Sich von schlechten Beziehungen freimachen soll Raum für Neues schaffen, sagen viele Minimalisten. Dazu gehöre auch, allein sein zu können.

Foto: Getty Images

Als Luke Jaque-Rodney beschlossen hatte, sein Leben neu zu ordnen, packte er seinen Besitz in drei Boxen: "Trash" (Müll), "Treasure" (Schatz) und "Transfer" (Weitergabe). Die meisten seiner Sachen landeten in der Transfer-Box, was bedeutete, dass er sie verschenkte oder online verkaufte, ein Teil landete im Müll, nur wenige Dinge waren "Treasure", also so wertvoll, dass er sie unbedingt behalten wollte. "Ich will das Zuhause so störungsfrei und effizient wie möglich gestalten, meine Zeit nur mit jenen Dingen füllen, die ich wirklich brauche", sagt Jaque-Rodney. Mit seiner Laptop-Kamera führt er durch sein Wohnzimmer: Eine Couch, eine Kommode, ein kleiner Schreibtisch und eine Kamera mit Stativ stehen dort, ansonsten gibt es kaum etwas, das vor den weißen Wänden des Raumes ins Auge sticht. "Umso weniger in der Umgebung ist, desto fokussierter und freier bin ich."

Jaque-Rodney ist bekannter Youtuber, regelmäßig schauen dem 28-Jährigen tausende Menschen zu, wenn er aus seiner Wohnung im deutschen Bochum über Minimalismus referiert. Der bedeute nicht Verzicht, sondern "weniger, aber besser", sagt Jaque-Rodney. Seit Jahren boomt der Trend zum reduzierten Lebensstil, angetrieben von der via Netflix-Serie bekannt gewordenen japanischen "Aufräummeisterin" Marie Kondo sind mittlerweile hunderte Blogs, Videos und Bücher dazu erschienen. Dabei hat sich innerhalb der Bewegung schon eine neue Gruppe an Youtuberinnen und Influencern gebildet, die nicht nur die Reduktion von Dingen, sondern auch von Menschen und Beziehungen bewerben. "Beziehungsminimalisten" sortieren "gute" von "schlechten" Freunden aus, wollen sich von emotionalem Ballast befreien, Kontakte reduzieren und bei Bedarf auch einfach allein sein.

Luke Jaque-Rodney spricht in seinen Videos häufig über das Thema Minimalismus.
Foto: Luke Jaque-Rodney

Fehlendes Interesse

Vor rund einem Jahr habe er sich Gedanken darüber gemacht, wie er Minimalismus auch in seinen Beziehungen leben könne, erzählt Jaque-Rodney. "Das war kein plötzlicher Cut, sondern viele kleine Entscheidungen." Er habe gemerkt, dass er sich mit manchen Menschen nur aufgrund eines bestimmten Umstands getroffen habe, etwa, um gemeinsam in die Stadt zu gehen, ohne dass es ein beidseitiges Interesse aneinander gegeben hätte. Lediglich zu sagen, dass man sich bereits lange kenne, sei kein Grund, die Freundschaft aufrechtzuerhalten. "Es geht darum, wenige, aber dafür qualitative Freundschaften zu haben", sagt Jaque-Rodney. Für alle anderen Beziehungen sei ihm die Zeit einfach zu schade.

Ähnlich formuliert es der bekannte US-amerikanische Minimalist, Autor und Redner Joshua Fields Millburn. Über die meiste Zeit seines Lebens habe er sich mit Menschen umgeben, die lediglich "nah" waren, weil sie als Klassenkameraden, Kolleginnen oder Bekannte eben räumlich nah waren, schreibt er in einem seiner Blogs. In den meisten Fällen teilte er mit diesen Menschen jedoch wenige Werte oder Interessen. Trotzdem habe er aus Bequemlichkeit an diesen Beziehungen festgehalten. Das Schlimmste seien jedoch toxische Beziehungen gewesen, in denen die andere Person mehr nehme als gebe und einen dadurch langsam auszehre.

Online-Beziehungen

Die Lösung für Millburn: entweder die Beziehung reparieren – was Zeit, Verständnis und Bemühen von beiden Seiten erfordert –, oder sie beenden und sich mit neuen Menschen umgeben. Er selbst habe die meisten seiner nunmehr bedeutsamen Beziehungen online gefunden, wo er Menschen, die dieselben Werte und Interessen haben und die Welt mit ähnlichen Augen sehen, unabhängig von räumlicher Distanz begegnen könne.

Andere Minimalisten wie zum Beispiel die 25-jährige US-amerikanische Youtuberin Kelly Stamps, die viele ihrer Alltagsgegenstände verschenkte oder verkaufte, erzählen in ihren Videos, auch auf einige soziale Medien verzichten zu wollen, um ein "einfacheres" Leben führen zu können. "Früher hatte ich zwanzig Freunde, von denen viele nicht wirklich eng waren", sagt sie. Jetzt habe sie diese Zahl auf vier reduziert und verbringe mehr Zeit allein, um sich persönlich weiterzuentwickeln.

Privilegierte Position

Viele kritisieren den neuen Lebens- und Beziehungstrend aber auch. Minimalismus sei eine Bewegung von Privilegierten, die die Wahl hätten, auf Dinge zu verzichten, während es für Menschen, die weniger finanzielle Mittel haben, keine Option sei, noch weniger zu haben, schreibt beispielsweise die New York Times-Journalistin Stephanie Land. Gleichzeitig würden laut Kritikern viele Minimalisten, die einen Anti-Konsum-Lebensstil predigen, selbst eine eigene Konsumindustrie rund um ihre Ratgeberbücher, Filme und Reden bewerben. Stamps sagt beispielsweise in einem ihrer Videos, dass sie monatlich 40.000 Dollar verdient, 2000 Dollar für die Miete bezahlt und sich immer wieder teure Designerstücke kauft.

Nicht zuletzt ist aufgrund dieser Kritik seit einigen Jahren und insbesondere in Zeiten der Pandemie bereits ein Gegentrend zum Minimalismus entstanden: der Maximalismus, der mit dem Leitgedanken "Mehr ist mehr" wirbt. Bei der Wohnungseinrichtung bedeutet das etwa bunte Wände, viele Möbel und Gegenstände und ordentlich Dekoration, bei Beziehungen wohl viele Kontakte und Freundschaften, sowohl analog als auch digital, von denen die meisten nicht unbedingt eng sein müssen, dafür aber dabei helfen, in neue Kreise und Blickwinkel einzutauchen.

Glückliche Minimalisten

Trotz der Kritik beharren Minimalisten darauf, dass ihnen ihr Lebensstil bereits viel gebracht habe. Dies bestätigt auch eine Studie aus dem Jahr 2020, bei der zehn Menschen, die nach dem Minimalismus leben, befragt wurden. Die Mehrheit gab an, sich dadurch unabhängiger, aufmerksamer, effizienter und glücklicher zu fühlen.

Welcher Lebensstil am geeignetsten ist, ist vor allem eine Typ-Frage, sagt Jaque-Rodney. Er würde nie versuchen, anderen Menschen seinen Lebensstil aufzudrängen. Ihm habe der Ansatz geholfen, mehr über sich selbst und seine Beziehungen zu reflektieren, mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln und noch besser allein sein zu können.

Treffen mit Fremden

Minimalismus bedeute jedenfalls nicht, sich nur teure Dinge anzuschaffen – Jaque-Rodney habe auch weiterhin günstige Möbel von Ikea –, sondern eher den Fokus auf persönlich wertvolle Dinge zu legen. Zudem sollte man seine Beziehungen nicht voreilig auflösen. "Wir wachsen nur mit anderen Menschen", sagt er.

In den nächsten Wochen will sich Jaque-Rodney deshalb über die Plattform Bumble mit neuen Menschen vernetzen und sich dann ein Mal pro Woche mit einem Fremden treffen, um "über das Leben zu sprechen", sagt er. "Das muss nicht der beste Freund werden. Es genügt, wenn die Begegnung bereichernd ist." (Jakob Pallinger, 25.9.2021)