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Zwar werden Boomer über ihre Geburtsjahrgänge definiert – als Babyboomer gelten die zwischen 1946 und 1964 Geborenen –, das Boomertum ist aber mehr eine vom Alter unabhängige Weltanschauung. Ein wichtiger Aspekt des Boomerismus basiert auf der Annahme, dass Privilegien, in deren Genuss man ausschließlich durch Zufall kam, Rechte seien, die einem unbedingt zustehen. Dementsprechend verhalten wir uns wohl alle öfters boomerisch, ironischerweise oft in unserer Jugend.

Vor ein paar Jahren war ich also richtiggehend wütend, als sie den Morisson Club an der Wienzeile zusperrten. Ich war in der Akme meiner Ausgehfähigkeit, und plötzlich gab's meinen Lieblingsclub nicht mehr! Bodenlose Frechheit! Schlimm war es auch bei der Transporter-Bar. In der lieblichen Ranz-Hütten herrschte hundertprozentige Schmusegarantie, es war wie Analog-Tinder dort! Hart traf mich auch, als es im Brut aus war. Die Partys dort, ein Traum. Es war wild, verschwitzt, und ich kann mich noch genau an das Geräusch erinnern, das die Schuhe auf dem von Mixgetränken klebenden Boden machten.

Aus nach 17 Jahren

Dann wurde ich erwachsen und akzeptierte, dass die Beastie Boys wohl doch nicht ganz recht hatten; ein "right to party" gibt es nicht, die Schließungen der Partyoasen waren auch keine persönlichen Angriffe auf den Spaß in meinem Leben.

Nun wurde bekannt, dass mit dem Elektro Gönner eine weitere Wiener Institution zusperren muss. Wegen baulicher Maßnahmen und der Belastung durch die Corona-Krise wurde die Entscheidung, das Lokal nach 17 Jahren zu schließen, getroffen, wie die Betreiber auf Facebook mitteilen.

Für viele war das Elektro Gönner zu einem gewissen Zeitpunkt in ihrem Leben ein Ort, um den jugendlich-boomerhaften Egozentrismus auszuleben, ein Ort, an dem die Party nur für einen gemacht zu sein schien, ein identitätsstiftender Ort.

Sterben diese Orte, auch wenn man sie selbst gar nicht mehr so häufig frequentiert, stirbt immer auch ein Teil der eigenen Jugend. Und so betrauert man nicht den Verlust eines Lokals, wohl auch nicht so sehr den der verlorengehenden Arbeitsplätze, sondern in bester Boomer-Manier: sich selbst. Und das ist ja auch ganz okay so. (Amira Ben Saoud, 28.9.2021)