Empathie ist ein wichtiger Mechanismus im sozialen Miteinander. Sie trägt dazu bei, dass wir anderen Menschen nicht nur aus eigennützigen Motiven helfen, etwa, um als Revanche etwas von ihnen fordern zu können: Durch das Nachempfinden des Zustands einer anderen Person fühlen wir uns in sie ein und können sie besser so behandeln, wie wir es wohl selbst in einer ähnlichen Situation gern erfahren würden. Inwiefern dabei simulierter und authentischer Schmerz eine Rolle spielt, das erforschte ein neurowissenschaftliches Team um Claus Lamm von der Universität Wien in einer Studie, die nun im Fachjournal "eLife" veröffentlicht wurde.

Die Probanden zeigten offensichtlich simulierte oder authentische Schmerzen.
Bild: Zhao et al. 2021, eLife

In ihrem Experiment zeigte die Forschungsgruppe ihren Versuchspersonen Aufnahmen von Schauspielern, denen mit einer Spritze in die Wange gestochen wird. In beiden Fällen war der Schmerzausdruck zwar gespielt, allerdings war für die Beobachter in einem Fall klar ersichtlich, dass sich über der Spitze der Nadel eine Schutzkappe befindet und es sich im anderen Fall um die blanke Nadel handelte. "De facto waren das alles gespielte Schmerzszenarios", klärt Neuropsychologe Lamm auf.

Geschauspielerter Nadelschmerz

Herausfinden wollte die Forschungsgruppe so, ob das Nervennetzwerk, das mit dem Mitgefühl in Verbindung gebracht wird, tatsächlich echtes Nachempfinden anstößt. Ebenso könnte es sich nämlich auch nur um eine Reaktion auf einen hervorstechenden Reiz – dem Schmerzausdruck auf dem Gesicht – in der Umwelt handeln, ohne dass das die eigene Gefühlswelt gleich stärker berührt.

"Wir können das nun in unserer Studie erstmals trennen", sagt Lamm: "Die automatische Antwort alleine erklärt nämlich nicht das, was wir im Gehirn sehen." Bei den Messungen der Gehirnaktivität der Zusehenden stellte sich heraus, dass es wirkliche und auch deutliche Unterschiede gibt.

Unterschiedliche Netzwerke aktiv

"Die Ergebnisse zeigten, dass vorgetäuschte Schmerzen tatsächlich den vorderen insulären Kortex aktivierten", sagt die Studien-Erstautorin Yili Zhao. "Entscheidend war aber, dass diese Gehirnregion durch die tatsächlichen Schmerzen wesentlich stärker aktiviert wurde, und somit zweifelsfrei auch mit dem Nachempfinden von echten Schmerzen in Zusammenhang steht."

Das Forschungsteam stellte fest, welche Hirnregionen beim Betrachten von augenscheinlich echtem oder vorgegaukeltem Schmerz aktiv sind. (Symbolbild)
Bild: Science Photo Library / picturedesk.com

Im Fall des vorgetäuschten Schmerzes schaltete sich auch noch vor allem eine zweite Hirnregion – der rechte supramarginale Gyrus – verstärkt zu, der diese Reaktion offenbar eindämmt, erklärt Lamm. Damit zeigte das Forschungsteam: Beobachtet man Menschen, die unter echten Schmerzen leiden und solche, die dies nur vortäuschen, sind unterschiedliche Netzwerke im Gehirn aktiv.

Ungerechte Behandlung

Diese Erkenntnisse spielen eine Rolle für die Gleichbehandlung von Patientinnen und Patienten durch medizinisches Personal. Es gibt beispielsweise Studien aus den USA, die feststellten, dass Frauen oder Menschen mit bestimmten ethnischen Hintergründen weniger Schmerzmittel verschrieben werden. "Dazu gibt es viel Evidenz", sagte Lamm.

Dieses Verhalten könne einerseits kulturell erklärt werden, wenn man annimmt, dass eine Ärztin oder ein Therapeut bestimmten Bevölkerungsgruppen eher unterstellt, Schmerzen nur vorzutäuschen. "Es könnte aber auch damit zusammenhängen, dass der Schmerzausdruck in Gesicht von bestimmten Personengruppen weniger gut erkannt oder nicht so intensiv interpretiert wird", erklärt der Forscher.

Die nun entdeckten Gehirnnetzwerke, die unterscheiden helfen, was quasi echt und nicht echt ist, könnten hier also eine gewisse Rolle spielen. Womöglich wird der Mechanismus durch unterschiedliche sozioökonomische Hintergründe, ethnische Zugehörigkeit oder das Geschlecht des Gegenübers beeinflusst. (red, APA, 21.9.2021)