Die Kanzlerin leistet Wahlkampfhilfe.

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Regenwetter in Stralsund.

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Angela Merkel hat schon schönere Tage in Stralsund erlebt. Nach der Wende begann dort, in der Hansestadt in Mecklenburg-Vorpommern, ihre politische Karriere. Acht Mal seit 1990 hat sie in ihrem Wahlkreis das Direktmandat gewonnen. Doch am Dienstagabend, bei ihrem Abschiedsbesuch vor der deutschen Bundestagswahl, regnet es in Strömen, es ist kalt und unfreundlich.

Dennoch haben sich viele Menschen auf dem Alten Markt versammelt. "Einmal noch Angie schauen", erklärt Rentner Johannes, warum er gekommen ist. Es sei schon schade, dass sie nun abtrete, meint er. Doch: "So ist es in der Demokratie, da muss irgendwann einmal ein Wechsel stattfinden." Und noch wichtiger als Merkel sei etwas anderes: "Dass die CDU die stärkste Kraft bleibt nach dieser Wahl."

Dieser Ansicht ist auch Merkel, und daher hat sie sich entschieden, doch noch in den Wahlkampf einzugreifen, doch noch einmal auf den Marktplatz zu gehen, um dem schwächelnden Unionskandidaten Armin Laschet unter die Arme zu greifen. Lange Zeit wollte sie das nicht. Der gemeinsame Termin mit Laschet in ihrem eigenen Wahlkreis wurde erst spät bekanntgegeben. Das Medieninteresse ist enorm, 150 Journalisten haben sich angemeldet.

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Doch abgesehen von diesen sind bei weitem nicht nur Fans gekommen, Pfiffe gellen über den Platz, und sie werden auch während der Reden nicht verstummen. "Merkel muss weg", brüllt es aus der Menge, als die Kanzlerin in der Dunkelheit ankommt und sich unter vielen Regenschirmen den Weg zur Bühne bahnt. Die Stimmung erinnert an den Wahlkampf 2017. Zwei Jahre nach der Flüchtlingskrise gehörte dieser Ruf vor allem in Ostdeutschland fast zu jeder Wahlkampfveranstaltung dazu. Vier Jahre später schallt auch noch "Friede, Freiheit, keine Diktatur" über den Platz, mit Inbrunst von Kritikern der Corona-Politik gerufen. Sie protestieren gegen einen weiteren Lockdown. "Stoppt das System Merkel – Lockdown ohne mich", steht auf einem Plakat.

Merkel aber lässt sich nicht beirren, zumal junge Fans enthusiastisch den Gegenchor anstimmen: "Wir wolln die Mutti sehn, wir wolln die Mutti sehn." Sie sagt zu Laschet, der bei ihr auf der Bühne steht: "Wenn du Bundeskanzler bist, musst du einmal bei Tageslicht und Sonnenschein wiederkommen." Doch ob Laschet tatsächlich als deutscher Bundeskanzler wieder nach Stralsund reisen wird, ist offen. Er muss hart kämpfen in diesen letzten Tagen, in Umfragen liegt die Union hinter der SPD.

"Aaaaarmin Laschet, der Kanzler!"

Sie wisse, dass Laschet "um jeden Arbeitsplatz in seinem Bundesland kämpft", wirbt Merkel für ihn. Jetzt gehe es darum, dass Deutschland "Anschluss an die Besten der Welt" halte. Dazu gehöre, dass man nach Bewältigung der Corona-Krise wieder solide wirtschafte. Sie sei sich, sagt Merkel, aber nicht sicher, dass "Rot-Rot-Grün das tut". Denn dort heiße es ja: "Weg mit der Schuldenbremse." Zudem drohten in einem linken Bündnis höhere Steuern. Die Union hingegen wolle "Markt und Mitte walten lassen" und Unternehmen nicht zusätzlich belasten. Schließlich sollen diese für Beschäftigung sorgen. "Wer schafft denn die Arbeitsplätze? Das ist doch nicht der Staat", ruft Merkel.

Laschet spreche daher von einem "Modernisierungsjahrzehnt". Sie warnt in Richtung Rot-Rot-Grün vor einer Politik, die "nur über das Verteilen nachdenkt, aber nicht über das Erwirtschaften".

Pflichtbewusste Rede

Es ist keine leidenschaftliche Rede, die Merkel hält, eher eine pflichtbewusste. Soll nachher bloß keiner sagen, sie habe sich nicht genug für Laschet eingesetzt. "Meine Bitte an Sie", schließt Merkel, "dass Sie alles dazu beitragen, Deutschlands Wohlstand auch für die nächsten Jahre zu sichern, Deutschlands Sicherheit möglich zu machen. Und da ist derjenige, der das kann, der dafür leidenschaftlich kämpft, Armin Laschet."

Die Warnung vor einem linken Bündnis kommt auch bei Laschet vor. Zunächst erzählt er aber, dass Merkel ihren Wahlkreis immer als den "schönsten" bezeichnet habe. Er lobt, dass diese Region stärker dasteht als vor 30 Jahren: "Das ist auch dein Verdienst."

Dann sagt er, es sei wichtig, dass Unternehmen nach der Pandemie investieren. Es sei daher "völlig falsch", was SPD, Grüne und Linke planen, nämlich Unternehmen "durch höhere Steuern belasten".

Strenge CO2-Werte vertreiben Industrie

Er betont auch, dass Deutschland "klimaneutrales Industrieland" werden solle, dafür müsse Stahl "klimaneutral hergestellt werden". Aber wenn "man die CO2-Werte zu streng macht", dann wandere die Industrie ab: "Dann wird der Stahl in Indien oder China produziert und schädigt trotzdem das Weltklima." Man müsse also alles tun, dass Stahl- und Autoindustrie in Deutschland bleiben und "wir gemeinsam den Weg zur Klimaneutralität gehen". Laschet: "Das ist etwas anderes als rot-grüne Verbotspolitik."

Außerdem lobt er die gute Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden in Deutschland, so habe ein geplanter Anschlag auf die Synagoge in Hagen verhindert werden können. Die Linke hingegen wolle Polizei und Verfassungsschutz "schwächen". Lang redet auch Laschet nicht. Während er spricht, sind ebenfalls stetig Pfiffe zu hören. Zum Schluss wünscht er noch allen "einen guten Endspurt im Wahlkampf" – vermutlich sich selbst eingeschlossen. (Birgit Baumann aus Stralsund, 21.9.2021)