppt. Mit wenig Bedacht auf die Gesundheit von Mitmenschen blockieren sie die vorgeschriebenen Rettungszufahrten, die Polizei muss gerufen werden. Ein ganz normaler Theaterabend in Zeiten der Pandemie. Und nichts, was das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz noch erschüttern könnte.

V. l. n. r. Susanne Bredehöft, Margarita Breitkreiz, Kathrin Angerer und Martin Wuttke,
Foto: Volksbühne/Christian Thiel

Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen heißt das Stück, das Pollesch nach über 50 Stücken geschrieben hat und selbstverständlich selbst inszeniert. "Sobald sich der Vorhang hebt, erwartet man die Tragödie", wird Volksbühnenstar Kathrin Angerer auf der Bühne sagen. Dabei, sagt ihre Figur, würden Menschen Tragödien gar nicht erkennen.

Die Erinnerung drängt sich unweigerlich auf: Was haben sich hier in den letzten Jahren, wenn schon nicht Tragödien, so zumindest Dramen abgespielt, ohne dass sich dafür jedes Mal ein Vorhang heben musste. Die Entscheidung des damaligen Berliner Kultursenators der SPD Tim Renner, als Frank Castorfs Nachfolger ab 2017 den belgischen Kurator Chris Dercon zu holen, führte zum Aufruhr. Schauspieler Alexander Scheer opferte gar ein Glas Bier, das er Renner am Rande einer Veranstaltung über den Kopf goss. Auch finanzielle Nöte und Auslastung des Hauses wurden immer mehr Thema.

Nächster Aufzug: Renner war in der neuen rot-rot-grünen Stadtregierung längst von Klaus Lederer von den Linken abgelöst, da folgte auf Dercon interimistisch Klaus Dörr. Ihm warfen zehn Frauen unter anderem sexuelle Belästigungen vor, was dieser zunächst abstritt. Später, in einer Mitteilung Lederers hieß es, Dörr übernehme die volle Verantwortung. Der Nächste bitte! Der Name René Pollesch kam nicht erst 2019 ins Spiel und löste in Theaterkreisen der Stadt ein Aufatmen aus. Doch vorübergehend übernahm auch noch Corona und drehte erst einmal das Licht ab. Eine Chance für eine Zäsur.

"Sozialistische Schauspielerinnen sind schwerer von der Idee eines Regisseurs zu überzeugen", sagt Susanne Bredehöft im neuen Stück. Ein Bekenntnis zur Solidarität und Gleichberechtigung eilt dem Theatermacher, der seine Sprache konsequent gendert und das Haus gemeinschaftlich mit seinem Ensemble führen will, voraus. Auch das eingangs erwähnte Zirkuszelt ist ein Zeichen von Solidarität, nämlich mit dem während der Pandemie mit großen wirtschaftlichen und persönlichen Verlusten geschlagenen Familienbetrieb Circus Hopplahopp.

Talk und Solidarität

Bis 3. Oktober wird das Zelt auch mit Talkformaten zur Wahl und Benefizveranstaltungen mit der Grande Dame Sophie Rois bespielt.

Österreich taucht nicht nur durch die Volksbühnen-Heimkehrerin Rois auf dem neuen Spielplan auf. Die Choreografin Florentina Holzinger gehört zum neuen künstlerischen Team um Pollesch und ist auf dem Spielplan ab 23. September mit A Divine Comedyvertreten. Mit Marlene Engel stammt auch die neue Musikkuratorin aus Österreich, die Wiener Autorin Lydia Haider wird gemeinsam mit der bildenden Künstlerin und Wahlwienerin Sophia Süßmilch einmal im Monat in den Toten Salon laden, und der Österreicher Samuel Casata betreibt im Pavillon vor dem Haus eine Art Kunstspäti namens Stern-Schuppen, wo es Drinks und Kunst (derzeit von Vito Baumüller) geben wird. Nach Stefanie Sargnagel hat man auch wieder die Fühler ausgestreckt.

Doch nun hinein ins Theater und in die Uraufführung. Kaum ist man drinnen, ist man schon wieder im Zirkus. Seitlich der Bühne dominieren zwei riesige Porträts einer Artistin und eines Seiltänzers die karge Szene. Auf Campingstühlen setzen sich Angerer, die wunderbar lausbübische Bredehöft und die präsente Margarita Breitkreiz mit Polleschs Liebling Martin Wuttke zusammen, um in leichtfüßig bewährter Manier zu philosophieren. Über Jugendliche mit müden Augen hinter ergrautem Haar, über die Frage, ob alles, was Spießer ablehnen, deshalb genial sein muss, und über Sprache, die einen zu etwas macht, was man nicht sein möchte.

Das titelgebende riesige orangefarbene Stück Stoff wird von Leonard Neumann (Bühne und Kostüme) zauberhaft belebt, hebt als Wolke ab, spitzt sich zum Zirkusdach zu oder lässt als Riesentaschentuch Schauspielerinnen verschwinden und ein Kaninchen erscheinen.

Fußbad

Die aufgeregten Erwartungen an die neue Ära werden sanft ausgebremst. Schauen wir uns diesen Vorhang doch erst genauer an, ehe wir durchschreiten, scheint man zu erzählen. Setzen wir uns erst einmal hin und nehmen wir ein bisschen Druck raus und – warum nicht – auch ein entspannendes Fußbad.

Wuttke trägt zeitweise ein Skelett auf dem Rücken und gibt den greisen Leo Tolstoi, den junge Revolutionärinnen verklärt anhimmeln, ehe man sich reihum ohrfeigt und sich gleich wieder entschuldigt. Ein stimmiges Bild für die Ära der Empörten.

Martin Wuttke mit dem Skelett am Rücken.
Foto: Volksbühne/Christian Thiel

Irgendwo in den Vorhangwelten behauptet man eine Geheimtüre zu Tolstoi, durch die man hineinplaudert in den Theaterkosmos. Auf den Prolog folgt der Epilog. Straffe eineinhalb Stunden sind vergangen, als der Stoff als große Stichflamme auflodert. "Der Anfang ist immer danach", heißt es im Stück.

(Colette M. Schmidt aus Berlin, 18.9.2021)