Denkanstoß für Denkmäler

Wie ein hoher Polizeibeamter die Entstehung des Ibiza-Videos ermöglicht hat

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Seit Ausbruch der Covid-Pandemie werden klassische Smalltalk-Pausen-Überbrückungs-Phrasen wie "Was sagst zum Wetter?" oder "Das Fernsehprogramm wird auch immer schlechter" immer öfter abgelöst durch die stoßseufzerhaft vorgetragene Forderung: "Eigentlich müßte man den Machern des Ibiza-Videos ein Denkmal setzen!"

Die Vorstellung, dass ohne dieses Video moralische oder intellektuelle Talsohlen wie Herbert Kickl oder Beate Hartinger-Klein sich als Minister in der Corona-Krise machtpolitisch verwirklicht hätten, erinnert als Gruselgedankenspiel an die Schilderung eines verhinderten Flugpassagiers, der das Boarding eines kurz darauf abgestürzten Flugzeugs nur durch zufällige Umstände knapp versäumt hat.

Ex-FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache im großen Schwurgerichtssaal im Landesgericht Wien.
Foto: APA/GEORG HOCHMUTH

Umso erstaunlicher, dass von staatlicher Seite her der Umgang mit den für das Video Verantwortlichen keine Spur von Dankbarkeit erkennen lässt. "Es geht letztlich nur darum, den Angeklagten zu bestrafen, da er das Ibiza-Video gemacht und Teile davon veröffentlicht hat!", erklärten dieser Tage die Anwälte des wegen Drogenhandels angeklagten Julian Hessenthaler. Dem hält der Staatsanwalt entgegen, dass es nur um Kokain und nicht um Politik gehe – eine Trennlinie, die nicht immer leicht zu ziehen ist, wie man aus den jüngsten Enthüllungen rund um einige Martin-Ho-Lokale weiß.

Untreue und Geldwäsche

Aber auch ein anderer Mann, ohne dessen Mitarbeit das Ibiza-Video nie gedreht worden wäre, könnte sich unbedankt fühlen: der Leiter des Bundeskriminalamtes Andreas Holzer. Ihm wurde schon am 27. März 2015 von den künftigen Videoproduzenten diverses Belastungsmaterial über HC Strache vorgelegt. Unter anderem Fotos der prallgefüllten Bargeldtasche in Straches Kofferraum, in der mutmaßlich das sogenannte Schellenbacher-Geld transportiert wurde. Dem mittlerweile rechtskräftig zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilten Ex-FPÖ-Abgeordneten Thomas Schellenbacher sollen ukrainische Investoren um zehn Millionen Euro sein Mandat als FPÖ-Nationalrat gekauft haben. Eine außergewöhnliche Form von Wertschätzung, welche die in jüngster Zeit immer öfter vermutete Käuflichkeit heimischer Politiker zumindest vom Verdacht der Billigkeit befreit.

Die Reaktion Holzers auf das für Strache den Verdacht der Untreue und Geldwäsche nahelegende Material war höchst bemerkenswert: ein – noch dazu unvollständiger – Aktenvermerk. Und sonst nichts.

Erst diese rätselhafte Untätigkeit des hohen Polizeibeamten ließ die enttäuschten Belastungsmaterialsammler über mögliche schärfere Munition nachdenken. Das Resultat dieser Überlegungen wurde am 17. Mai 2019 erstmals einer breiten Öffentlichkeit präsentiert und wäre ohne die folgenschwere Arbeitsverweigerung Andreas Holzers wohl nie zustande gekommen. Noch zu errichtende Ibiza-Denkmäler sollten daher auch seine Leistung würdigen.

Denn gerade paradoxe Interventionen können Großes auslösen und verdienen ebenso die Ehrung durch ein Memorial. So gesehen könnte ein Thomas-Schmid-Handy-Monument schon in Planung sein.

Und sollte die ÖVP das alles ohne massiven Absturz in der Wählergunst überstehen, wäre ihrerseits ein Denkmal für Pamela Rendi-Wagner und Hans Peter Doskozil fällig. (Florian Scheuba, 23.9.2021)

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