Im Zeichen der Raute siegen lernen: Olaf Scholz kann also Kanzler. Das Signal bedeutet: Alles soll so bleiben, wie es ist.

Foto: Thissen/dpa/picturedesk.com

Armin Laschet ist Zweiter. Dennoch möchte er eine Berliner Koalition unter seiner Führung bilden, quasi "aus der Mitte des Bundestages heraus". Vielleicht muss man buchstäblich aus allen Wolken gefallen sein, um derart punktgenau den heißbegehrten Platz in der Mitte für sich zu reklamieren. Man wollte Laschet, dem Pech-und-Pannen-Kandidaten der Union, diese ominöse Stelle zunächst gar nicht streitig machen. Zu groß schien die Verblüffung der Mitbewerber am Sonntagabend.

Auch Olaf Scholz, der betont kühle SPD-Sieger dieser ersten deutschen Bundestagswahl "nach" Merkel, fand aus dem Staunen kaum heraus. Im Inneren des "Scholzomaten" schienen – etwa aus Anlass des abendlichen Beisammenseins in der Berliner Runde –, die mit sozialem Isolierband umwickelten Drähte heiß zu laufen. Nur anmerken ließ er sich seine Empörung kaum.

Als Platz liegt die politische Mitte, wenigstens für Laschet, an der Sonne oder doch zumindest im Berliner Kanzleramt. Dabei hatte die Bundestagswahl soeben mit einer mittleren Katastrophe für die CDU/CSU geendet.

Um acht Komma acht Prozentpunkte ist der "Balken" der Partei von Konrad Adenauer und Helmut Kohl "hinuntergegangen". Laschet selbst? Blieb davon gänzlich unbeeindruckt. Er hatte vollauf genug damit zu tun, sich das sonnigste Fleckchen unter den Nagel zu reißen: im Berliner Konrad-Adenauer-Haus, im Kreise der Parteifreundinnen und -freunde, unter ihnen eine waschechte Kanzlerin. Die tat, als ginge sie das alles nichts mehr an.

Man muss sich ins Gedächtnis rufen: Laschet, der verschmitzte Aachener, brach angesichts der Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen in ein Gelächter aus, das nicht nur von Landsleuten, die soeben ihr Dach über dem Kopf verloren hatten, als unangemessen empfunden wurde. Laschet hat noch am Wahlsonntag mit der inkorrekten Faltung seines Stimmzettels in aller Öffentlichkeit einen weiteren Bock geschossen.

Phönix aus der Asche

Zugleich, und darin lag ein Stück Meisterschaft an einem für ihn vollkommen verkorksten Wahlabend, gab Armin Laschet den Phönix, der voller Nachdenklichkeit und gerade deshalb umso glaubwürdiger aus der Asche steigt. Um neuen "Schub" zu erzeugen, wolle er, notabene als Zweitplatzierter, "unterschiedliche Parteien zusammenbringen". Längst bezeichnet die nebulöse Mitte jene neuralgische Stelle, an der sich alle deutschen Bundestagsparteien treffen, solange sie eben keine Linken sind oder der AfD angehören. Mittig sein heißt: genügend guten Willen aufzubringen, um in der einen oder anderen Dreierkonstellation die Bildung einer koalitionären "Klimaregierung" zustande zu bringen.

Zugleich markiert die Mitte einen vollkommen paradoxen Standort. Wer dessen Stelle – und nicht etwa den eigenen Standpunkt – mit dem Anspruch auf Führung einnimmt, hat zweierlei zu leisten. Er hat fortzuführen, was die allseits beliebte Vorgängerin während 16 Jahren verkörpert hat – ohne die Masse der Bundesbürgerinnen und -bürger mit ungestümem Reformeifer zu verschrecken. Zugleich soll der deutschen Gesellschaft das Gespenst des "Stillstands" ausgetrieben werden. Der Bruch mit liebgewonnenen Gewohnheiten zwingt die deutschen Automobilweltmeister zum Beispiel, von den Fossilbrennstoffen binnen Zehn-Jahres-Frist ungerührt Abschied zu nehmen.

Derart auf das gedanklich-technische Niveau eines Zündkerzenwechsels heruntergebracht, verflüchtigt sich der zarteste Anflug von Wechselstimmung. Immerzu soll das Umkrempeln der Verhältnisse nichts Besseres bewirken als die reibungslose Fortsetzung der Gegenwart. Nur die Mittel zu deren Erhaltung werden geringfügig geändert.

Man fühlt sich in die Ungewissheit zwischen Scholz oder Laschet verstoßen, an Ciceros "Historia magistra vitae" erinnert. Aus der Geschichte lernen bedeutet, sie nicht als singuläre zu begreifen. Lernen lässt sich einzig und allein aus ihrer Wiederholung. Nur weil die Menschen sich ihrer Natur nach ähnlich bleiben, haben sie es auch verdient, das Gute, allseits Bewährte, neuerlich verabreicht zu bekommen.

Vom Fettnapf ins Amt

Das führt dann dazu, dass ein SPD-Kanzlerkandidat Merkels Raute verblüffend lebensecht nachzubilden versteht und damit auch das dankbare Gelächter der eigenen Genossinnen und Genossen erntet. Hinzu kommt ein CDU-Kandidat, der gerade mit Bomben und Granaten die Wahl verloren hat und dennoch aus dem Fettnapf direkt ins Kanzleramt hinübersteigen möchte.

Eben weil er alles anders machen will. Und damit sich und allen deutschen Bundesbürgerinnen und Bundesbürgern treu zu bleiben wünscht. Damit alles, was grundlegend verändert gehört, bleiben kann, wie es immer schon war. (Ronald Pohl, 28.9.2021)