In dieser Grippesaison ist es so wichtig wie nie, eine Doppelerkrankung aus Sars-CoV-2 und Influenza zu verhindern. Nach der mild verlaufenen Grippewelle im vergangenen Jahr rechnen Experten heuer mit starker epidemiologischer Aktivität.

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Mit Herbst steht die Grippesaison ins Haus. Und anders als im vergangenen Jahr rechnen Expertinnen und Experten diesen Winter nicht mit einer milden Welle. Dabei ist es aktuell besonders wichtig, Erkrankungen so niedrig wie möglich zu halten, um Spitals- und Intensivbettenkapazitäten nicht zu überlasten.

Grippewelle erwartet

2020 blieb die Grippesaison erstmals seit Beginn der Influenza-Überwachung in Österreich vollständig aus. Während des gesamten Winters wurden nur zwei Proben positiv auf Influenzaviren getestet. Die Gründe dafür sind "letztlich alle auf die Maßnahmen zur Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie zurückzuführen", betont die Virologin Monika Redlberger-Fritz in der "Virusepidemiologischen Information" des Zentrums für Virologie der Medizinischen Universität Wien. Die Erfahrungen würden allerdings zeigen, dass auf sehr schwache Grippewellen meist starke epidemische Aktivität folgt.

Die ersten Grippeviren kommen meist im Dezember nach Österreich und lösen im Jänner eine Grippewelle aus. Diesmal könnte sich das zwar verschieben, ausbleiben wird sie aber nicht. Will man sich entsprechend rechtzeitig schützen, ist die Impfung beim Hausarzt oder im Impfzentrum das Mittel der Wahl.

Schutz durch Impfung

"Grippeimpfstoffe sind sicher, hocheffektiv und wirksam", erklärt dazu Maria Paulke-Korinek, Leiterin der Impfabteilung im Gesundheitsministerium, in einem Gespräch mit dem STANDARD. In seltenen Fällen könne man trotz einer Impfung an der Influenza erkranken, Betroffene haben jedoch mildere und kürzere Verläufe, weniger Komplikationen und müssen seltener ins Spital. Paulke-Korinek: "Geimpfte sind auf jeden Fall im Vorteil."

Das richtige Timing für das Impfen neben der Covid-19-Schutz- oder -Auffrischungsimpfung zu finden ist komplizierter geworden, da bisher die Empfehlung galt, einen zweiwöchigen Mindestabstand zum Covid-Stich einzuhalten – nur Notfallimpfungen waren ausgenommen. Der Grund: Mögliche Impfreaktionen oder Nebenwirkungen sollten klar zuordenbar sein. Bei der Grippeimpfung scheint das nun aber nicht mehr notwendig zu sein.

Thomas Mertens, Chef der deutschen Ständigen Impfkommission (Stiko), schätzt eine gleichzeitige Verabreichung von Influenza- und Covid-Impfstoffen als "unbedenklich" ein. "Insofern ist diese Vorsichtsmaßnahme des Auseinanderziehens der beiden Impfungen nicht mehr nötig", heißt es.

Der Stiko-Chef selbst unterstützt die Grippeimpfung bei Risikogruppen aktiv, da diese auch in Hinblick auf die Grippe besonders gefährdet sind. Auch heuer gilt wieder: Bei einer Doppelinfektion aus Influenza und Corona sind Risikopatienten einer besonders hohen Gefahr ausgesetzt.

Doppelinfektion vermeiden

Virologinnen und Virologen wie Monika Redlberger-Fritz von der Med-Uni Wien warnten bereits im vergangenen Herbst vor einer Doppelinfektion. Denn in geschlossenen Räumen verbreiten sich sämtliche Keime, die durch Tröpfchen übertragen werden, besonders gut – insbesondere wenn doppelt Geimpfte alle mittlerweile vertrauten Schutzmaßnahmen wie Abstandhalten, Handhygiene und Maskenpflicht nicht mehr ganz so ernst nehmen.

Ebenso wie Covid-19 stellt auch die Grippe eine reale Gefahr dar. "Die Influenza-assoziierte Übersterblichkeit beträgt etwa 1.000 Fälle pro Jahr, mit steigender Tendenz aufgrund der zunehmenden Alterung", erklärt die Virologin Christina Nicolodi die Lage. "Bei Covid-19 und Influenza haben wir das Risiko einer sogenannten Co-Infektion – also Sars-CoV-2 zeitgleich mit Influenza. Dabei wird einerseits die Diagnose oder die Behandlung von Covid-19 erschwert – weil man die Covid-19- oder Influenza-Infektion übersehen kann –, und andererseits kann sich dadurch das Sterberisiko erhöhen, oder Krankheitsverläufe werden schwerer", betont sie.

Man rechne damit, dass etwa zwölf Prozent der Covid-Patienten Co-Infektionen haben und davon etwa drei Prozent virale Co-Infektionen – vor allem durch respiratorische Viren wie respiratorische Synzytialviren (RSV), andere Coronaviren oder Influenza, so Nicolodi. "Das ist deshalb der Fall, weil durch eine Covid-19-Erkrankung die mukosalen und epithelialen Zellen durch das Virus geschädigt sind und dadurch andere Viren leichter infizieren können."

Startschuss im Oktober

Sollte man Bedenken bezüglich der kulminierten Impfungen haben, kann man einen zeitlichen Abstand von sieben Tagen einhalten. "Das wäre beispielsweise bei multimorbiden Patientinnen und Patienten zu überlegen", sagt Nicolodi. Impfen sollte man aber jedenfalls, denn: "So mild wie letztes Jahr wird die Influenzasaison meiner Meinung nach nicht, weil wir keine vergleichbaren Einschränkungen wie Lockdown, Homeschooling oder Homeoffice mehr haben, die die Verbreitung verhindern könnten."

Prinzipiell könne man sich schon im September impfen lassen – "sobald Flu-Impfstoff verfügbar ist", sagt Nicolodi. In Wien wird es die Impfung auch wieder gratis geben. "Sicherheitsbedenken gibt es kaum", so Nicolodi.

Der Infektiologe und Tropenmediziner Herwig Kollaritsch hält es im September aber noch nicht für sinnvoll, sich impfen zu lassen. Die beste Zeit dafür sei Ende Oktober bis Mitte November, denn der Impfschutz hält meist rund sechs Monate an – in den ersten drei ist er optimal und nimmt danach langsam ab. Bei älteren Menschen oder jenen mit einem eingeschränkten Immunsystem passiert das noch schneller. Hochsaison der Influenza ist meist erst im Februar.

Kombinationsimpfung in Entwicklung

Spricht man mit Medizinerinnen und Medizinern, Wissenschafterinnen und Wissenschaftern, so thematisieren diese bereits seit Wochen die Option, künftig Auffrischungsimpfungen gegen Sars-CoV-2 mit der Influenza-Impfung zu verbinden. Das wäre aus Sicht der Experten ein besonders niederschwelliges Angebot und könnte auf einen Schlag vor zwei Viruserkrankungen bewahren, die sonst jedes Jahr für viele Todesfälle verantwortlich sind.

Impfstoffexpertin Nicolodi bestätigt jedenfalls, dass es Hersteller gibt, die bereits eine solche Kombiimpfung entwickeln, "hoffentlich erfolgreich", sagt sie. Für Leif Erik Sander, Professor für Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung an der Berliner Charité, ist es durchaus vorstellbar, dass Auffrischungssimpfungen gegen Corona – auch Booster genannt – in den nächsten Jahren gänzlich als Kombiimpfung mit Influenza verabreicht werden.

Impfprogramm für Erwachsene

Österreicherinnen und Österreicher zeigen sich bei Impfungen aber zurückhaltend, auch gegenüber Influenza. Nur rund acht Prozent der Menschen haben sich 2019 impfen lassen. Österreich ist damit Schlusslicht in Europa. Gleichzeitig erkrankten in der Saison 2019/20 – also noch vor der Pandemie – 300.000 Personen in Österreich an der Influenza, es gab über 1.000 Todesfälle.

Ab 2022 soll ein Erwachsenen-Impfprogramm aus Mitteln der öffentlichen Hand etabliert werden, erklärte Andreas Huss, Vorsitzender des Verwaltungsrats der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK), bei den Gesundheitsgesprächen in Alpbach. Denn eine große Influenza-Immunisierungsaktion sei nötig, um einen breiten Schutz in der Bevölkerung zu etablieren. "Immerhin hatten wir 2016/17 in Österreich mehr als 4.000 Grippetote", betonte Huss.

Influenza-Impfungen stellen sich allerdings als extrem zersplitterte Angelegenheit dar: Die Impfstoffbestellungen variieren je nach Bundesland zum Teil stark. Teil des kostenlosen Kinderimpfprogramms wurde die Influenza-Impfung erstmals 2020, da man weiß, dass Kinder eine große Rolle bei der Übertragung der Infektion spielen.

Modellrechnungen zeigen, dass es effektiver ist, 20 Prozent der Schulkinder zu impfen als 90 Prozent der Seniorinnen und Senioren. "Ich habe mir das für Finnland angesehen. Dort lassen sich 70 Prozent der Erwachsenen im Durchschnitt einmal jährlich gegen eine Krankheit impfen. In Österreich sind es 40 Prozent. Wir haben also Luft nach oben", sagt Huss. (Julia Palmai, 23.9.2021)